KISS ist weltweit das zweitgrößte Hygienenetzwerk

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Hygiene im Krankenhaus : Der Kampf gegen die Keime
Wichtigste Waffe: Ärzte und Pfleger sollten sich die Hände desinfizieren – vor jedem Patientenkontakt.
Wichtigste Waffe: Ärzte und Pfleger sollten sich die Hände desinfizieren – vor jedem Patientenkontakt.Foto: dpa/Patrick Pleul

Die Analyse der Daten übernimmt das Nationale Referenzzentrum für Krankenhaushygiene (NRZ) an der Charité, das von der dortigen Chefhygienikerin Petra Gastmeier geleitet wird. Die am KISS beteiligten Kliniken müssen sehr viel mehr tun, als nur Fragebögen auszufüllen, sagt Gastmeier. „Zu Beginn der Mitgliedschaft gibt es einen Einführungskurs für die Klinikhygieneärzte und das Hygienefachpersonal, dann alle zwei Jahre in Berlin einen Erfahrungsaustausch.“ Mittlerweile sei das System europaweit vernetzt und damit das zweitgrößte Hygienenetzwerk nach dem der USA, wo sich rund 11 000 Kliniken an einem vergleichbaren Kontrollsystem beteiligen.

Auch in Berlin machen immer mehr Krankenhäuser mit. Seit 2017 ist nun auch der landeseigene Klinikkonzern Vivantes, der neun Krankenhäuser in der Stadt betreibt, mit von der Partie; zunächst mit einzelnen Modulen und einzelnen Stationen. Aber man werde das KISS nach und nach an allen Standorten und für immer mehr Module ausrollen, sagt Christian Brandt, der seit 2017 oberster Klinikhygieniker des Konzerns ist.

Brandt ist – im Gegensatz zu Vorgänger Klaus-Dieter Zastrow – ein Fan von KISS. Das System erlaube die methodisch korrekte und systematische Erhebung von Hygienedaten. Die Kritik an KISS, dass die Methode nur eine Datenauswertung in der langfristigen Rückschau erlaube und man so nicht auf akute Infektionsausbrüche reagieren könne, lässt Brandt nicht gelten. Für die akute Reaktion sei KISS auch gar nicht gedacht, sondern dafür, im Vergleich die systematischen Schwachstellen in der eigenen Hygienevorsorge zu erkennen. KISS sei kein Frühwarnsystem für einen akuten Ausbruch. Deshalb habe Vivantes ein zweites Überwachungssystem, das bereits nach zwei oder drei aufgetretenen ungewöhnlichen Infektionsfällen Alarm schlage, sagt Brandt. Jede Klinikinfektion werde dokumentiert und gemeldet. Ist etwas ungewöhnlich, könne man sofort reagieren. Brandts Team von Hygienefachleuten ist groß: Acht Ärzte und 24 speziell qualifizierte Pflegekräfte schauen nach dem Rechten und prüfen die organisatorische, technische und bauliche Infektionsvorsorge. Sein Hygieneinstitut koordiniert auch die Überwachung von Klimaanlagen, etwa in OP-Sälen. Hier und auf bestimmten Stationen muss die Luft auch keimarm sein. Diese Überprüfungen belasten den Klinikbetrieb, weiter operiert werden muss trotzdem. Also muss Brandt alles von langer Hand planen.

Hygienefachleute galten früher als Störfaktor

Leute wie Petra Gastmeier oder Christian Brandt und Kollegen galten früher als Störfaktoren im Betrieb. So mancher Chefarzt brummte: „Ich bin Chirurg, ich muss operieren können. Hygiene interessiert mich nicht.“ Und die Ökonomen ließen ihre vermeintlichen Saubermänner wissen: „Hygiene kostet bloß Geld und bringt wenig Nutzen.“ Die Zeiten haben sich geändert. Krankenhaushygiene erspart nicht nur manchem Kranken eine langwierige und schmerzhafte, mitunter tödliche Infektion, sie spart auch Kosten. Seit einigen Jahren gelten in Deutschland Fallpauschalen, das heißt, die Klinik bekommt eine feste Summe pro behandelter Krankheit – egal, wie viele Tage der Patient bleibt. Je länger der das Bett hütet, desto weniger verdient die Klinik an ihm. Studien haben gezeigt, dass Patienten, die sich eine Infektion der Operationswunde zuziehen, im Schnitt 7,3 Tage länger in der Klinik bleiben müssen.

Die Autoren einer Studie im Vivantes Klinikum im Friedrichshain haben berechnet, dass die Behandlung eines Patienten, der sich im Krankenhaus mit einem multiresistenten Erreger (MRSA) infiziert hat, im Schnitt 11 000 Euro kostet. Dem stand ein Erlös von den Krankenkassen von 3000 Euro gegenüber. Ein reines Verlustgeschäft also. Billigste Lösung ist: Hören Sie auf Ihren Hygieniker! Die teuerste Konsequenz: ein Prozess. Denn Infektionen wegen mangelnder Hygiene im Krankenhaus gelten als Kunstfehler. Und Schadensersatz zahlen zu müssen kann sehr teuer werden. Zusätzlich motivieren auch gesetzliche Vorgaben. In Berlin gilt seit 2012 für alle Krankenhäuser eine Hygieneverordnung. Das alles erleichtert den Hygienikern ihren Job im Kampf gegen die Keime und ihre Übertragungswege.

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