Eine saubere, trockene Oberfläche ist der natürliche Feind aller Keime

Seite 2 von 2
Hygiene in der Küche : In der Gefahrenzone
Ungemütlich. Keime fühlen sich im Kühlschrank nicht wohl. Dennoch sollten die Flächen regelmäßig gesäubert werden.
Ungemütlich. Keime fühlen sich im Kühlschrank nicht wohl. Dennoch sollten die Flächen regelmäßig gesäubert werden.Foto: dpa/Christin Klose

Keime auf Fleisch, Fisch und Gemüse, ein permanent verseuchter Spülschwamm. Da scheint es absolut sinnvoll, wenigstens in der Küche alles ordentlich zu desinfizieren.

Wer desinfiziert, reduziert lediglich die Menge der vorhandenen Keime, indem er einige abtötet, sodass keine akute Infektionsgefahr besteht. Hinzu kommt, dass gar nicht alle Stellen etwas abkriegen, wenn Sie einfach drübersprühen; ein Teil des Biozids landet mit der Atemluft in der Lunge. Eine saubere, trockene Oberfläche ist der natürliche Feind aller Keime. Das schaffen Sie spielend mit einem normalen Haushaltsreiniger oder einer guten Seife. Da muss nichts aggressiv oder antibakteriell sein.

Für den Kühlschrank werden Stäbchen gepriesen, die man einmal knickt, reinhängt und die dann einen Monat lang dafür sorgen, dass die Lebensmittel länger frisch bleiben, weil sich Keime weniger schnell vermehren.

Der dort verwendete Stoff ist das Biozid Chlordioxid, das bei Raumtemperatur zu einem giftigen Gas wird. Um wirken zu können, muss es sich in einer gewissen Konzentration im Kühlschrank anreichern und kommt natürlich mit den Nahrungsmitteln in Kontakt und kann eindringen. Vor wenigen Jahren war der Aufschrei groß, als bekannt wurde, dass Hühnchenfleisch mit Chlorlösung desinfiziert worden ist. Aber jetzt hängt man sich die verteufelte Substanz in den Kühlschrank?

Wenn da doch die Keime sind?

Die ureigene Aufgabe des Kühlschranks ist es, das Keimwachstum zu reduzieren. Das gelingt hervorragend, wenn die Temperatur zwischen vier und sieben Grad Celsius liegt. Salmonellen zum Beispiel bilden bei Zimmertemperatur innerhalb von 30 Minuten eine neue Generation, im Kühlschrank brauchen sie dafür fünf bis sechs Mal länger. Dort ist es für ein Bakterium einfach nicht gemütlich, es teilt sich nicht mehr so gern. Wenn Sie jetzt noch darauf achten, die Flächen im Kühlschrank sauber zu halten und zum Beispiel Butterflecken zügig beseitigen, brauchen Sie sich innerhalb des empfohlenen Aufbewahrungszeitraumes um das Keimwachstum dort keine Sorgen zu machen.

Wie sieht es aus mit antimikrobieller Sportkleidung oder Unterwäsche? Die Sachen stinken dann nicht so schnell.

All diese antimikrobiell beschichteten Bekleidungsprodukte sind meiner Meinung nach blanker Unsinn. Wenn Sie Sport machen, schwitzen Sie. Fühlen Sie sich dann wohler in den Sachen, weil sie vielleicht etwas weniger riechen, wenn die eingebrachten Nanosubstanzen das Keimwachstum eindämmen? Das ist in etwa so, als wenn man das Badezimmer dick mit Raumspray überzieht, nachdem man auf der Toilette war. Der Dreck und meist auch der Geruch sind ja dennoch da. Ich sehe den Nutzen nicht. Vielmehr sehe ich eher die Gefahr, dass wir mit Substanzen in Berührung kommen, von denen wir noch nicht wissen, welchen Einfluss sie auf unsere Körperzellen haben.

Gesetzt den Fall, ich nehme es mit dem Putzen und Spülschwammwaschen nicht so genau: Wie groß ist die Gefahr, die von Keimen ausgeht?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern hängt vom Keim und den Umständen ab. Holt man sich Salmonellen, wird das für ein Kleinkind, ältere Menschen oder solche mit einem schwachen Immunsystem schnell auch lebensgefährlich. Holt man sich einen multiresistenten Escherichia Coli, macht der Ihnen vielleicht gar nichts. Aber es kann auch sein, dass sie den Keim irgendwo an den Händen spazieren tragen, wenn sie in den nächsten Tagen zum Blut abnehmen oder zu einer Untersuchung ins Krankenhaus müssen – dort genügen ein paar Handgriffe, und der Keim gelangt in Lunge oder Blutbahn, was ebenfalls sehr gefährlich werden kann. Wenn Sie normal putzen und alle besprochenen Maßnahmen einhalten, müssen Sie sich als immunkompetenter Mensch keine Gedanken machen. Und obwohl oft das Gegenteil behauptet wird: Aus Sicht der Infektionsprävention spielt es keine große Rolle, wie oft Sie Ihre Bettwäsche wechseln.

Das Gespräch führte Claudia Füßler. Ernst Tabori ist Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Infektiologe (DGI). Seit 2009 ist er Ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper testen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben