Hygiene in Krankenhäusern : Was tut die Politik gegen Infektionen?

Dauernd werden die Krankenhäuser für mangelndes Hygienemangament kritisiert. Dabei stammen die gefährlichen Keime dort aus der Landwirtschaft. Ein Gastbeitrag

Wolfgang Albers
75 Minuten von acht Stunden Arbeit sind mit Händedesinfektion zu verbringen.
75 Minuten von acht Stunden Arbeit sind mit Händedesinfektion zu verbringen.Foto: picture alliance / dpa

Mit schöner Regelmäßigkeit stellen Politiker aller Parteien Anfragen zum – vermeintlich! – mangelnden Hygienemanagement der Krankenhäuser. „Tun die Kliniken genug gegen Krankenhausinfektionen?“ Mit gleicher Regelmäßigkeit könnten die Kliniken die Frage sofort zurückgeben: „Was macht eigentlich die Politik dagegen?“

Viele Keime, mit denen sich Patienten in Kliniken infizieren, sind übrigens nach wie vor gut zu behandeln. Es gibt aber auch Keime, gegen die Antibiotika nicht mehr helfen. Doch diese Resistenzen, also die Widerstandsfähigkeit der Keime, entstehen nicht in den Krankenhäusern. Dort werden wir als Patienten, Besucher, Mitarbeiter nur mit ihren verheerenden Auswirkungen konfrontiert. Schon vor 30 Jahren ist mir als junger Assistenzarzt in der Chirurgie eingetrichtert worden: Kein Antibiotikum anwenden, ohne vorherige Austestung der Resistenz. Und dann auch nur nach Rücksprache mit dem Oberarzt. Doch die gefährlichen Resistenzen unserer Zeit werden woanders gezüchtet: in der Tiermast. Dort werden massenhaft Antibiotika verabreicht.

Doch das politische Handlungsfeld in der Hochleistungslandwirtschaft liegt weitgehend brach. Weil sich offenbar niemand mit Agrarkonzernen und Bauernverbänden anlegen mag. Die Krankenhäuser hingegen stehen vor Zusatzausgaben in Milliardenhöhe, um endlich das Personal beschäftigen zu können, das nötig ist. Die reichlich vorhandenen Hygienevorschriften können derzeit kaum eingehalten werden. Eine Händedesinfektion dauert 30 Sekunden. Sie wird nach jedem Patientenkontakt nötig. Wie viele davon haben Schwestern und Pfleger pro Schicht? Im Schnitt sind es geschätzt 150.

Wolfgang Albers
Wolfgang AlbersFoto: promo

Folglich gilt: 30 Sekunden mal 150 ergibt 75 Minuten – die sind von acht Stunden Arbeit also mit Händedesinfektion zu verbringen. In dieser Zeit bleibt die eigentliche Arbeit liegen. Je weniger Pflegekräfte aktiv auf der Station, umso mehr Patientenkontakte für die einzelne Krankenschwester, umso mehr Zeit für die Händedesinfektion, umso weniger Zeit für die Patienten ...

Braucht es also mehr Hygienepersonal? Auch so ein Mythos, nein! Wir brauchen nicht noch mehr Mitarbeiter, die Vorgaben machen. Wir brauchen ausreichend Pflegekräfte, wir brauchen mehr Hände am Bett – damit ihnen genug Zeit am Patienten bleibt. Also auch, damit Schwestern und Pfleger ausreichend Zeit haben, sich wie vorgeschrieben die Hände zu desinfizieren. Solange es aber zu wenig Pflegekräfte auf den Stationen gibt, machen es Schlagzeilen wie „Keimbefall in Klinik XYZ“ nicht besser. Eine Klinik, die ihr Hygiene-Problem transparent macht, ist vorbildlich. Krankenhaushygiene ist eine Herausforderung, der gilt es sich offen zu stellen. Da braucht es Hilfe, keine Schmäh.

Und Krankenhäuser sind nun einmal Krankenhäuser. Zudem sind es offene Häuser. Mit Glas und Grün und Besuchern. Keine abgeschirmten Quarantänestationen, keine keimfreien Hochsicherheitstrakte. Neue Patienten können nicht allesamt erst einmal in ein Isolierzimmer gesteckt werden und die Besucher schon gar in Quarantäne, bevor sie an das Bett eines Angehörigen dürfen.

„Keimfreie“ Krankenhäuser sind also eine Illusion. Aber gerade weil das so ist, muss man dort die besten Voraussetzungen für die Vermeidung und Verbreitung von Infektionen schaffen: klare Regeln, klare Standards, aber eben auch und vor allem ausreichend – und ausreichend geschultes – Personal. Arbeitsverdichtung und Personalmangel sind die Feinde jeder Hygiene. Die Kliniken haben ein ureigenes Interesse daran, Infektionen zu vermeiden, denn jede Infektion kommt sie teuer zu stehen. Die macht die Behandlung aufwendig. Also geben wir die Frage an die Politik, die sie stellt: Was tut ihr?

Wolfgang Albers, geboren 1950 in Essen, ist Linken-Abgeordneter in Berlin. Der Mediziner arbeitete als Chirurg in den Vivantes-Kliniken. Er ist Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Abgeordnetenhaus.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben