Iliosakralgelenk : Der Stabilitätsanker

Außer den Orthopäden kennt kaum einer das Iliosakralgelenk. Doch ohne dieses Gelenk könnte wir gar nicht aufrecht gehen. Es kann für Probleme im Rückenbereich sorgen - ein Gespräch mit dem Spezialisten Ulf Marnitz.

Julia Bernwasser
Ulf Marnitz zeigt, wo genau das Iliosakralgelenk sitzt
Ulf Marnitz zeigt, wo genau das Iliosakralgelenk sitztFoto: Sven Darmer

Herr Marnitz, wenn es um Rückenschmerz geht, rückt immer öfter ein Gelenk in den Fokus, das bis vor Kurzem den Laien eher unbekannt gewesen sein dürfte: das Iliosakralgelenk. Wo sitzt es und was kann es?

Das Iliosakralgelenk, kurz ISG, ist der Übergang zwischen Wirbelsäule und Beckenring. Genauer gesagt eine Verbindung zwischen Kreuz und Darmbein. Es verbindet den Oberkörper mit den Beinen. Und wir haben zwei davon, links und rechts. Anders als Knie oder Hüftgelenk ist das ISG ein Halbgelenk, es ist nur minimal beweglich und hat wenig Spielraum. Es sorgt zum einen für die Stabilität des Beckens, zum anderen für leichte Beweglichkeit. Beim Gehen gleiten die Gelenkflächen wie Zahnräder ineinander, machen unseren Gang geschmeidig. Ohne das ISG wäre ein aufrechtes Gehen gar nicht möglich.

Gelenke sind anfällig für Schmerzen, wie jeder Orthopäde weiß. Und der Rücken ist es sowieso. Welche Rolle kann das Iliosakralgelenk bei Rückenschmerzen spielen?

Wenn die Gelenkflächen aufeinander stoßen statt ineinander zu laufen, kann das zu Schmerzen führen. Diese spüren die Patienten dann nicht nur direkt am Gelenk, sondern sie strahlen häufig auch in die Leiste und den vorderen Oberschenkel aus. Einige Betroffene vermuten dann, dass sie einen Leistenbruch haben. In Wirklichkeit haben wir es aber mit einer Blockade des ISG zu tun.

Wie entsteht diese Blockade?

Meist wird sie durch eine für das Gelenk unerwartete Bewegung ausgelöst. Eine Kiste Wasser heben etwa oder ein ungewöhnlicher Schlag beim Tennis.

Wenn ich nun an den von Ihnen beschriebenen Stellen Schmerzen verspüre, was sollte ich dann tun?

Im Grunde ist die Blockade völlig harmlos. Das ist ähnlich wie bei einer Nackenverspannung. Die Blockade löst sich nach drei bis sieben Tagen wieder auf. In der Regel laufen die Gelenkflächen nach einiger Zeit von alleine wieder ineinander oder ein Arzt renkt sie ein. Gemäß der Nationalen Versorgungsleitlinien sollte der Patient nach zwei Wochen zum Hausarzt und nach sechs Wochen zum Facharzt gehen. Bei massiven Schmerzen mit Ausstrahlung in Hand oder Fuß ist eine zeitnahe Vorstellung beim Facharzt sinnvoll.

Wenn die Blockade aber immer wieder auftritt und die Schmerzen chronisch werden, was hilft dann?

Problematisch ist, dass das Gelenk hauptsächlich knöchern geführt ist. Es gibt also im Vergleich zum Rücken weniger Muskeln, die sich trainieren ließen. Immerhin lässt sich die sogenannte Kernmuskulatur, zu der auch der Beckenboden gehört, trainieren. Übungen dafür vermitteln etwa Pilates und Yoga. „Kernmuskulatur“ ist ein Ausdruck, den Pilates geprägt hat. Sie liegt in der Tiefe des Rumpfes und hält ihn 24 Stunden am Tag zusammen. Diese Muskeln sind nicht auf kurzzeitige Spitzenleistung ausgelegt, sondern auf dauerhafte Stütz- und Steuerungsleistung. Sie sind entscheidend für eine kontrollierte Steuerung der Rumpfbewegungsabläufe. Auch ein sogenannter ISG-Gurt kann helfen, der den Beckenring von außen zusammendrückt, um so dem Becken wieder mehr Festigkeit zu verleihen. Dazu braucht es aber Geduld. Die Patienten sollten den Gurt etwa ein halbes Jahr tragen, damit sich eine Besserung einstellt.

In Internetforen, in denen sich junge Mütter austauschen, ist auch immer wieder von Rückenschmerzen durch das ISG zu lesen. Wieso sind gerade sie betroffen?

Schon in der Schwangerschaft sorgen Hormone dafür, dass die Gelenkbänder weicher werden. Bei der Geburt kann sich das Becken mithilfe des ISG besser weiten. Es unterstützt den Geburtsvorgang, indem es sich öffnet. Kehren die Gelenke nach der Geburt nicht in die Ausgangsposition zurück, kann das Schmerzen bereiten und zur Instabilität des Beckens und einer übermäßigen Beweglichkeit führen.

Kann ein Gurt auch diesen Frauen helfen?

Ja. In der Regel werden die Gelenkbänder von allein wieder fester und sorgen dann für die nötige Stabilität. Damit das geschieht, sollten Frauen möglichst stillen. Das Stillen gibt einen Reiz an den Körper weiter, durch den sich die Gebärmutter und andere Bänder zusammenziehen. Wenn das Stillen nicht hilft, dann ist für diese Frauen aber auch ein ISG-Gurt empfehlenswert.

Wer ist ansonsten besonders anfällig für Schmerzen am Iliosakralgelenk?

Frauen sind häufiger betroffen, da sie nicht nur öfter eine angeborene Überbeweglichkeit des Beckens aufweisen, sondern auch weicheres Bindegewebe. Das ISG kann auch von Arthrose betroffen sein. Diese Menschen haben dann vor allem morgens Schmerzen. Über Nacht wurden Körper und Gelenk nicht bewegt, sie sind gewissermaßen eingerostet. Nach einer halben Stunde sollte der Schmerz nachlassen. Ist er 24 Stunden am Tag vorhanden, haben wir es mit einer Entzündung zu tun. Bei Arthrose haben die Gelenke ihren Knorpelüberzug verloren. Knochen reibt an Knochen. Der dort entstandene Abrieb entzündet sich und führt zu Schmerzen.

Lässt sich so eine Entzündung beheben?

Patienten mit Arthrose am ISG spritze ich in der Regel Cortison ins Gelenk. Es sorgt dafür, dass die akute Entzündung beruhigt wird und die Patienten einige Monate schmerzfrei leben können. Damit kann ich das Gelenk aber nicht wieder gesund machen. Da werden wir Orthopäden häufig zu Unrecht beschuldigt. Verschleiß bleibt Verschleiß. Neben Patienten mit Arthrose gibt es aber auch einige, die an Rheuma im ISG leiden, etwa Menschen mit Morbus Bechterew.

Cortisonspritzen genießen eigentlich keinen guten Ruf, weil die Menschen die Nebenwirkungen fürchten. Sind sie bei Schmerzen im ISG unbedenklich?

Mein Anatomie-Professor hat gesagt: Cortison ist wie ein Messer. Sie können damit eine Madonnenfigur schnitzen oder jemanden umbringen! Das heißt, gezielte und klar indizierte Cortisoninfiltrationen sind ein Segen. Unkritische Routinespritzen nicht. Im Bereich des ISGs sind die Cortisonmengen sehr gering und oft nach Monaten verzweifelter anderweitiger Therapieversuche für die Patienten eine Erlösung! Liegt die Ursache für den Rückenschmerz jedoch im muskulären Bereich – was ja viel häufiger ist als eine ISG-Entzündung – , darf man natürlich nicht Cortison spritzen, sondern sollte mit gezieltem Muskelaufbau arbeiten.

Wie häufig ist das ISG tatsächlich betroffen, wenn Patienten über Rückenschmerzen klagen?

Es ist wichtig, zwischen dem ISG-Gelenkschmerz und dem Bänderschmerz zu unterscheiden. Viele Patienten berichten mir von Gelenkschmerzen. Dabei ist das ISG gar nicht so häufig betroffen, es sind eben eher die Bänder. Das muss dann eine eingehende Untersuchung klären. Da die Gelenkfugen so tief im Körper sitzen, ist es auch für Ärzte nicht immer einfach, eine genaue Diagnose zu stellen. Die Gelenkfugen richtig ertasten zu können, erfordert jahrelange Übung.

Gibt es die Möglichkeit, einer Blockade und den damit verbundenen Schmerzen am ISG vorzubeugen?

Die einfachste Lösung: ausreichend Sport, am besten zwei Mal pro Woche 60 Minuten. Ich empfehle Laufsport, etwa Nordic Walking. Vorteile: Man geht aufrecht und lässt das Gelenk rotieren. Dann „rostet“ es nicht so schnell ein. Auch die Stärkung der Kernmuskulatur ist sehr wichtig, bei einem guten Gleichgewicht zwischen Bauch- und Rückenmuskeln. Übrigens: Viele Frauen sagen, sie hätten keine Schmerzen, wenn sie Pumps tragen. Das ist fatal. Kurzzeitig verschwinden die Schmerzen tatsächlich, weil das Becken einrastet und sich weniger bewegt. Danach kommen sie aber doppelt so stark zurück. Die Entlastung des Rückens wird durch das Reinhängen in die Haltebänder der Wirbelsäule erreicht und nicht durch einen heilenden Muskelaufbau. So werden die Bänder überstrapaziert und über Jahre eine Fehlhaltung antrainiert, die dann schmerzhaft wird. Diese Diskussion führe ich täglich mit vielen Frauen.

Das Gespräch führte Julia Bernwasser. Ulf Marnitz ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Leitender Arzt im Gelenk- und Rückenzentrum Köpenick. Diesen und weitere interessante Artikel rund um orthopädische Themen finden Sie im aktuellen Gesundheitsratgeber „Tagesspiegel Orthopädie 2018/2019“. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29201-520 sowie im Zeitschriftenhandel.

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