Illegale Krebsmedikamente : Lunapharm-Skandal offenbar noch größer als gedacht

Länger als bisher bekannt sollen womöglich unwirksame Krebsmittel nach Brandenburg geliefert worden sein. Gesundheitsministerin Golze wusste davon wohl nichts.

Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke).
Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke).Hirschberger/dpa

Der Skandal um gestohlene und möglicherweise unwirksame Krebsmittel nimmt noch größere Dimensionen an. Das ARD-Politikmagazin "Kontraste" berichtet, dass der Brandenburger Arzneihändler Lunapharm in weitaus größerem Umfang gehandelt habe als bisher bekannt. Allein von 2013 bis 2016 soll die im Zentrum des Skandals stehende griechische Apotheke Medikamente im Wert von mehr als 20 Millionen Euro an Lunapharm geliefert haben.

Außerdem ging der Handel nach ARD-Recherchen bis mindestens März 2018 weiter. Die schwer unter Druck stehende Brandenburger Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) wusste davon offenbar nichts.  "Wir haben bis jetzt nur den Kenntnisstand der Jahre, ich glaube, 2015 bis 2017," sagte sie im Interview mit "Kontraste". Am Montag wurde bekannt, dass Lunapharm zwischen 2015 und 2017 4651 gestohlene Arzneimittelpackungen von der griechischen Apotheke bezogen hat.

Neue Spuren führen zudem ins Ausland und deuten auf ein pan-europäisches Netzwerk krimineller Medikamentenhändler hin. In Hessen und in der Schweiz sind jetzt Unternehmen ins Visier geraten.

Die von Golze eingesetzte Task Force, die am 28. August einen Zwischenbericht über das Behördenversäumnisse im Skandal vorlegen möchte, kann zudem nicht mit für die Aufklärung des Falls relevanten Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums und der Arzneimittelaufsicht in Brandenburg sprechen, weil mehrere involvierte Personen krank gemeldet, in Elternzeit oder zwischenzeitlich im Ruhestand sind. Darunter befinden sich nach Informationen von "Kontraste" auch der für Lunapharm zuständige Kontrolleur sowie eine Abteilungsleiterin aus dem für die Arzneimittelaufsicht zuständigen Landesamt LAVG.

Zwei Charité-Apothekerinnen hatten Nebenjobs bei Lunapharm

Die "B.Z." berichtet zudem, dass zwei Apothekerinnen der Berliner Charité seit 2014 genehmigte Nebenjobs bei Lunapharm hatten. Nach Bekanntwerden des Skandals mussten sie diese aufgeben.

Vor fünf Wochen war bekannt geworden, dass aus dem Mittelmeerraum gestohlene und womöglich unwirksame Krebsmedikamente über das Brandenburger Unternehmen Lunapharm vertrieben wurden. Der Arzneihändler wurde inzwischen mit einem Herstellungs-und Betriebsverbot belegt.

Womöglich unwirksam sind die Krebsmittel, weil nicht sicher ist, ob beim Transport die vorgeschriebene Kühlkette eingehalten worden ist. In der Region Berlin-Brandenburg sind nach jüngsten Erkenntnissen 220 Patienten betroffen. Lunapharm hat Krebspräparate in insgesamt 11 Bundesländer geliefert.

Im Zentrum der Kritik steht die Brandenburger Arzneimittelaufsicht, die schon 2016 Hinweise auf die kriminellen Aktivitäten von Lunapharm erhalten hat, ohne diesen nachzugehen. Auch wurde die zuständige Gesundheitsministerin Golze nicht informiert. Ob diese nach der Sommerpause weiterhin im Amt bleiben kann, gilt als unwahrscheinlich.

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