• In der Coronavirus-Krise sind Webshops gefragt: Auch kleine Berliner Geschäfte setzen auf Lieferservice

In der Coronavirus-Krise sind Webshops gefragt : Auch kleine Berliner Geschäfte setzen auf Lieferservice

In der Not gehen auch kleine Gewerbetreibende ihre ersten Schritte in die digitale Welt. Webshop-Anbieter können dabei helfen.

Kai Gies
Weil Restaurant- und Ladenbesitzer derzeit keine Kunden empfangen dürfen, bieten viele einen improvisierten Lieferservice an (Symbolbild).
Weil Restaurant- und Ladenbesitzer derzeit keine Kunden empfangen dürfen, bieten viele einen improvisierten Lieferservice an...Foto: Britta Pedersen/dpa

Der Insolvenzantrag der Restaurantkette Vapiano vor gut einer Woche war womöglich ein Vorbote für das, was auch auf kleine Gastronomen in Deutschland zukommen könnte.

Das Unternehmen erklärte den Schritt mit den Ausgangsverboten und beschränkten Öffnungszeiten im Zuge der Coronavirus-Pandemie, hatte aber schon seit Jahren mit Verlusten und Umsatzeinbußen zu kämpfen. Allein in Deutschland drohe ohne baldige staatliche Hilfen der Verlust von 3800 Jobs, sagte Vorstandschefin Vanessa Hall.

Am Montag folgte der nächste Paukenschlag: Wesentliche Unternehmen der Steakhaus-Kette Maredo stellten vorsorglich einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Düsseldorf. In diesem Fall stehen 1000 Arbeitsplätze in 35 deutschen Filialen auf dem Spiel.

Damit es ihnen nicht so ergeht wie den beiden Ketten, suchen viele kleinere Restaurants derzeit verstärkt nach Möglichkeiten, ihre Stammkundschaft mithilfe von Lieferservice und Takeaway-Angeboten zu halten.

Beim Berliner Start-up Simply Delivery nutzt man die Gunst der Stunde und bietet für eine Einmalzahlung von 99 Euro zwei Monate lang die eigene Webshop-Software zur Nutzung an.

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Laut Geschäftsführer und Unternehmensgründer Björn Wisnewski soll so die Vielfalt der örtlichen Restaurantszene erhalten bleiben: „Ich habe die Befürchtung, dass nach einer solchen Krise hauptsächlich die großen Anbieter überleben und die kleinen auf der Strecke bleiben, ähnlich wie wir das im Einzelhandel bei Einkaufszentren erleben.“

Zu den Webshop-Kunden zählen Call a Pizza und Funa Sushi

2014 hatte Wisnewski sein Start-up, das Softwareangebote an Lieferdienste verkauft, gegründet. Aus damals fünf Mitarbeitern sind inzwischen 20 geworden. Neben Webshop und Kassensystem erstellt man hier auch grafische Tischpläne für Restaurants und Kellnerabrechnungen.

Zu den Kunden zählen in Berlin beispielsweise der Lieferdienst Call a Pizza oder Funa Sushi. In der aktuellen Krise soll Neukunden die eigene professionelle Webpräsenz in vier Schritten ermöglicht werden.

Zunächst werden diese gebeten, alle Unternehmensinformationen und eine Speisekarte an Simply Delivery zu schicken. Anschließend richten die Mitarbeiter dort innerhalb von zwei bis drei Tagen den Webshop für Lieferungen und Abholungen, das Kassensystem sowie Apps für den Fahrer ein.

In der Regel müssen die Restaurants laut Wisnewski nicht einmal Geld für Hardware ausgeben: „Unsere Kassensoftware ist mit Android und Apples iOS kompatibel. Die Kunden müssen sich keine neuen Geräte anschaffen.“ An dritter Stelle folgt die Schulung der Restaurantmitarbeiter für den Umgang mit der Software.

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Hierfür stellt das Unternehmen Webinare zur Verfügung. Zu guter Letzt bekommen die Kunden noch einen Marketing-Leitfaden an die Hand, schließlich muss die neue Vertriebsform im lokalen Umfeld bekannt gemacht werden.

Wisnewski sieht hierin den vielleicht schwierigsten Teil der Aufgabe: „Die Vermarktung ist eine große Herausforderung. Zunächst ist es notwendig, vorhandene Kanäle zu nutzen und die eigenen Social-Media-Follower zu aktivieren.“

Als Startpunkt könnten auch Plattformen wie Lieferando dienen

In Reserviersystemen wie Open Table seien E-Mails von Stammkunden oft bereits gespeichert. Wer bei der Anmeldung einem Newsletter zugestimmt hat, könnte nun direkt vom jeweiligen Restaurant angeschrieben werden.

Als Startpunkt könnten auch Plattformen wie Lieferando dienen, die den Restaurants eine gewisse Bekanntheit verschafften: „Dort kann man dann auch über die eigene Webpräsenz informieren“, sagt Wisnewski. Eine solche sieht er unabhängig von der Coronakrise als unerlässlich an: „Am nachhaltigsten ist die Lösung über den eigenen Webshop. Hier kann man sich seine Stammkundschaft aufbauen und muss keine Provision zahlen.“

Aber auch klassische Kommunikationswege seien nach wie vor wichtig, um die Nachbarschaft zu informieren: „Das Verteilen von Flyern in der Umgebung funktioniert noch immer überraschend gut. Auch am Geschäft selbst sollte es Aushänge geben, die über Liefer- und Abholmöglichkeiten informieren. Noch haben wir ja keine Ausgangssperre.“

Die Nachfrage nach Wisnewskis Angeboten ist groß. Aktuell verzeichnet Simply Delivery zahlreiche Webaufrufe und Anrufe von Restaurantinhabern. Viele derjenigen, die schon vorher mit dem Gedanken gespielt hätten, würden spätestens jetzt ihren eigenen Webshop einrichten wollen, berichtet er. Normalerweise betreue man im Monat zwischen 40 und 60 Neukunden, nun könnten es dreimal so viele werden.

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Neueinsteiger ins Liefergeschäft müssten sich aber zunächst ein paar grundlegende Fragen stellen: „Wie beliefere ich? Wie groß muss mein Radius sein? Die Liefergastronomie kennt sich damit schon aus, andere lernen das jetzt.“ Aus Sicht von Björn Wisnewski ist die aktuelle Krise aber auch eine Chance für eine digitale Neuaufstellung vieler Läden. Das sei im Restaurantbereich einfacher als etwa im Einzelhandel, da die Nachfrage nach Essen nun mal ständig vorhanden sei.

Kleinere Kiezläden verfügten nur selten über einen professionellen Onlineauftritt, mit dem Einnahmeausfälle aus dem Geschäft vor Ort kompensiert werden könnten, weiß Thomas Schramm, Projektentwickler von Shopentwickler.de zu berichten: „Professionelle Angebote sind für viele zu teuer, die Einrichtung nimmt zu viel Zeit in Anspruch.“

„Verdrängungswettbewerb war bereits vor der Coronakrise sehr hart“

Zudem dürfe man die Konkurrenzsituation im Onlineversand nicht unterschätzen. „Anbieter wie Amazon sind bereits sehr präsent auf dem Markt. Kleinere Anbieter dringen schwerer durch. Der Verdrängungswettbewerb war bereits vor der Coronakrise sehr hart.“

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Mit dieser Situation will man sich bei der Berliner Agentur mitho-media nicht abfinden. Ähnlich wie Simply Delivery sieht man sich hier in der Pflicht, Kleinunternehmern beim schnellen Aufbau ihres Onlineangebots zu helfen. „Es kümmert sich ansonsten keiner um die Kleinen“, sagt Projektmanager Thorsten Raschke. Normalerweise müssten in einem Zeitraum von vier bis acht Wochen etliche Verträge abgeschlossen werden – Zeit, die viele Ladenbesitzer nicht haben.

Auch mitho-media bietet seinen Kunden E-Commerce-Software an, beliefert etwa die Supermarktkette Norma mit seinem Template. Unter dem Motto „Support your local heroes“ will die Agentur ein bundesweites Shopportal namens Kiezware.de aufbauen, das Einzelhändlern kostenlos zur Verfügung stehen soll. „Der Fokus liegt bei uns nicht auf den einzelnen Artikeln, sondern auf Städten“, erklärt Raschke. Mit der Suchfunktion des Portals sollen alle Kiezläden und Restaurants im Umfeld angezeigt werden, die sich an der Aktion beteiligen.

Die Händler können auf der Plattform ein Konto mit allen relevanten Informationen über ihr Geschäft anlegen und sofort die ersten 100 Artikel ins System stellen. Bürokratie soll dabei nicht anfallen. Erst seit Donnerstag ist die Seite am Start.

Die Geschäfte bei Kiezware.de sollen nur zwischen Händler und Kunden zustande kommen. Die Artikel werden wie üblich in den Warenkorb gelegt und bestellt. Im Anschluss an diesen Bestellprozess erhalten Kunde und Händler eine E-Mail mit einer Liste der bestellten Produkte. Bezahlung, Auslieferung und Belegerstellung sollen vom Händler übernommen werden.

Mitarbeiter schreiben die Behörden verschiedener Städte und Gemeinden an

Im Moment bemüht sich mitho-media noch darum, das eigene Portal bei möglichst vielen Einzelhändlern in ganz Deutschland bekannt zu machen. Mitarbeiter schreiben die Behörden verschiedener Städte und Gemeinden an, damit diese die lokalen Händler über die neue Möglichkeit informieren. Für den Anfang rechnet man auf der Plattform mit einigen Hundert Nutzern. Theoretisch sei die Software aber auch für mehrere Tausend Händler skalierbar.

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Die Händler können sich auf Kiezware.de eine persönliche PDF mit Infos zur Ladenschließung ausdrucken und an ihrem Geschäft anbringen. Auf dem Ausdruck findet sich ein QR-Code, den interessierte Kunden scannen können, um direkt zur jeweiligen Onlineshop-Adresse zu gelangen.

Für den guten Zweck geht die Agentur selbst in Vorleistung. „Wir machen das für diese Läden jetzt völlig kostenlos. Keiner kann doch ansonsten auf die Schnelle eine eigene URL beantragen“, sagt Raschke. Auch hätten viele Händler gerade in Zeiten geschlossener Läden nicht die Mittel um „mal eben fünftausend Euro für einen Webshop auszugeben“.

Mittelfristig hofft die Agentur auf finanzielle Unterstützung durch die Behörden, um diesen Plattform-Service dauerhaft kostenlos bereitstellen zu können. Schon jetzt haben kleine Gastronomen und Gewerbetreibende eine Auswahl an Anbietern, die sie womöglich auch über die Zeit der erzwungenen Ladenschließungen hinaus begleiten.

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