Alles ist besser als gar keine Welle

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Indoor-Surfen in Berlin : Die unmögliche Welle
Auf Probe. Bei einer ersten Session im Oktober testen die Mitarbeiter des Wellenwerk-Teams die Beschaffenheit.
Auf Probe. Bei einer ersten Session im Oktober testen die Mitarbeiter des Wellenwerk-Teams die Beschaffenheit.Foto: KM

„Ich könnte stundenlang zuschauen“, sagt Klimaschewski bei einem der ersten Testläufe Anfang Oktober, während Niehus und andere Mitglieder des Teams Zickzacklinien in den blauschäumenden Buckel ziehen. Der Buchhalter steht zum ersten Mal auf einem Brett. Seinen Kollegen packt es gleich hin.

Der Langhaarige, der zuvor noch mit Sägespänen in den Klamotten zum Umkleiden ging, kann es am besten. Aus einer Lautsprecherbox dröhnt „Bungalow“ von Bilderbuch. „Komm’ vorbei in mein’m Bungalow / By the rivers of cash flow.“

Plötzlich ein spitzer Knall und Niehus rutscht weg. Prustend taucht er weiter hinten in der Auslaufzone auf. Sein Brett ist in die seitliche Verkleidung gekracht, eine Finne abgebrochen. Später zeigt er lachend auf eine Beule auf der Stirn. Beim Auftauchen ist ihm das Board gegen den Kopf geprallt.

Er hat ihn nicht geschützt. „Dummer Fehler“, sagt er. Niehus hat zu dieser Session ein Board mitgebracht, das er für Wettkämpfe testen will und eine Kunststoffschale hat. Ein Board mit gummierter Oberfläche und weichen Kanten wäre besser. Das Wellenwerk wird sie – wie sämtliche Surfutensilien – später an Kunden verleihen.

Seit Monaten kannst du Tickets über die Website kaufen. Dass sich die offizielle Eröffnung über den Sommer hinaus verzögert hat, entschuldigt Niehus mit den üblichen Berliner Ursachen. Handwerker seien schwer zu bekommen, für Genehmigungen brauchten die Behörden länger als erwartet, auch die technische Anlage zeige noch Kinderkrankheiten. Nun wird es am 22. November soweit sein, das Wellenwerk wird eröffnet.

Berliner haben keine Wahl

Weil du wissen willst, welchen Effekt die künstliche Welle auf die Berliner Surfszene haben wird, gehst du zu Été in der Bergmannstraße. Ausgerechnet hier, im kulturellen Zentrum Kreuzbergs, befindet sich der Surfer-Shop, betrieben von Joscha Jancke. Er lebt mehr vom Surf-Lifestyle als vom Verkauf von Neoprenanzügen.

Auch er findet, dass Berlin und Surfen sich ausschließen. In seiner Not hat er es mal mit der Heckwelle eines schweren Motorboots versucht. Während es seine Bahnen auf der Havel zog, vollführte er ein Tänzchen auf dem Kamm, immer bemüht, bloß nicht den Anschluss zu verlieren.

Der Bringer war es wohl nicht. Wenn du es auf die Welle geschafft hast, bist du so dicht am Auspuffrohr, dass dich der Gestank umhaut. Ganz zu schweigen vom Lärm des Motors. Und fällst du, braucht es ewig, bis man dich wieder aufpickt. Ok, du musst nicht paddeln. Und du musst keine Locals fürchten, die dir irgendwas streitig machen.

Notlösung. Bisher waren Surfer in Berlin auf die Heckwellen von Motorbooten angewiesen, um überhaupt auf dem Brett gleiten zu können.
Notlösung. Bisher waren Surfer in Berlin auf die Heckwellen von Motorbooten angewiesen, um überhaupt auf dem Brett gleiten zu...Foto: Été Surf Team

Trotzdem sei die Nachfrage nach Brettern und Zeugs, das nur echte Surfer brauchen, in den vergangenen Jahren gestiegen, sagt Jancke. Welchen Effekt die Lichtenberger Welle haben werde?

Für Wettkämpfe, sagt Jancke, seien die Abläufe und Tricks einander zu ähnlich. Da sich die Welle kaum verändere, gebe es keine Variationen. Und er meint: „Wer nur auf einer solchen Welle steht, kann nicht surfen.“

Das bringt dich zu Afridun Amu, den Profi mit afghanischem Pass, 32 Jahre alt, studierter Jurist, der mit einem Skateboard durch den Neuköllner Schillerkiez rollt. Sein Ziel: das Tempelhofer Feld. Dort, auf einem besonders feinporigen Teil des Asphalts, legt er bunte Plastikhütchen in einer Schlangenlinie aus. Der Parcours soll eine Welle auf Sumatra symbolisieren.

Board mit Achse

Unter den Füßen hat Amu ein spezielles Board mit drehbarer Vorderachse, das für Surfer konzipiert ist und ihnen an Land dieselben Bewegungsmuster wie im Wasser abverlangt. Und schon umrundet Amu die Hütchen mit weit ausholenden, kraftvollen Schwüngen, wie er sie auch in der Welle vollführen würde.

Nämlich Gewicht nach Vorne verlagernd und Fahrt gewinnend, zurück schwenkend in die Wand aus Wasser, an ihrer Kante ein radikaler Dreher und ab in die Tiefe. Downslide, Bottom Turn, Snap und Barrel…

Trockenübung. Afridun Amu braucht nicht unbedingt Wasser, um zu trainieren. 2020 will er bei den Olympischen Spielen in Tokio antreten – für Afghanistan.
Trockenübung. Afridun Amu braucht nicht unbedingt Wasser, um zu trainieren. 2020 will er bei den Olympischen Spielen in Tokio...Foto: Mike Wolff

Das sieht ein bisschen exzentrisch aus an diesem sonnigen Vormittag in der Weite des Flugfeldes. Aber mit jedem Durchlauf werden die Bewegungen geschmeidiger. Und darum geht es. Er, der erst nach dem Abitur mit 19 Jahren zum Surfen kam und später die glorreiche Idee hatte, einen afghanischen Surfverband zu gründen, um an den olympischen Spielen in Tokio teilnehmen zu können, arbeitet an diesem Herbsttag an den Details seiner Motorik. Hier kann er immer dieselbe Bewegung einstudieren, die sich vom Kopf ausgehend über die Schulter, den Schwungarm, das Becken nach unten durch den Körper fortpflanzt. Im November nimmt er an den Asienmeisterschaften in China teil. Er will es wissen.

Deshalb trainiert er als erster Ozeansurfer auf der stationären Welle. Bislang, sagt er, habe die den Nachweis nicht erbracht, dass sie auch seinesgleichen nützlich sei. Ihr fehle quasi „das Gütesiegel“.

Als er sie zum ersten Mal zweieinhalb Stunden ausprobiert, hat er danach Muskelschmerzen in den Oberschenkeln, was ihm im Meer nie passiert. Es fühlt sich an, als habe er auf einem Snowboard gestanden. Und noch ein Effekt stellt sich ein: Er macht schnell Fortschritte.

Wiederholungsdrang. Auf der stehenden Welle kann Afridun Amu einzelne Bewegungsmuster akkurat einstudieren. Das soll ihm auf dem Meer helfen.
Wiederholungsdrang. Auf der stehenden Welle kann Afridun Amu einzelne Bewegungsmuster akkurat einstudieren. Das soll ihm auf dem...Foto: Mike Wolff

„Ich kenne keine Disziplin, in der man so langsam vorankommt, wie beim Surfen“, sagt er. Die meisten Leute, die nicht regelmäßig üben können, würden es deshalb bald wieder aufgeben. Du schluckst den ganzen Tag Salzwasser, ohne ein einziges Erfolgserlebnis. Und am nächsten Tag sind die Wellen vollkommen anders. Dem nachzujagen, bedeute, sagt Amu, nie Befriedigung zu erlangen. „Man denkt sich stets, dass man noch eine Welle erwischen muss, eine bessere, höhere, saubere.“

In der Geschichte des Surfens nimmt die Diskussion um die vollkommene Welle von jeher großen Raum ein. Teils aus Prahlerei, teils aber auch, weil sie ein so großes Versprechen ist. Als unübertroffenes Ideal galt lange die sich gleichmäßig pellende Barrel, die zwei kalifornische Surfer in dem Dokumentarfilm „The Endless Summer“ 1966 in Südafrika entdeckt zu haben glaubten. Oder ist die niederschmetternde Majestät von berühmten Wellen mit klingenden Namen wie Pipeline, Cloudbreak oder Teahupoo an großen Tagen besser, wenn die Winterstürme des Nordpazifik ihre Energie in 10-Meter-Brechern entladen? Das geschieht nur alle zehn Jahre mal. Bedeutet Perfektion, dass eine Welle Seltenheitswert besitzt?

Welle, die man an- und ausschalten kann

Die stehende Welle kann man an- und ausschalten wie einen Lichtschalter. Sie ist immer da. Und immer gleich. Sie richtet sich nach dir, passt sich deinen Fähigkeiten an, läuft niemals aus. Sie ist ein Fluss ohne Steine, Wirbel und Lokalmatadore, die dir das Leben schwermachen. Ein perfektes Spielzeug für eine Gegenwart des anstrengungslosen Vergnügens. Es geht nicht mehr um eine Welle, der du nachjagst, sondern um dich. Du musst perfekt werden.

„Für mich“, sagt Robert aus dem Wellenwerk-Team, „ist Surfen damit überhaupt erst Sport.“ Und Julius Niehus prophezeit, dass es „einen Messi des Surfens“ geben werde, einen Meister des Minimalismus, und es werde nicht mehr Kelly Slater sein. Und du versuchst dich mit dem Gedanken zu trösten, dass die Welle im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit vielleicht keine Aura mehr besitzt, aber jeder Mensch dieselbe Chance verdient hat.

„Ich kann nicht aufhören, Susi dabei zuzusehen, wie sie mit ihren 67 Jahren über die Welle surft“, sagt Rainer Klimaschewski in einem Anfall sentimentaler Begeisterung über seine Frau. Es gebe nichts Schöneres für sie. Er meint die Welle, die er geschaffen hat.

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