Indoor-Surfen in Berlin : Die unmögliche Welle

Ist das noch Surfen? Ohne Meer und ohne Brandung? In Berlin entsteht eine Arena fürs Wellenreiten, die den Sport verändert und das Glück, das er verspricht.

Die ewige Sekunde. Profisurfer Afridun Amu trainiert im Wasserkanal des Berliner Wellenwerks für die Asienmeisterschaften 2019.
Die ewige Sekunde. Profisurfer Afridun Amu trainiert im Wasserkanal des Berliner Wellenwerks für die Asienmeisterschaften 2019.Foto: Mike Wolff

Es gibt viele Arten, eine Welle zu erzeugen. Du wirfst einen Stein in den See, und sein Spiegel löst sich in Ringen auf. Du fährst mit einem Boot, das Wellen hinter sich herzieht wie eine Schleppe. Du lässt eine Uferböschung seinen Halt verlieren und produzierst einen Tsunami. Aber warum solltest du das tun wollen? Wellen kommen in der Natur so reichlich vor, dass du gelernt hast, sie für dich zu nutzen. Du surfst.

Wobei du dich nicht erinnern kannst, je eine Welle in Berlin gesehen zu haben, die du hättest surfen können. Die Welt Berlins ist eine Scheibe, das weiß jeder. Da ist kein Gewässer, das Wellen schlägt, und kein Fluss, auf den das Wort fließen zutreffen würde. Da ist bloß flaches Nichts.

Trotzdem soll man in Berlin surfen können. Ausgerechnet.

„Was technisch machbar ist“, sagt dir an einem strahlenden Sonnentag Anfang April ein Mann mit bayerischem Akzent, „das wird gemacht.“

Rainer Klimaschewski heißt er, sitzt mit weißem Haupt und im schwarzen Rollkragenpullover unter Bäumen in Lichtenberg, und dass er gerade Joseph Teller, den Vater der Wasserstoffbombe, zitiert, solltest du als Omen nicht allzu ernst nehmen. Es ist bloß ein Satz aus der Vorhölle des Pragmatismus. Klimaschewski hat sein Verhältnis zur Realität geklärt, als Zukunft positiver besetzt war als heute. Er sieht keinen Grund, davon abzurücken.

Dann erhebt sich im Becken die Welle

Unbeirrt steht der 67-Jährige Monate später in einer alten Lichtenberger Werkhalle und tippt vorsichtig auf das Display eines Steuerungsmoduls, das in seinem Edelstahlgehäuse wie ein Synthesizer aussieht. Sein Finger berührt eine Schaltfläche, auf der steht Pumpe eins.

Versonnen blickt der Weißhaarige auf den Pool herab, 8,5 mal 18 Meter misst der, und das Wasser ist so glatt, dass sich die Deckenstrahler darin spiegeln. Er tippt auf die zweite Schaltfläche: Pumpe vier. Wie ein Musiker, der Schallschwingungen in den Raum wirft, sieht Klimaschewski das Wasser sich kräuseln.

Eine Pumpe nach der anderen wird von ihm aktiviert, Wasser ergießt sich in anschwellender Wucht in das marineblaue Becken. „Noch fünf Sekunden“, sagt er und zählt im Geiste die Zeit herunter, bis sich aus dem brodelnden, gechlorten Chaos der Wirbel und Ströme eine Welle erhebt, eine richtige Welle, rund wie der Buckel eines Wals.

Pionier. Rainer Klimaschewski hat in den 60er Jahren das Flusssurfen in München für sich entdeckt und nun eine künstliche Surfwelle entwickelt.
Pionier. Rainer Klimaschewski hat in den 60er Jahren das Flusssurfen in München für sich entdeckt und nun eine künstliche...Foto: Sven Darmer

„This is the future of Surfing“, wirbt seine Firma Citywave für das Produkt, das du erst mal für den Untergang des Surfens hältst. Denn es ist wirklich ein Produkt. Klimaschewski verkauft es und wacht über die technischen Aspekte des Deals mit einer Mischung aus Geschäftssinn und Argwohn. Du fragst dich, ob es okay ist, der Natur eines ihrer reizvollsten Geheimnisse zu stehlen und auf Knopfdruck verfügbar zu machen. Nimmt das dem Ganzen nicht alles, worauf es ankommt?

„Ohne Paddeln hat man 80 Prozent des eigentlichen Surfens nicht“, wird dir einer, der es wissen muss, sagen. Afridun Amu, Wahlberliner, Profisurfer, wird dir erklären, dass man aus dieser Welle nicht herauskatapultiert und von ihr vorwärts geschoben werde wie im Meer, sondern dass sie wie ein Laufband im Fitnessstudio funktioniert.

Nicht, dass Amu unbedingt die Mühen des Paddelns bräuchte, um Spaß zu haben. Aber er weiß noch nicht, was ihm diese Berliner Welle bringt. Hilft sie ihm, eine Olympiamedaille zu gewinnen?

Das Wasser ist eine Bühne

Die Welle in Berlin ist eine der größten, die Klimaschewski bislang „gebaut“ hat. 13 sind es immerhin schon weltweit. Erst, wenn er nach einer Testphase all die Komponenten aufeinander abgestimmt hat, die zu einer „schönen Welle“ führen, kann er sagen, ob sie ihn zufrieden macht.

„Es braucht viel Zuwendung, damit sie richtig steht“, sagt er. „Wasser ist ein sensibler Baustoff.“ Über die Komponenten spricht er nur ungern. Die Sehnsucht nach der perfekten Welle ist zu einem international heiß umkämpften Markt geworden. Noch hat er einen kleinen Vorsprung.

Obwohl die Entwicklung künstlicher Surfwellen erst in jüngster Zeit schnell voranschreitet, reichen die historischen Wurzeln weit zurück. Als erster Wavepool darf die Venusgrotte Ludwigs II. gelten, einst König von Bayern und einigermaßen verrückt. Er ließ 1876 einen Wellenapparat konstruieren, der ihn mit der Illusion einer unterirdischen Meeresdünung mitten in der oberbayerischen Landschaft beschenkte. Famoser Vorläufer aller Wellenbäder, von denen das weltweit erste 1929 ebenfalls in Bayern gebaut wurde.

Für die Venusgrotte nahe des Schlosses Linderhof ließ König Ludwig II. von Bayern eine Wellenanlage konstruieren, um die Dünung des Meeres zu imitieren.
Für die Venusgrotte nahe des Schlosses Linderhof ließ König Ludwig II. von Bayern eine Wellenanlage konstruieren, um die Dünung...Foto: picture alliance / dpa

Zum Surfen war das nichts. Der erste Surfer-Pool entstand 1969 in Arizona und war etwas vermessen Big Surf getauft worden. Die Welle war weniger als einen Meter hoch, für die Dauer von sechs Sekunden war Surfen auf ihr möglich. Als man zwanzig Jahre später erneut daran ging, Wellen-Arenen zu konstruieren, wurden die Becken größer und spektakulärer, nur die Wellen nicht.

Künstliche Welle – erstmals 2005 in Nordspanien

Erst 2005 entstand mit Wave Gardens in Nordspanien eine surfbare Welle, die höher war und länger lief. Es folgten 2011 Abu Dhabi, Dauer zehn Sekunden, 2015 Wales, zwanzig Sekunden, und im selben Jahr in Fresno, Kalifornien, eine Welle von 45 Sekunden – Kelly’s Wave.

In einem Video ist Kelly Slater, elffacher Weltmeister und über Jahrzehnte bester Surfer der Welt, zu sehen, wie er die Welle zum ersten Mal erblickt, auf deren Makellosigkeit er zehn Jahre hingefiebert hat, wie er die Arme ausstreckt, als empfange er einen Segen, und fassungslos meint: „Oh, mein Gott!“

Er surft sie dann auch. Schlägt anfangs ein paar Haken und taucht immer wieder ein in die gläserne Röhre, die sich so gleichmäßig und verlässlich um ihn schließt, dass er wie unter einem Baldachin aus Wasser Schutz zu suchen scheint.

Für William Finnegan, Autor der Surfer-Biografie „Barbarentage“ und seit frühester Kindheit von Wellen besessen, ist Kelly’s Wave Ausdruck einer unstillbaren Sehnsucht nach der „perfekten Welle“. Sie in einem künstlich angelegten Becken zu erleben, durch das sie alle vier Minuten mit der Pünktlichkeit eines Güterzuges rollt - und tatsächlich auch von einem Zug mit seitlich durchs Becken pflügenden Schwertern erzeugt wird -, stellt für Finnegan deshalb eine Zeitenwende dar: „Es fühlte sich an, als wenn sich etwas grundsätzlich geändert, als wenn Technik, so unwahrscheinlich es auch erschienen sein mochte, die Natur überholt hat.“ Seine Reportage im „New Yorker“ trug den Titel „Schockwelle“.

Kelly's Wave. Dass eine künstliche Welle von solcher Schönheit je von Menschen gemacht werden könnte, galt lange als unmöglich. Doch auf der Surf Ranch im kalifornischen Lemoore haben Investoren um Kelly Slater ein flaches Becken gebaut, durch das im Vier-Minuten-Takt ein Zug mit einer Art Schneepflug fährt.
Kelly's Wave. Dass eine künstliche Welle von solcher Schönheit je von Menschen gemacht werden könnte, galt lange als unmöglich....Foto: imago/ZUMA Press

Die Skepsis gegenüber dieser amphibischen Innovation, die Surfen von der Küste ins Landesinnere verlegt, ist in der Szene groß. Du musst dir nur Surfer-Filme wie „Step Into Liquid“ ansehen, um zu wissen, warum. Surfer suchen nicht nach der Welle an sich. Sie arrangieren sich überall auf der Welt mit den miesesten Bedingungen. Hauptsache, sie können ein paar Augenblicke lang das Hochgefühl des Gleitens erleben.

Was wird aus dem Surfen?

Und miese Bedingungen müssen kein Nachteil sein. Kelly Slater wuchs in Florida auf, wo es große Wellen nicht gibt. Er nutzte die wenigen Sekunden, die ihm im Schwell von Cocoa Beach blieben, um so viele halsbrecherische Manöver in eine Welle hineinzulegen wie möglich. Die kleinen Wellen machten ihn zu einem Großen.

Deshalb mögen viele Surfer nicht, was mechanische Retortenwellen wie auf Slaters Surf Ranch mit ihrem Sport, ihrem Lebensstil und ihrem Stolz anstellen. Wie lange werden die alten Maßstäbe noch gelten? Was wird aus den Geschichten, die Surfer so sehr lieben?

Von den Exzentrikern, „denen es irgendwie gelingt, das System zu überlisten und mitten im Leben zu bleiben, während all die anderen landeinwärts zogen und Steuern bezahlten“, wie es in Kem Nunns Surfer-Pflichtlektüre „Giganten“ heißt. Werden die überfüllten Surfspots noch voller? Und was soll das Ganze überhaupt?

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