Eine "zweite Disziplin" des Surfens

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Indoor-Surfen in Berlin : Die unmögliche Welle
Wellen sind gebremste Energie. Doch sie synthetisch herzustellen, ist schwierig. "Wasser ist ein sensibler Baustoff", sagt Wellendesigner Rainer Klimaschewski.
Wellen sind gebremste Energie. Doch sie synthetisch herzustellen, ist schwierig. "Wasser ist ein sensibler Baustoff", sagt...Foto: KM

Einer, der dir das erklären kann, ist Julius Niehus, ein schlanker, hoch aufgeschossener Mann von 28 Jahren, der selbst im Sweatshirt elegant und kreditwürdig aussieht. Der auf der Website des Wellenwerks verbreiteten Legende nach stolperte Niehus mit seinen Surf-Kumpels vor vier Jahren aus einem Flieger in einen nasskalten Berliner Novembertag, Flipflops an den Füßen und den Sand eines fernen, tropischen Strands zwischen den Zehen. Und sofort war der Frust da. Sollte es das nun wieder gewesen sein?

Die Wahrheit ist komplizierter, setzt sich aus etlichen solcher Momente zusammen. Aber Tatsache ist, dass Niehus dich nun in eine alte Lagerhalle führt, in der Handwerker Monate vor der geplanten Eröffnung damit beschäftigt sind, ein Betonfundament herzurichten.

Du sollst dir vorstellen, wie ein Stahlgerüst in die Halle gestellt wird, das als Wanne dient und tausend Kubikmeter fasst. Du sollst dir darüber eine Ebene denken, mit Holz beplankt, und wie man von diesem Surfdeck ins Freie treten und später in einem Biergarten sitzen können soll.

25.000 Surfer in Berlin

25.000 Surfer soll es angeblich in Berlin geben. Niehus meint damit Leute, die mindestens einmal pro Jahr surfen gehen. Hier solle der Ort entstehen, „an dem sich die Szene manifestieren kann“.

Sicher, es ist immer noch Lichtenberg. Aber mit ein bisschen Fantasie kannst du die ragenden Plattenbauriegel auf der anderen Seite der Landsberger Allee für weiße Klippen halten. Der Verkehr rauscht wie Meeresbrandung. Du stellst dir Surfer vor, die Bier und Burger bestellen, während sich unter ihnen eine Pfütze bildet. Nirgends dürfte man schneller von der Welle zur Bar gelangen.

Und dann ist auch noch Publikum da, wenn du deine Bogen schlägst. An Wellen dieser Art, die es in München und Köln bereits gibt, betrage das Verhältnis von Surfer zu Nichtsurfer Niehus zufolge 1:6 bis 1:10.

„Ich möchte das Meer nicht kopieren“

Das ist für Klimaschewski ohnehin das Beste an seiner Idee. Er hat von Anfang an mitbedacht, dass die Welle eine Bühne ist, nur eben meistens zu weit von den Zuschauerplätzen entfernt. Er wollte ihr ein Theater errichten.

Skrupel, dass er das Schöne am Surfen damit zerstören könnte, kamen ihm nie. „Ich möchte das Meer nicht kopieren“, sagt er. Vielmehr sieht er mit dem Surfen in der stehenden Welle eine „zweite Disziplin des Surfens“ entstehen. Die habe mit dem Soulsurfertum der klassischen Ära nichts mehr gemein und werde ihm deshalb nicht schaden, meint Klimaschewski.

Was du aber nicht glaubst.

Denn natürlich wird es neue Helden und neue Geschichten geben, die mit einem neuen Vokabular erzählt werden und sich an ein neues Publikum wenden. Wer Kelly Slater war, wissen künftige Neoprenkids vielleicht nur noch, weil sie ihn als Pionier des Farm-Surfens kennen. Deren Saat wird das alte Surfer-Narrativ ersetzen, wonach jeder seine eigene Welle finden muss, die Welle deines Lebens, und wenn du spät dran bist, suchst du lange und verzweifelst.

Der 360-Grad-Sprung war sein Ding

Klimaschewski musste nicht suchen. Seine Welle lag quasi vor der Haustür, als er vom Allgäu seiner Kindheit nach München kam. Aber ernst nahm er sie nicht. Eine Handvoll Hippies traf sich Ende der Sechzigerjahre auf einer Wiese im Münchner Stadtteil Thalkirchen, Floßlände genannt, weil Flöße diesen Nebenkanal der Isar hinabtrieben.

An einer sich verjüngenden Stelle schießt das Wasser über eine Betonrampe in ein tiefer liegendes Becken, sodass sich eine Welle bildet. Und Klimaschewski spricht von einem „Wundererlebnis“, sich hier auf einem Brett hin- und herzubewegen.

Er war Anfang zwanzig und angehender Elektroingenieur. Unter denen, die sich nachmittags zum Surfen trafen, war er der Techniker, fragte sich: „Wie macht man es, dass die Welle schön wird?“

Sie begannen damit zu experimentieren, dass sich einer von ihnen am Rand des Stroms ins Wasser stellte. Der Widerstand warf einen Wulst auf. Dann lernten sie, dass auch der Wasserstand des Sees im unteren Bereich Auswirkungen auf die Welle hatte.

Mühseliges Experimentieren

„Eine stehende Welle ist ein filigranes Gebilde. Wie sie sich bildet, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Von der Wassermenge, die von oben kommt, dem Widerstand, der das Wasser bremst, doch der Grenzbereich zwischen Gischtwalze und glatter Welle ist eng. Er bewegt sich auch immer.“

Also gingen Klimaschewski und seine Surferfreunde zu dem Mann, der stromaufwärts das Wehr bediente.

„Lass doch mal mehr Wasser runter!“

„Kann ich nicht. Die machen damit Strom.“

Haben sie ihm eine Kiste Bier gebracht. „Okay, ruft’s mich halt an, wenn ihr da seid, lass’ ich mehr Wasser runterlaufen.“

Die Welle wurde besser. Aber es funktionierte nur, wenn der Pegel des unteren Beckens hoch stand. Auch dessen Abfluss regulierte ein Wehr. Da war keiner. Haben sie also ein Brett reingestopft, was sie nicht durften.

„Ein 360-Grad-Sprung war mein Ding“

So wurde das „stationary wave riding“, wie es heute heißt, an einem Münchner Wehr geboren. Konnte natürlich sein, dass irgendwo noch andere junge Leute ebenfalls auf einem Fluss surften, aber davon bekamen sie in München nichts mit, weil Surf-Magazine von obskuren Beschäftigungen dieser Art nicht berichteten. Surfen, das war etwas, das man normalerweise im Meer tat.

Aber das war nicht der Grund, warum Klimaschewski es nicht so ernst nahm. Im Allgäu war er auf Skiern aufgewachsen, und als mit den 68ern alle möglichen gesellschaftlichen Konventionen aufbrachen, wurde er zu einem Pionier der Freestyle-Revolution. „Ein 360-Grad-Sprung war mein Ding“, sagt er. 1978 wurde er Trickski-Europameister, wie das damals hieß.

Ein Mädchen namens Susi Schmidl wurde Weltmeisterin. So lernten sie sich kennen. Bis heute sind sie ein Paar in allen Belangen. Anfangs veranstalteten sie Freestyle-Events auf mobilen Pisten und Schanzen, die sie in Städten errichteten. Sie wurden zu Spezialisten für temporäre Schnee- und Wasser-Arenen, bauten Wettkampfstätten etwa für Stefan Raab.

Und weil sich Klimaschewski dabei eine gewisse Expertise in der Konstruktion von Wasserbassins erwarb, ließ ihn eine alte Idee nicht los: die künstliche Welle.

Geburtsstätte des Flusssurfens. Die Eisbachwelle im Englischen Garten ist längst zur Touristenattraktion geworden. Hier surfen Münchner selbst bei eisigen, winterlichen Temperaturen.
Geburtsstätte des Flusssurfens. Die Eisbachwelle im Englischen Garten ist längst zur Touristenattraktion geworden. Hier surfen...Foto: picture alliance / Peter Kneffel

In Surf-Magazinen wurde mittlerweile von solchen Frankenstein-Wellen berichtet. Und das Flusssurfen gewann an Achtung. Um die Münchner Eisbachwelle am Haus der Kunst hatte sich ein regelrechter Kult entwickelt. Surfer aus aller Welt strebten zu diesem Spot am Seitenkanal der Isar, wo das Wasser aus einem Tunnel in den Englischen Garten schießt und über Steinen am Boden sich eine Walze bildet. Noch besser und gefährlicher als die Floßlände.

Klimaschewskis Freundeskreis hatte zur ersten Generation von Eisbachsurfern gehört. Für sie war das damals ein Anstoß gewesen, um es mit richtigen Wellen aufzunehmen. Sie planten die erste Reise nach Biarritz, zu sechst saßen sie in einem Auto, acht Surfbretter auf dem Dach, 17 Stunden nonstop. „Beim ersten Mal war die Faszination gigantisch, das Erfolgserlebnis sehr gering. Weil es eben doch was anderes war, mit der Dynamik der Wellen im offenen Wasser umzugehen.“

Anstrengendes Paddeln

Surfen ist anstrengend. Du musst hinauspaddeln, bis dir die Arme schmerzen, die Schultern brennen vor Anspannung, du musst das Weißwasser überwinden, das als schäumende Walze auf dich zurollt und an den Strand zurückdrückt. Du musst durch Wellen hindurchtauchen, das Brett wieder einfangen, das dir in dem Durcheinander wegrutscht.

Du musst Luft holen, schluckst Salzwasser, die Augen brennen. Und dann ist da noch die Schwierigkeit, den richtigen Moment für den Drop zu erwischen, den Sprung in die Welle.

„Dann waren wir endlich hinausgepaddelt“, erinnert sich Klimaschewski, „aber hundert andere Surfer waren schon da.“

Der Adrenalin-Kick, das ist seine Sache nicht

Für ihn persönlich, erzählt er, war es nicht erstrebenswert, sich der Wucht einer Welle auszusetzen, die dreimal so hoch aufragte wie er. Der Adrenalin-Kick, das ist seine Sache nicht. Die Situation an der Drop-Zone beschreibt er deshalb als ein friedliches Idyll.

Du hörst die Vögel um dich herum, vom wogenden Meer geht eine Ruhe aus, die plötzlich dahin ist, wenn ein Set heranrollt. Du siehst das Wellenintervall am Horizont als schmalen, dunklen Riss im Wasser, und alle Surfer legen sich ins Zeug, paddeln, um die erste Welle zu erwischen.

„Aber nur einer kann sie kriegen. Das ist meistens ein Local, der immer da ist und fit. Er zischt davon. Die zweite Welle kriegt ein weiterer der Einheimischen. Und so geht das bei allen fünf Wellen, die das Set bilden.“ Und du, der du dich nicht so gut auskennst, musst warten. Du hoffst, dass das folgende Set schneller da ist als die Locals brauchen, um vom Strand zurückzukehren. Aber nein, sie sind schon wieder da, bevor es so weit ist. Bauen sich auf an der Linie und das Spiel beginnt von Neuem.

Wie der Buckel eines Wals

Es gibt oft Ärger. In kaum einem anderen Sport ist Konkurrenz so stark ausgeprägt wie beim Surfen. Die Athleten nehmen einander tatsächlich jedes Mal etwas weg – Zeit auf der Welle. Sie rauben dir Lebensfreude. Deshalb wohl ihre triumphalen Gesten, wenn die Energie der Welle verpufft. Der Triumph von Dieben.

Die nächste Frage lautet also: Wohin kannst du fahren, wo weniger Leute sind. Klimaschewski reiste nach Sri Lanka. Aber er war dann doch nicht Hippie genug, um tatenlos am Strand zu sitzen. Er dachte sich eine Welle für jedermann aus, eine, die man garantiert bekommen würde, weil es niemanden gab, der sich vordrängeln konnte. Sie würde das Problem beheben, auch wenn sie dafür vielleicht ein neues schuf.

Schnelles muss auf langsames Wasser treffen

Das Prinzip ist einfach: Die künstliche Welle entsteht, wenn schnelles Wasser auf langsames trifft. Du brauchst ein Wasserbecken, das eine Million Liter fasst, du brauchst Pumpen, die den Niveauunterschied erzeugen, sowie eine Rampe, über die das Wasser hinabschießt. Es wölbt sich auf, was in den Boden der Rampe eingebaute Floater unterstützen, die wie Bremsklappen an einem Flugzeugflügel hydraulisch hochgefahren werden. Die Kombination aus Wassermenge und deren Geschwindigkeit sowie dem Hindernis im Flussbett ergibt die perfekte Welle – eine nie abreißende Schaumfigur, eineinhalb Meter hoch, die erst „dieses Surferglühen“ erzeugt, wie Klimaschewski sagt.

2008 hat er die erste dieser Anlagen in Paris aufgebaut. Mittlerweile gibt es eine „Citywave Pro World Tour“, eine Art Supercup von Surfern, die auf stehende Wellen spezialisiert sind. Die Berliner Version hat als zusätzliches Feature, dass Luftbläschen in ihr nach oben perlen, die Oberfläche perforieren und ihr die Härte nehmen.

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