Ingo Cornelius (Geb. 1945) : Die können ihn mal

Jede Mieterhöhung kommt vor Gericht. Er gewinnt fast immer. Und eine kleine Sauna baut er sich auch ein.

St. Hedwig Friedhof in der Liesenstaße in Berlin Mitte.
St. Hedwig Friedhof in der Liesenstaße in Berlin Mitte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Klaus erzählt über Ingo in seiner Kreuzberger Kneipe. Lange hat Ingo auch in Kreuzberg gelebt, gestorben ist er aber in Altea, einem Fischerdorf an der spanischen Costa Blanca, allein mit der Schnarchmaske auf dem Gesicht. Frag nicht, wie lange er dann da gelegen hat und verwest ist. Frag nicht nach den Behördengängen, bis sie ihn eingeäschert haben, über die Kosten und über die Schwierigkeit, den Rest seiner Asche nach Deutschland zu bringen, um sie im Görlitzer Park zu verstreuen und den Rest zum Grab seiner Frau zu bringen.

Der größte Teil kam ins spanische Meer. Klaus saß im Winter bei der Seebestattung allein im Fischerboot und dachte sich: Wie wär’s, bisschen Asche in eine Eieruhr zu füllen? Ingo hat die weltbesten weichen Eier gekocht; und ein Freund ungewöhnlicher Gedankengänge war er auch gewesen. Ihm hätte das bestimmt gefallen. So wie die Geschichte mit seiner Kreditkarte. Irgendwelche Diebe haben sie noch nach seinem Tod in Amerika benutzt. Er hätte gelacht, sein mächtiges Haupt geschüttelt und noch einen Weißwein bestellt, natürlich aufs Haus.

Kennengelernt haben sich die zwei 1979 in der „Ruine“, einem verrufenen Abrisshaus am Winterfeldtplatz, das immerhin eine Schankerlaubnis hatte, Treffpunkt der Hausbesetzer-, Kiffer- und Treberszene. Natürlich waren beide bedröhnt. Und sie verloren einander nicht mehr aus den Augen. Der Rausch schweißt zusammen.

Seine Wohnung kostet nur 100 Mark

Ingo war Einzelkind, der Vater erfolgreicher Bauingenieur, Düsseldorf die Heimatstadt, der Verlust der Mutter eine Zäsur. Sie hat sich getrennt und ist nach Kanada auswandert. Die Stiefmutter blieb Feindin, ganz wie im Märchen. Die Schulzeit verlief unspektakulär, die Berufsfindung auch, Werkzeugmacher hat Ingo gelernt, das Fachabitur nachgeholt, und dann ist er vor der Bundeswehr nach West-Berlin abgehauen, frühe 60er. Seine Studentenbude auf 28 Quadratmetern mit Außentoilette behielt er zeitlebens. Studiert hat er Maschinenbau und Biologie. Für Kläranlagen hat er sich interessiert und auch für ganz neue Technologien, Solaranlagen, erneuerbare Energien, schon damals. Der Science-Fiction- Fan war ganz begeistert davon.

Die Studentenrevolte erlebt er als unschlüssiger Beobachter, bis Barbara an seine Seite tritt. Die angehende Journalistin weiß, was Sache ist. Gegen Springer, gegen die Amis in Vietnam: Seine große Liebe zieht ihn mit auf die Straße. Sie bleiben ein Paar, auch wenn dieses Politikzeug nicht seins ist. Getrennte Wohnungen gewähren ihnen den nötigen Freiraum. Die Studentenkneipen gefallen ihm, Barbara tut sich da schwerer. Irgendwas vom gesellschaftlichen Aufbruch bleibt dann doch bei ihm hängen: Die Firma, die er mit einem Studienfreund betreibt, nennt er D.O.P.E.: Durchführung, Organisation, Planung, Entwicklung. Das geht lange irgendwie auch gut, seine Wohnung kostet ja nur 100 Mark. Jede Mieterhöhung kommt vor Gericht. Er gewinnt fast immer. Und eine kleine Sauna baut er sich auch ein. Die können ihn mal.

Nach der Wende geht es bergauf, Klimaanlagen, Entlüftung, Kläranlagen, der Osten ruft. Das Unternehmen expandiert, aber sein Kompagnon plündert das Firmenkonto. Plötzlich hat Ingo 200 000 Euro Schulden und muss den Offenbarungseid leisten. Wozu nun noch arbeiten? Er lebt auf bescheidenstem Niveau, Barbara hilft, wo sie kann.

Ingo tut sich damit schwer. In den Kreuzberger Kneipen und Cafés taucht er jetzt auf, doziert im Plauderton über künstliche Intelligenz, die Entstehung des Lebens und des Universums und über weit abwegigere Themen aus Philosophie und Biologie. Fasziniert hängen die Zuhörer an seinen Lippen, lassen sich aus ihrem Alltag herausreißen. Ingo bleibt immer ruhig, egal wer seine Geschichten anzweifelt, egal wie widersprüchlich seine Lektionen auch sein mögen.

Die Fremde wird zur Falle

Ansonsten ist sein Leben übersichtlich: die Spaziergänge mit Barbara und Jule, einem Mischlingshund aus dem Tierheim durch das sich rasant verändernde Kreuzberg, das Lesen und die gemeinsamen Reisen. Sie gehen sogar gemeinsam tauchen. Ingo wirkt ziemlich zufrieden.

Als Barbaras Mutter erkrankt, zieht das Paar auf den imposanten Almhof in Berchtesgaden. Heimisch wird er dort nicht, ihre Schwestern nerven. Seine kleine Wohnung überlässt er einem mittellosen Künstlerpaar für die Betriebskosten. Als Barbara kurz nach der späten Hochzeit stirbt, hinterlässt sie ihm eine Leibrente und das Wohnrecht auf dem Familienhof. Aber das ist nichts für Ingo. Er hat ein kleines Haus in Altea geerbt. Sein Vater hat es gebaut, die ungeliebte Stiefmutter jahrzehntelang belegt. Zusammen mit Klaus nimmt er das runtergerockte Anwesen in Augenschein. Immerhin der Blick aufs Meer überzeugt, auch wenn es sechs Kilometer entfernt ist. Der Hund und die Bücherkisten gehen ihren Weg in die Fremde, die zur Falle werden soll.

Wenn Klaus Ingo besucht, muss er ihn aufpäppeln. Außer für Wein und Zigaretten interessiert sich Ingo für kaum etwas. Selbst seine große Bibliothek scheint ihren Reiz verloren zu haben. Besuch kriegt er selten, Berlin ist weit weg. Seit sein Hund überfahren wurde, bewegt er sich kaum noch aus dem Haus. Die Nachbarn kaufen für ihn ein.

Klaus fährt ihn manchmal mit dem Wohnmobil durch die nähere aber immer noch fremde Landschaft. Ingo genießt die Ausflüge mit Joints und Bier in der Hand, doch aussteigen muss er nirgends. Zurück nach Berlin will er auch nicht mehr. Es ist ihm alles egal.

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