Innovationscampus in Berlin-Spandau : Die Neuerfindung der Siemensstadt

Ohne Ausschreibung kommt der große Innovationscampus nach Berlin – ein traditionsreicher Standort wird neu belebt. Ein Gastbeitrag von Cedrik Neike.

Cedrik Neike
Das Wernerwerk von Siemens in Spandau .
Das Wernerwerk von Siemens in Spandau .Foto: ullstein bild - Bodo Schulz

In Berlin fing alles an. Schöneberger Straße 19 lautete die allererste Siemens-Firmenadresse. Mit der Konstruktion des Zeigertelegraphen legte Werner von Siemens 1847 den Grundstein für eine bewegte Erfolgsgeschichte. Bereits innerhalb weniger Jahre entwickelte sich der als „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ gegründete Handwerksbetrieb zu einem international tätigen Unternehmen. Heute ist die Siemens AG ein führender internationaler Technologiekonzern mit rund 379 000 Mitarbeitern weltweit und einem Umsatz von 83 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2018.

Zurück zu den Wurzeln

Es war Pionierarbeit, die Werner von Siemens mit seinem Start-up Mitte des 19. Jahrhunderts geleistet hat. Die Schnelligkeit des technischen Fortschritts nahm bereits zu. Dazu trug nicht zuletzt Siemens selbst bei: seine Telegraphen ermöglichten die Übermittlung von Nachrichten in kurzer Zeit über große Distanzen hinweg. 1848 erhielt die junge Firma den Auftrag, die erste Ferntelegrafenverbindung Europas zu bauen. Die rund 670 Kilometer lange, weitgehend unterirdisch verlaufende Linie zwischen Berlin und Frankfurt am Main ging im Februar 1849 in Betrieb. Einen Monat später wählte die Nationalversammlung Friedrich Wilhelm IV. zum Deutschen Kaiser. Dank der neuen Kommunikationstechnik wurde diese Nachricht aus Frankfurt innerhalb von nur einer Stunde in Berlin bekannt – das war damals revolutionär.

Heute verbreiten sich Informationen in Echtzeit. Das Zeitalter der Digitalisierung stellt völlig neue Herausforderungen an den Menschen und an die Unternehmen. In den zurückliegenden Monaten haben wir uns bei Siemens intensiv Gedanken dazu gemacht, wie wir unsere führende Position auch in Zukunft halten und vor allem ausbauen können. Unsere Antwort ist die Unternehmensstrategie „Vision 2020+“, deren Grundzüge wir im August vorgestellt haben. Kern der Strategie ist, den einzelnen Geschäften deutlich mehr unternehmerische Freiheit unter der starken Marke Siemens zu geben und damit den Fokus auf die jeweiligen Märkte zu schärfen. Weg von einem „one-fits-all“-Ansatz und hin zu mehr Fokussierung und Flexibilität.

Siemens rückt damit wieder näher an seine eigenen Wurzeln heran und wird verstärkt auch mit agilen, kleineren, spezialisierten Unternehmen in Wettbewerb treten.

Forschen und Wohnen

Die geplante neue Siemensstadt in Berlin ist eng an die Zukunftsstrategie geknüpft und wird der neuen Ausrichtung gerecht. Auf dem historischen Siemens-Gelände in Spandau wollen wir in den kommenden Jahren in eine neue Arbeits- und Lebenswelt investieren – mit bis zu 600 Millionen Euro die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte von Siemens in Berlin. Wir wollen ein integratives und innovatives Ökosystem entwickeln.

Dabei öffnen wir die Siemensstadt für externe Unternehmen, Start-ups, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Berlinerinnen und Berliner. Zugleich soll auch Wohnraum für Familien und Studenten geschaffen werden. Die Verbindung von Industrie, Wissenschaft, Lernen und Wohnen schafft Raum für Innovation und Kreativität. Damit wollen wir nicht nur räumliche, sondern auch gedankliche Silos einreißen und einen natürlichen Wissensaustausch und lebenslanges Lernen fördern.

Cedrik Neike ist Mitglied im Vorstand der Siemens AG.
Cedrik Neike ist Mitglied im Vorstand der Siemens AG.Foto: Siemens AG

Das Projekt erstreckt sich über eine Fläche von siebzig Hektar. Die bestehende industrielle Architektur bietet dabei ein attraktives Umfeld für neue Modelle des Arbeitens und eine ausgezeichnete Basis für künftige neue Produktionsanforderungen. Die Welt steht vor großen Herausforderungen: Bevölkerungswachstum und demographischer Wandel, steigender Energiebedarf, Klimawandel, Urbanisierung – um nur einige zu nennen. Wie können wir es schaffen, trotz all dieser Entwicklungen nachhaltig zu leben und unsere Ressourcen zu schonen? Die Digitalisierung und neue Technologien eröffnen uns hier vielversprechende Möglichkeiten. Wir als Unternehmen und vor allem unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten an zahlreichen Innovationen, die diesen Herausforderungen gerecht werden. Erfinden und „tüfteln“ ist ein wichtiger Baustein der Siemens-DNA.

Im Geschäftsjahr 2018 wurden von Siemens weltweit rund 3850 Patente eingereicht, 200 mehr als im Vorjahr. Bezogen auf 220 Arbeitstage sind das rund 33 Erfindungen pro Tag. Die Gesamtzahl der rund um den Globus von Siemens gehaltenen Patente liegt heute bei 65 000.

„Let´s talk #Siemensstadt“

Das Ökosystem rund um Siemensstadt bietet sich hervorragend für verschiedenste Anwendungsfelder an, wie zum Beispiel dezentrale Energiesysteme, Elektromobilität, Industrie 4.0, Machine Learning, smart Grids, Internet der Dinge (IoT), Künstliche Intelligenz, Data Analytics, Blockchain oder Additive Manufacturing. In vielen dieser Bereiche sind wir führend und wollen diese weiter ausbauen. Noch befinden wir uns mit unseren Planungen zum neuen Campus in Berlin in einer sehr frühen Phase. Insgesamt streben wir mit der Gesamtumsetzung des Projekts einen Zeithorizont bis etwa 2030 an. Von Anfang an ist uns dabei der kontinuierliche Dialog mit allen Beteiligten, wie Politik, Partnern, Mitarbeitern und Bürgern, besonders wichtig.

Knapp einen Monat nach Bekanntgabe der Pläne haben wir zum Beispiel unsere Dialogreihe „Let´s talk #Siemensstadt“ gestartet. Diesen Austausch wollen wir in regelmäßigen Abständen fortführen. In diesen Veranstaltungen suchen wir das direkte Gespräch mit Mitarbeitern, zukünftigen Kooperationspartnern, Bürgern, Nachbarn, Politikern, Gründern, Forschern oder dem studentischen Nachwuchs.

Allen soll so die Möglichkeit geboten werden, ihre Ideen, Wünsche und Anmerkungen einzubringen und ihre Fragen zu stellen. Dazu wird „Let´s talk #Siemensstadt“ nicht nur innerhalb der Siemensstadt, sondern an verschiedenen Orten innerhalb Berlins stattfinden und eine möglichst breite Auswahl an Themenfeldern bieten. Die interne Auftaktveranstaltung am 23. November war bereits ein großer Erfolg. Insgesamt haben rund 2200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter daran teilgenommen. Wir sind sehr zufrieden mit der Resonanz auf unser Vorhaben.

Berlin first

In Abstimmung mit dem Berliner Senat werden wir einen städtebaulichen Wettbewerb vorbereiten, der im Jahr 2019 durchgeführt wird und Grundlage für die weitere Entwicklung sein wird. Das Projekt ist ein langfristiges Bekenntnis zum Standort Deutschland und soll für Mitarbeiter und Bürger sowie die Metropolregion ein Symbol für Innovationskraft und Wissenschaft werden. Als gebürtiger Berliner freue ich mich besonders, dass sich die Stadt im internationalen Werben um einen geeigneten Standort durchsetzen konnte.

Der Senat von Berlin hat uns überzeugend dargelegt, dass er ein solches Großprojekt will und auch kann. Und er hat sehr gute Voraussetzungen dafür geschaffen, um die Entwicklung für beide Seiten zu einem Erfolg zu führen. Das ist ein wichtiges und positives Signal, das weit über Siemens hinausstrahlt. Und ich bin mehr als zuversichtlich, dass wir im Jahr 2030 wiederum mit Stolz zurückblicken können und sagen werden: in Berlin fing alles an.

Cedrik Neike, Mitglied des Vorstands der Siemens AG, ist Berliner. Er hatte sich besonders dafür eingesetzt, dass der Campus nach Berlin kommt und nicht international ausgeschrieben wird.

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