Integration an Schulen : Merkels Fanclub

Im Märkischen Viertel gibt es eine Schule, deren Schüler die Kanzlerin super finden.

Schülerinnen des Thomas-Mann-Gymnasiums machen Selfies mit Angela Merkel.
Am Thomas-Mann-Gymnasium im Märkischen Viertel hat Merkel einen Fanclub.Foto: REUTERS / Fabrizio Bensch

Man kann davon ausgehen, dass Angela Merkel, über deren inneres Verhältnis zu Großsiedlungen nicht viel bekannt ist, ab sofort eine Schwäche fürs Märkische Viertel hat. Dort geschah ihr, was sie in den vergangenen Monaten eher selten erlebt hat: Ihr Erscheinen löste spontanen, herzlichen, vielhundertfachen Jubel aus.

Denn dort, im MV, steht mitten drin das Thomas-Mann-Gymnasium, das achte und jüngste Gymnasium Reinickendorfs. Eine Schule, die sich mit Ehrgeiz einen Platz unter den etablierten höheren Bildungsanstalten des Bezirks erkämpft hat. Lehrer und Schüler sind erkennbar stolz, dass Integration und Leistung auch klappen, wenn fast 70 Prozent der Kids im Behördendeutsch „ndH“ sind, also einen nicht-deutschen Hintergrund haben.

Angela Merkel besuchte das Thomas-Mann-Gymnasium

Diese Schule war am sonnigen Dienstagmorgen Ziel der Bundeskanzlerin. Im Rahmen von EU-Projekttagen ließ sie sich zeigen, was mit Hilfe des Erasmus-Programms geleistet wurde. Dahinter steckt eines der ehrgeizigen EU-Ziele im Bildungsbereich, von denen das Erasmus-Semester im Ausland das bekannteste ist. Aber über Erasmus wird auch schulische Bildung gefördert.

Wenn man am Thomas-Mann-Gymnasium sieht, wie gut das in einer Gemeinschaft funktioniert, deren Mitglieder ihre ethnischen Wurzeln in zwei dutzend verschiedenen Ländern haben, bekommt der Papier-Begriff Integration eine andere Bedeutung. Und wo in einer Diskussions-Runde von sechs Schülerinnen und Schülern einer sitzt, dessen Eltern aus Syrien und Rumänien stammen, versteht man die Begeisterung dieser Kinder für die Kanzlerin, der der trotzige Satz „Wir schaffen das“ aus dem Jahre 2015 zum politischen Verhängnis zu werden droht. Ohne die Merkelsche Politik hätten ihre Eltern den Weg nach Deutschland kaum geschafft.

Wo Integration nicht nur ein Papier-Begriff ist

Die Turnhalle des Thomas-Mann-Gymnasiums diente lange als Flüchtlingsunterkunft. An den Gesichtern und Hautfarben der mehreren hundert Mädchen und Jungs, die Angela Merkel so vorbehaltlos bejubelten, hätte die AfD wenig Freude gehabt. Sehr biodeutsch sahen viele von ihnen nicht aus. Dafür waren sie ihren Gästen gegenüber von strahlender Freundlichkeit, und die Schülermitverantwortung, die SMV, hatte die Organisation gut im Griff. Begleitet durch Lehrer, von denen einige eine schöne Mischung aus Kumpel und Respektsperson abgaben, an der Spitze mit dem 47-jährigen Steffen Pieth seit vier Jahren ein smarter Schulleiter, der auch als Bodyguard der Kanzlerin hätte durchgehen können.

Die wollte aus dem großen Auditorium des angrenzenden Fontane-Hauses gar nicht gehen, forderte immer neue Fragen der wohl mehr als 800 Jugendlichen geradezu heraus und erklärte Linnéa, Matheo und Tina nicht nur, was die Seidenstraße ist, sondern auch, warum das mit Kohleausstieg bis 2038 zwar sein muss, aber so schwierig ist. Nicht nur für Oberstufenkoordinator Ralf Burtz, seit 33 Jahren an der Otto Hahn, ein toller Tag. Irgendwie scheint diese Schule bei allen Sorgen so etwas wie ein kollektiver Erfolg zu sein.

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