Internationale Experten in Berlin : Ihr Volunteers der Welt, schaut auf diese Stadt!

Ohne Zivilgesellschaft ist kein Staat zu machen: Das Auswärtige Amt lud Fachleute aus der ganzen Welt zum Austausch nach Berlin.

Eine eigene Welt. Sie kamen unter anderem aus Indonesien, Italien, Japan, der Türkei, Ungarn und den USA: die Engagement-Experten auf Deutschlandtrip, in der Woche des Bürgerfestes beim Bundespräsidenten 2018.
Eine eigene Welt. Sie kamen unter anderem aus Indonesien, Italien, Japan, der Türkei, Ungarn und den USA: die Engagement-Experten...Foto: Annette Kögel

Bei der Frage von José Raymundo Sandoval Bautista aus Mexiko in der Expertenrunde halten alle inne. Was meint der Dozent von der Nationalen Universität für Pädagogik und ehrenamtliche Streiter für die Redefreiheit in der Provinz Guanajuato damit, ob in Deutschland Engagierte Probleme haben, in die linke Ecke gerückt zu werden? Da erzählt der Mexikaner von den demonstrierenden Frauen, die plötzlich ihre Söhne vermissen. Von den Engagierten für Menschenrechte und Demokratie, die teils als Staatsfeinde verfolgt werden. Wie anders ist die Lage doch in Deutschland, wo bürgerschaftliches Engagement zumeist hoch gewertschätzt wird und oft sogar ausgezeichnet: In Berlin sind an diesem Tag auch die 13 Vertreterinnen und Vertreter aus Latein- und Nordamerika, Europa, Afrika und Asien zu ihren Ehren dann später an Nachmittag zum Bürgerfest des Bundespräsidenten geladen.

Das Bild Deutschlands in die Welt tragen

„Verantwortung für die Gesellschaft - ehrenamtliches Engagement in Deutschland“ – unter diesem Motto stand die Informationsreise internationaler Experten des zivilgesellschaftlichen Engagements vom 3. bis 9. September. Sie fand statt innerhalb des Besucherprogramms der Bundesrepublik Deutschland, das Auswärtige Amt lud ein, das Goethe-Institut unterstützte. Seit 60 Jahren werden so hochrangige Akteure aus den Bereichen Journalismus, Kultur, Politik, Gesellschaft, Umwelt, Digitalisierung, Kreativität und Wissenschaft als Multiplikatoren eingeladen, die das Deutschlandbild im Ausland beeinflussen. Im Verlauf eines Themen-Reiseprogramms können sie Land und Leute kennenlernen – ein Instrument der „Public Diplomacy“.

Menschen helfen: Der Tagesspiegel war auch geladen

So besuchten auch Joao José Rocha Targino vom Straßenkinderprojekt „Orquestra Criança Cidadã“ aus Brasilien sowie Krankenpflege-Ikone und Waisenkinderzentrum-Direktorin Catherine Mokgatle-Makwakwa aus Südafrika die Caritas in Wedding. Sie trafen Volunteer-Fachleute in Bundesministerien, besuchten die Hertha-BSC-Stiftung, das Olympiastadion, trafen Vertreter des Technischen Hilfswerks, hörten den Begegnungschor. Sabine Werth, die Begründerin der Tafelbewegung, erklärte, warum sie sich mit der Berliner Tafel lieber nicht über Spenden von gutmeinenden Parteien finanziere – weil das, erst recht nach einem Regierungswechsel, abhängig mache und einen Geldflussstopp auslösen könne.

Appell aus Osteuropa: Redet mit den Rechtspopulisten!

Moderator – und Fachmann – Alexander Thamm machte am Rande des Roundttable-Gespräches auch mit dem Tagesspiegel („Menschen helfen!“) darauf aufmerksam, dass indes auch die von vielen als Bedrohung einer liberalen Gesellschaft gesehene, weiter erstarkende Partei Alternative für Deutschland (AfD) sich nun jener demokratischen Förder- und Finanzstrukturen für bürgerschaftliches Engagement jener Gesellschaft bediene, gegen die sie politisch agiere. Beim Parlamentarischen Patenschaftsprogramm gebe es gerade Diskussionen auch innerhalb des Jugendaustauschnetzwerks „Youth for Understanding“, wenn ein AfD-Abgeordneter als Pate für einen Ausländer als Gast in Deutschland agieren wolle.

Auch Fragen zur Förderung für Aussteigerprogramme gegen Rechts gab es – und den Appell der osteuropäischen Vertreter, dass man den gesellschaftlichen Austausch mit den Rechtspopulisten suchen sollte, um ihnen nicht mehr Stimmen zuzuschanzen. Einfach abwinken bringe niemanden weiter, sondern Argumente zu hören.

Kooperation mit staatlichen Stellen weiter stärken

Engagement habe eine politische Dimension, betonte Andrea Walter, unter anderem Projektmanagerin bei der Bertelsmann Stiftung fürs Programm „Zukunft der Zivilgesellschaft“. Beim Roundtbale-Gespräch im Hotel „Arcotel John F“ blickten alle durchs Fenster auf den nach Plänen des spanischen Architekten Rafael Mondeo entstehenden Gebäudekomplex am Schinkelplatz in Mitte. Die künftige neue Außenstelle der Gütersloher Stiftung entsteht nur wenige Meter hinter der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz in der Alten Stadtkommandantur Unter den Linden 1. Nicht zuletzt würde auch die Herausforderung eines Ankommens und der Integration der seit 2015 mehr als 1,5 Millionen aus anderen Sprach- und Kulturkreisen in Deutschland angekommenen Menschen ohne ehrenamtliche Helfer nicht zu stemmen sein, betonten mehrere Experten.

Dabei unterstrichen Bertelsmann-Fachfrau Andrea Walter und der seit Jahrzehnten auf politische Aspekte schauende Freiwilligenexperte Ansgar Klein vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, wie wichtig es sei, die Initiativen besser zu vernetzen und Kooperation mit staatlichen Stellen weiter zu stärken.

In Polen muss Geflüchteten teils heimlich geholfen werden

Von so einer im Weltvergleich privilegierten Lage ist die Vorsitzende der Stiftung Refugee.pl, Agnieszka Kunicka, weit entfernt. Die katholische Kirche übe christliches Gedankengut leider nicht in der Praxis aus. Und wenn mal Betriebe Geld geben, dann – anders als beim hiesigen CSR-Marketinggedanke „Tue-Gutes-Und-Rede-Darüber“, stets hinter vorgehaltener Hand: Bloß nicht öffentlich machen! Die engagierte Juristin Julia Ostrovskaja vom Zentrum für Sozial- und Arbeitsrechte in Moskau schwärmte, wie begeistert sich junge Russen als Ehrenamtliche für die Olympischen und Paralympischen Spiele bewarben, weil das eine Chance war, mal zu reisen. Viele bemerkten nach dem Kontakt mit den internationalen Gästen, „dass ja niemand es als Spion darauf abgesehen hatte, dem Land zu schaden“. Shane Bruce Schreiber aus Kanada, im Sport aktiv, fragte die Experten nach den dunklen Seiten des Ehrenamts. Dass sich der Staat dadurch teils aus der Verantwortung ziehe, dass Menschen die Abhängigkeit anderer ausnutzten. Philippa P.B. Hughes aus Washington DC macht Kunst mit ihrem „Pink Line Project“ öffentlich attraktiv – und Tina Pauklin aus Estland bringt dank außerschulischen Ehrenamtlichen Kindern lebenspraktische Dinge bei. Sie versucht mit „Tagasi Kooli“, dem Lehrermangel kreativ beizukommen. Dem Staat und anderen Menschen was zu geben, sei doch ein Lebenssinn des Menschen.

Ein Mensch mit einer Idee hat es schon eine ganze Bewegung gestartet – Mut und Leidenschaft der Fachleute aus aller Welt beflügelten auch die deutschen Aktiven.

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