• Interview mit Städteforscher Charles Landry : „Der Holzmarkt steht für neue Lebensformen“

"In Deutschland beharrt man sehr auf dem Rechtsstaat"

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Interview mit Städteforscher Charles Landry : „Der Holzmarkt steht für neue Lebensformen“

In Kreuzberg hat man auch Angst vor noch mehr Touristen. Was kann man dagegen tun?

Die Proteste werden wachsen, das ist klar. In Barcelona, Lissabon oder Venedig sehen wir das schon. Die Städte müssen lernen, Nein zu sagen. In Amsterdam vermeiden es die Bewohner, ins Stadtzentrum zu gehen. Sie haben es an die Touristen verloren. Ich weiß nicht, wie konkrete Lösungen aussehen können. Airbnb zu beschränken, kann schon mal helfen. Es geht darum, den bislang unkontrollierten Tourismus zu lenken. Als ich jung war, durfte man nur 50 britische Pfund mit ins Ausland nehmen, nur mal als Beispiel.

In Berlin strebt der Senat inzwischen radikale Veränderungen an, beim Verkehr, bei der Digitalisierung der Bürokratie, aber in der Umsetzung geht es unheimlich langsam voran. Woran liegt das?

Ich habe das Gefühl, das das Problem komplexer ist als in anderen Städten, vielleicht liegt das an der Geschichte Berlins. Der Flughafen-Chef hat kürzlich bei uns auf dem Creative Bureaucracy-Festival gesagt, die hochgelobten deutschen Ingenieure hätten sich in ihren jeweiligen Bereichen so ausdifferenzierte Normen geschaffen, dass das Zusammenspiel nicht mehr funktioniere. Da scheitert dann Theorie in der Praxis. Hinzu kommt: Wir sprechen schon seit 30 Jahren über integrierte Stadtplanung. Ich habe das Gefühl, dass die Säulen der Verwaltung, diese Königreiche, hier sehr stark sind. Ein Beispiel: Wer bewertet, wie eine Straße umgebaut werden soll, ist das nur die Verkehrsbehörde? Warum gibt es keine Behörde für die Menschen, die die Straße nutzen werden? Wenn die Menschen-Behörde so viel Einfluss hätte wie die Verkehrsbehörde, würde die Straße wahrscheinlich anders aussehen. In Deutschland beharrt man sehr auf dem Rechtsstaat, andere Länder sind da flexibler. Das Image der Bürokratie ist leider eher negativ, daher ist es auch schwierig neue Talente anzulocken, die nicht nur Gesetze zitieren, sondern eher danach fragen: Was ist der Sinn eines Gesetzes?

Charles Landry wurde 1948 in London geboren, seine Eltern waren vor den Nazis aus Berlin geflüchtet. Landry hat in München sein Abitur gemacht, heute lebt er bei London

Der Streit am Holzmarkt

Die Holzmarkt-Genossenschaft fordert Schadensersatz vom Land in Millionenhöhe, weil es für das Eckwerk-Projekt nach fünf Jahren Planung immer noch kein Baurecht gibt. Auch mit der städtischen Gewobag, die als Projektpartner gewonnen wurde, haben sich die Genossen überworfen. Das Eckwerk besteht aus fünf Holzhochhäusern. Darin sollten kleine Wohnkapseln für Studenten mit großzügigen Gemeinschaftsräumen verbunden werden, in denen gearbeitet, gegessen und gefeiert werden kann. Es sollte keine Mietzahlung nach Quadratmetern geben, sondern eine Nutzungspauschale. Die renommierten Architekturbüros Graft und Kleihues haben die Gebäude entworfen. Weil die Genossen viel Geld in die Eckwerk-Planung gesteckt haben, aber nicht mehr über das Grundstück verfügen können, droht ihnen die Pleite. In einem Vermittlungsverfahren, das über drei Monate läuft, soll jetzt ein Ausweg aus der verfahrenen Situation gefunden werden. Verbindlich sind die Vorschläge dieses unabhängigen „90-Tage-Rats“ aber nicht.

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