Interview zur Wirtschaft in Ost-Berlin : „Die Wunden sind verheilt“

Die Wende brachte große Umbrüche in der Ost-Berliner Wirtschaft, meint der Ökonom Karl Brenke. Lässt sich das in der wiedervereinten Stadt noch spüren?

Karl Brenke, Wissenschaftlicher Referent beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.
Karl Brenke, Wissenschaftlicher Referent beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.Foto: picture alliance / Anna Blancke

Karl Brenke ist Referent im Vorstand des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und forscht zur Konjunkturpolitik.

Welchen Anteil hatten Ostdeutsche am Gründergeschehen im vereinigten Berlin?
Nach der Wende gab es überall in der DDR eine starke Gründungswelle. Zum Teil ging sie mit überzogenen Erwartungen auf einen alsbald sich einstellenden Wohlstand einher, zum Teil machten sich die Leute wegen fehlender Beschäftigungsalternativen selbstständig. Oft kam auch noch eine Förderung von den Arbeitsämtern dazu.

Wie nicht anders zu erwarten, wurden neue Existenzen vor allem auf solchen Feldern gegründet, wo der Marktzugang relativ einfach war und keine besonderen Qualifikationen nötig waren: Handel, Transportgewerbe und andere eher einfache Dienstleistungen. Mitunter kam es auch zu Gründungen auf technisch komplexeren oder kreativeren Gebieten, Gründungen solcher Art haben im Laufe der Zeit an Bedeutung gewonnen – jedenfalls in Berlin.

Mit der Akademie der Wissenschaften der DDR und anderen Forschungseinrichtungen war Ost-Berlin ein wichtiger Wissenschaftsstandort. Konnte die Wirtschaft davon nach dem Mauerfall profitieren?
In der Tat war auch Ost-Berlin ein gewichtiger Wissenschaftsstandort. Im Bereich der industrienahen Forschung ist allerdings nicht sehr viel übrig geblieben – weil die zugehörigen früheren Kombinatsbetriebe – die auch anderenorts angesiedelt waren - die Leistungen nicht mehr brauchten oder stillgelegt wurden. Nach der Wende dachte man beispielsweise, dass Ost-Berlin ein wichtiger Standort für die Entwicklung im Bereich Schienenfahrzeuge werden könnte. Daraus ist aber nichts geworden. Anders sieht es bei staatlicher Forschung aus: Da ist vieles geblieben und noch dazugekommen.

An welchen Stellen wurde Ost-Berlins Wirtschaft hart getroffen nach der Wende?
Wie überall in der DDR war die Industrie besonders betroffen, da sie gegenüber der Industrie im Westen hoffnungslos unterlegen war. Allerdings gab es im Osten Berlins relativ wenig Industrie. Wie in West-Berlin war die Wirtschaftsstruktur durch den Staatssektor geprägt. Einiges blieb erhalten – aber natürlich fielen zentralstaatliche Funktionen der DDR rasch weg. Sukzessive abgebaut wurde auch die noch üppiger als in West-Berlin ausgestattete Verwaltung der Bezirke.

Sind die Narben verheilt ?
Da ist so ziemlich alles verheilt. Überdies muss man sehen, dass auch West-Berlin Federn lassen musste: Auch hier wurde der Staatssektor ausgedünnt, dasselbe gilt für die früher hochsubventionierte Industrie. In Osten wie im Westen ist eine neue Wirtschaftsstruktur entstanden: kleinteiliger und mehr auf die Dienstleistungen ausgerichtet.

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