• „Jesus ist fucking auferstanden“: Was verschiedene Religionen in Berlin mit Ostern verbinden

Zwischen Respekt und Verständnislosigkeit

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„Jesus ist fucking auferstanden“ : Was verschiedene Religionen in Berlin mit Ostern verbinden

Anna Staroselski, 23, Lehramtsstudentin aus Charlottenburg, Vorstand in der JSUD (JSUD - Jüdische Studierendenunion Deutschland)
Die jüdischen Feiertage werden nach dem Mondkalender berechnet. In diesem Jahr fällt Pessach auf Ostern. Das feiere ich mit meiner Familie traditionell. Am Freitagabend und Samstagmorgen waren wir zum Sabbat in der Synagoge, am Samstagabend und Sonntagmorgen dann nochmal. Insgesamt geht das Pessachfest acht Tage, aber am meisten feiern wir den ersten Tag, den Freitag.

Wir kommen da immer mit der Familie zusammen, essen gemeinsam und haben eine in dem Buch „Hagadah“ festgelegte Abfolge für diese Veranstaltung. Wir singen Lieder, diskutieren über bestimmte Themen und machen viele symbolische Dinge. Wie zum Beispiel, dass wir Bitterkraut in Salzwasser tunken. Dabei gedenken wir an die schwere Zeit der Sklaven in Ägypten.

Wir haben auch ein Ei als Symbolik. Es steht für das Vollkommene, das Ganze, etwas Abgeschlossenes. Deshalb essen wir auch ein Ei, wenn jemand stirbt. Ansonsten haben wir mit Ostereiern oder Osterhasen aber nichts zu tun. Nach dem Buch, in dem die Feierabfolge steht, trägt die jüngste Person in der Gruppe ein bestimmtes Lied vor. Das bin in diesem Jahr ich. 

Ich finde es auch schön, dass wir die christlichen Feiertage in Deutschland haben. Die Menschen haben das Bedürfnis nach etwas Höherem und das ist eine gute Zeit, um mal die Perspektive zu wechseln und über den Sinn des Lebens nachzudenken. Es müssen auch nicht alle Deutschen einen jüdischen Feiertag feiern. Aber ganz konkret ist es für uns blöd, wenn Schüler oder Studenten während der hohen jüdischen Feiertage Prüfungen schreiben müssen. Zu unseren religiösen Vorschriften gehört, an unseren Feiertagen nicht zu schreiben. Es wäre schön, wenn man da Lösungen finden könnte. Ich habe mal eine Dozentin darum gebeten, und durfte dann eine Prüfung einen Tag vorher schreiben. 

Ich bin jüdisch aufgewachsen und der Glaube gehört schon immer zu mir. Trotzdem habe ich mich damit noch einmal ganz konkret auseinandergesetzt. Ich habe 2016 ein Urlaubssemester gemacht und bin in dieser Zeit in Israel in eine Tora-Schule gegangen. Ich habe etwas hebräisch gelernt und viel über die Tora und den jüdischen Glauben diskutiert. Seit dieser Glaubensentscheidung hat sich in meinem Leben viel verändert. Ich gehe Freitagabends nicht feiern, sondern verbringe die Sabbat-Zeit mit meiner Familie.

Ich achte auf koscheres Essen. Die Tora ist wie eine Bedienungsanleitung für mich, ein bestmöglichstes Leben zu leben. Ich möchte auch durch sie ein besserer Mensch sein und unserer Gesellschaft Gutes bringen. Deshalb engagiere ich mich in verschiedenen jüdischen Jugendorganisationen und auch viel in der Politik. 

Anna Staroselski, 23, Lehramtsstudentin aus Charlottenburg.
Anna Staroselski, 23, Lehramtsstudentin aus Charlottenburg.Foto: privat

Dadurch, dass ich so aktiv bin, bekomme ich vor allem auf Social-Media viele Anfeindungen. Ich habe das Gefühl, dass es gerade einen starken Shift in Deutschland zum Antisemitismus und auch zum Hass gegen Israel gibt. Mein Bruder trägt eigentlich Kippa und ich manchmal eine Kette mit dem Davidsstern. Wenn wir in Wedding, Neukölln, Gesundbrunnen sind, nehmen wir das ab. Es ist uns zu gefährlich. Wenn wir auf Facebook zu jüdischen Veranstaltungen einladen, schreiben wir auch nie den Ort dazu.

Interessierte müssen uns persönlich anschreiben, um den Ort zu verfahren. Es gibt auch in allen jüdischen Institutionen hohe Sicherheitsvorkehrungen. Wenn ich am Sabbat zum Beten in die Synagoge möchte, muss ich erst mal durch einen Sicherheitscheck. Das gehört für mich schon dazu. Als ich noch zur Schule gegangen bin, habe ich mich oft geschämt, zu sagen, dass ich Jüdin bin. Mein Bruder und ich waren die einzigen Juden in der Schule und ich wurde deswegen oft gehänselt. Auch jetzt höre ich noch ab und zu Witze deswegen, die gar nicht witzig sind. 

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