Jubiläum in Berlin : Brot für die Welt feiert sechs Jahrzehnte Überlebenshilfe

Die erste Kollekte gab es in der Deutschlandhalle: mit Tonnen, in denen einst Milchpulver an Berliner verteilt wurde. Jetzt wird "Brot für die Welt" 60 Jahre.

Reiche Ernte. „Hunger nach Gerechtigkeit“ ist das Motto der 60. Aktion. Auch in Afrika werden Pflanzen erprobt, die der Erderwärmung trotzen sollen.
Reiche Ernte. „Hunger nach Gerechtigkeit“ ist das Motto der 60. Aktion. Auch in Afrika werden Pflanzen erprobt, die der...Foto: Jörg Böthling/dpl, BfdW

Die erste Spendenaktion „Brot für die Welt“, sie ist ein großer Erfolg: In wenigen Wochen kommen 19 Millionen Mark aus Ost- und West-Deutschland zusammen. Gesammelt wurden sie in historischen Gefäßen, nämlich in Milchtonnen, in denen zwölf Jahre zuvor Milchpulver für die infolge des Zweiten Weltkrieges notleidende Bevölkerung in Berlin transportiert wurde. Nun erfüllen sie wieder einen besonderen Zweck: Die, denen geholfen wurde, helfen nun anderen.

Unter dem Motto „Brot für die Welt“ rufen die evangelischen Landes- und Freikirchen am 12. Dezember 1959 in der Deutschlandhalle die 12 000 Zuschauer in Berlin zu Spenden für weltweit Hungernde auf. Die Aktion startet zu einer Zeit, als die Deutschen wieder selbst abgeben können, nachdem sie zuvor auf die Hilfe anderer angewiesen waren. Die große Resonanz führt zur Gründung des evangelischen Hilfswerks Brot für die Welt, zunächst mit nur drei Mitarbeitern und Sitz in Stuttgart.

Nach dem Krieg wurde den Deutschen geholfen, jetzt helfen sie

Seither wird immer am 1. Advent traditionell die neue Spendenaktion eröffnet – bundesweit und mit vielen regionalen und lokalen Gottesdiensten –, in diesem Jahr zum 60. Mal. Und alles erscheint so aktuell wie zuvor, als bei der Veranstaltung 1959 Otto Dibelius, damals evangelischer Bischof in Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sowie Helmut Gollwitzer, Theologieprofessor an der Freien Universität in Berlin, zu den Berlinerinnen und Berlinern sprechen. 14 Jahre nach Kriegsende rufen sie die evangelischen Christen in Deutschland auf, über den eigenen Tellerrand zu blicken: „Die halben Fortschritte, die die europäische Zivilisation den Völkern Asiens, Afrikas und Südamerikas gebracht hat, die Hygiene, die Bekämpfung von Seuchen, die Verminderung der Geburtensterblichkeit, sind das Verderben jener Völker, solange sie nicht zu ganzen Fortschritten werden, solange nicht die vermehrt am Leben bleibenden Menschen auch Arbeitsplätze zum Brotverdienst erhalten, solange nicht die Produktion von Nahrungsmitteln erhöht wird, solange dafür nicht genügendes Kapital, ein Stamm von Fachkräften und veränderte Lebenseinstellung gegeben ist.“

Geistiger Vater der bündelnden Sammelaktion Brot für die Welt ist der Theologe Christian Berg, damals Leiter der Ökumenischen Abteilung im Diakonischen Werk. Er ist auch Namensgeber für Brot für die Welt – zunächst sollte die Aktion „Lazarus vor Europas Tür“ heißen. Zu Beginn der kirchlichen Hilfeaktion 1959 gelten mehr als die Hälfte der damals 2,85 Milliarden Menschen weltweit als mangelernährt – und rund 570 Millionen sind von akutem Hunger betroffen, sagt Anne Dreyer, Leiterin des Referats Kommunikation von Brot für die Welt in Berlin.

Kooperiert wird nicht nur mit Kirchen

In der ersten Sitzung des Bewilligungsausschusses am 12. Februar 1960 werden 13 Anträge bewilligt, darunter Projekte in Indien, Indonesien, Pakistan, Hongkong, Ägypten, Togo und Jugoslawien und Griechenland. Brot für die Welt unterstützt dabei alle Menschen, die arm und ausgegrenzt sind, unabhängig von ihrer Religions- und Konfessionszugehörigkeit. Zu den Prinzipien der Arbeit gehören weiter: keine eigenen Projekte, sondern Kooperation mit vor allem einheimische Partnerorganisationen aus Kirche und Zivilgesellschaft. Und zwar für Hilfe zur Selbsthilfe, um Menschen zu befähigen, ihre Rechte selbst einzufordern.

Auftakt. Bischof Otto Dibelius, 1959, vorm sogenannten Hungerhand-Plakat.
Auftakt. Bischof Otto Dibelius, 1959, vorm sogenannten Hungerhand-Plakat.Foto: BfdW

Unzählige Leben werden gerettet, Lebenswege ermöglicht. Das Menschenrecht auf Essen und Trinken, es wird immer mehr Leuten zuteil. Heute hungert aber immer noch jeder neunte Mensch der rund 7,5 Milliarden weltweit. 821 Millionen Menschen gelten als mangelernährt. Die Zahlen sind seit 2015 erstmals wieder angestiegen, vor allem aufgrund von Kriegen wie etwa im Jemen und in Syrien sowie aufgrund der Folgen des Klimawandels. Dürren, Überschwemmungen, Taifune, Hitzewellen – die Wetterextreme nehmen zu. Menschen fliehen vielerorts, weil sie nichts mehr zu essen anbauen können und kein Trinkwasser mehr finden.

So wie damals. Brot für die Welt hat bis zum Mauerbau 1961 seinen Sitz in Berlin, dann bis 2012 in Stuttgart. Seit der Fusion mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) und dem Bundesverband der Diakonie zum Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung sitzt Brot für die Welt wieder in Berlin, hier engagieren sich rund 580 Mitarbeitende, zudem gibt es einige Kräfte in Koordinierungsbüros weltweit. Manchmal werden auch Fachkräfte entsandt. Eine Mitgliedschaft in einer Kirche ist wünschenswert, aber nicht Voraussetzung. Gegen Hunger, Armut und Ungerechtigkeit gibt es derzeit 1500 Projekte in 97 Ländern. Neben Ernährungssicherung sind auch Bildung, Gesundheit, Klimaschutz und Einhaltung der Menschenrechte wichtige Schwerpunkte der Arbeit, so Sprecherin Anne Dreyer. In der Geschichte geht es auch immer wieder um Frauenrechte, das Engagement gegen Genitalverstümmelung.

Der erste Welt-Laden wird 1973 eröffnet

Und es geht auch um gesellschaftliches Engagement. So öffnet 1973 mit Unterstützung von Brot für die Welt der erste Weltladen in Stuttgart mit fair gehandelten Produkten. Viele Gemeinden in Deutschland verpflichten sich dazu, weniger zu konsumieren, Abfall zu sortieren und sparsam zu heizen. Mit der „Aktion e“ werden Modellprojekte zur alternativen Energiegewinnung gefördert. Gemeinsam mit dem späteren Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi und anderen Organisationen startet Brot für die Welt 1990 eine Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie und vergibt ein entsprechendes Siegel. Heute geht es auch um die Resozialisierung von Kindersoldaten.

Schon 1999 ringt mit Cornelia Füllkrug-Weitzel die erste Frau an der Spitze für gerechte Handelsbeziehungen, Klimagerechtigkeit, die UN-Nachhaltigkeitsziele und den Schutz der Menschenrechte. Zur Finanzierung der Arbeit gibt es längst auch staatliche Mittel des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) und vom Kirchlichen Entwicklungsdienst. Traditionell sammeln die 14 000 evangelischen Gemeinden in Deutschland beim Weihnachtsgottesdienst für Brot für die Welt – wenn auch nicht mehr mit Milchkannen.

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