Karotisstenose : Besser früh als zu spät

Eine Verengung der Halsschlagader, Karotisstenose genannt, kann einen Schlaganfall verursachen. Vorbeugend wird die Arterie geöffnet und von Plaques befreit – ein anspruchsvoller Eingriff. Zu Besuch im Franziskus-Krankenhaus.

Gut lachen. Hannelore Zahn, hier mit Chefarzt Ralph-Ingo Rückert, wurde vor 15 Jahren operiert. Es geht ihr blendend.
Gut lachen. Hannelore Zahn, hier mit Chefarzt Ralph-Ingo Rückert, wurde vor 15 Jahren operiert. Es geht ihr blendend.Foto: Thilo Rückeis

Es war mitten in der Nacht, als Andreas Kremer (Name geändert) plötzlich aufwachte. Eigentlich musste er zur Toilette, aber auf dem Weg dorthin fiel ihm auf, dass ein Arm gelähmt war, eine Gesichtshälfte auch. Seine Frau fuhr ihn in die Notaufnahme, wo die Diagnose schnell klar wurde: Andreas Kremer litt an einer Karotisstenose, einer Verengung der Halsschlagader. „Das hat mich schockiert“, erzählt der 60-jährige Designer, der für eine Hotelkette Zimmer einrichtet, „weil ich es überhaupt nicht erwartet habe.“ Vor dieser Nacht, sagt er, hätte es keine Anzeichen, Symptome, Warnungen gegeben, außer einem leichten Taubheitsgefühl im kleinen Finger. Andreas Kremer wurde in die Klinik für Chirurgie des Franziskus- Krankenhauses Berlin überwiesen und dort Mitte Dezember 2017 operiert.

Was ist eine Karotisstenose? Die Halsschlagader führt, von der Aorta, also der vom Herzen kommenden Hauptschlagader, in Richtung Hirn. Bevor sie dieses erreicht, gabelt sie sich in zwei große Arterien auf. Während die erste direkt das Gehirn versorgt, ist die zweite für die Weichteile von Kopf und Hals zuständig - und indirekt, über abzweigende kleinere Gefäße, ebenfalls für das Gehirn. Es gibt also zahlreiche potenzielle Stellen, an denen Engpässe, sogenannte Stenosen, entstehen können. Bevorzugt treten sie an der inneren Halsschlagader in Nähe der Gabelung der beiden Hauptäste auf. Und diese Abzweigung selbst zeigt dann meist ebenfalls krankhafte Veränderungen der Gefäßwände.

Plaques können zum Verschluss der Arterie führen

„In den Arterien lagern sich mit zunehmendem Alter Plaques ein, die vor allem aus Fetten bestehen“, erklärt Ralph-Ingo Rückert, Chefarzt der Klinik für Chirurgie am Franziskus-Krankenhaus. Das gängige Sprachbild von der „Arterienverkalkung“ ist also nur zum Teil richtig. Denn häufig, aber nicht immer, bilden sich mit den Ablagerungen auch Kalkschollen an den Gefäßwänden. Vor allem aber können die Plaques Blutgerinnsel an der Gefäßinnenwand bilden. Bei einer plaquebedingten, hochgradigen Verengung von mehr als 80 Prozent können die Gerinnsel zum Verschluss der Arterie führen. Dann droht ein Schlaganfall. „Gefährlich sind sowohl die Enge selbst, weil sie die Blutzufuhr zum Hirn drosselt, als auch verschlepptes Plaquematerial, Gerinnsel und Entzündungszellen, die zu Verschlüssen führen können“, sagt Rückert. Um schon vorher zu verhüten, dass so etwas passiert, gibt es die Karotisstenosen-Operationen. Diese sind also nahezu immer prophylaktisch: Mit ihnen soll dem Schlaganfall vorgebeugt werden.

Eine Karotisstenose tritt in zwei grundsätzlichen Formen auf. Patient Andreas Kremer hatte bereits deutliche Symptome, als er in die Notaufnahme kam. Er litt an einer sogenannten symptomatischen Stenose. Das Krankheitsbild muss sich aber nicht immer auf diese Weise bemerkbar machen. Bei der asymptomatischen Stenose spürt der Patient nichts, sie wird meist durch Zufall, bei Routineuntersuchungen, entdeckt. So wie bei Hannelore Zahn: Die Berlinerin mit ostpreußischen Wurzeln wurde am Franziskus-Krankenhaus schon 2003, vor fast 15 Jahren operiert. „Ich hatte damals nicht das Geringste bemerkt“, erinnert sie sich. „Eigentlich war ich aus ganz anderen Gründen, nämlich wegen eines leichten Kribbelns im Gesicht, beim Neurologen, als das festgestellt wurde.“ Gefäßchirurg Rückert sagt: „Sowohl die symptomatische wie die hochgradig asymptomatische Stenose müssen natürlich behandelt werden. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass uns bei der symptomatischen Stenose viel weniger Zeit bleibt. Wir müssen im Prinzip sofort handeln.“

Über 25 000 solcher Eingriffe werden in Deutschland jedes Jahr durchgeführt. Obwohl über zehn Jahre zwischen den Operationen von Andreas Kremer und Hannelore Zahn liegen, hat sich an der Therapie der Karotisstenose nichts Grundlegendes geändert. Im Wesentlichen existieren zwei Techniken zur „Rekonstruktion“ – so der Fachbegriff – der betroffenen Arterie. In beiden Fällen wird das Blut durch Medikamente ungerinnbar gemacht, die Halsschlagader freigelegt und an den entscheidenden Stellen vor und hinter der Stenose abgeklemmt. Ein Silikonröhrchen, Shunt genannt, verbindet während der Dauer der Operation die beiden Arterien der Karotis und stellt so die Blutzufuhr zum Gehirn sicher. Wenn die laufende Überwachung der Hirnfunktion zeigt, das die Blutversorgung gesichert ist, kann auch auf den Shunt verzichtet werden.

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