Kein CSD ohne ihn! : Nachruf auf Pete Sibley (Geb. 1942)

Er war Musikmanager, Queen Mum lud ihn ein. Die glänzenden Zeiten lagen hinter ihm. Aber er war doch noch am Leben!

Pete Sibley (1942-2019)
Pete Sibley (1942-2019)Foto: privat

Pete wollte so sehr am Leben sein, wollte seine Unabhängigkeit spüren, wollte lieben, mit dem Körper und mit dem Herzen, wollte feiern und sich der Welt zeigen, dass er den Fehler beging, sich zu viel zuzutrauen. Ein paar Jahre vor seinem Tod mobilisierte er noch einmal alle seine Kräfte, setzte durch, dass er aus der Pflege-WG ausziehen und wieder alleine wohnen konnte, auf seinen eigenen 40 Quadratmetern.

Ein neuer Anfang sollte es sein, selber kochen, der eigene Herr sein. Ein Anknüpfen an die alten, großen Zeiten. Als er eine Eigentumswohnung in Hamburg besaß und ein Ferienhaus in der Bretagne. Als er, noch weiter zurück, von der Queen Mum zu ihrem Geburtstag eingeladen wurde.

Als er erst Theatermanager in London war, dann Musikmanager für die „Deutsche Grammophon“ und danach für „Polydor Records“. Er betreute Cat Stevens, handelte mit „The Who“ einen Vertrag aus, erklärte der spanischen Franco-Zensur die inhaltliche Bedeutung von „Sex Machine“ und verhinderte, dass der schlecht gelaunte James Brown in ein falsches Flugzeug stieg. Davon berichtete er aber nur, wenn man ihn fragte. Pete blickte auf schillernde Zeiten zurück, aber angegeben hat er damit nie.

Dass seine Geschichten stimmen, davon zeugen Fotos. Er neben der Queen Mum. Er zusammen mit James Brown am Flughafen. Die Fotos zeigen einen blutjungen Pete Sibley, gerade und stolz sein Rücken, die Kinnpartie markant-männlich, die Haare halblang, die Augen sanft und intensiv zugleich. Schaut man nun auf ein aktuelleres Foto, sieht man einen alten Mann von tief nach vorn gebeugter Gestalt mit tiefen Ringen unter den Augen und silbrig-schwarzem Bart, der sein halbes Gesicht verdeckt. Seine Augen aber, das sind die von früher, immer noch sanft und intensiv, trotz all der Jahre und der Dinge, die dazwischenlagen.

Glitzerjacke, Glitzerschmuck, lackierte Fingernägel

Eigentlich hieß Pete, der aus Wales kam, Peter, so aber nannte ihn niemand. Wenn Pete redete, ruhig und langsam, erkannte man nur in den Höhen und Ecken seiner Sätze, dass er kein Deutscher war. Sprachen hatte er in der Schule gelernt und dann in Oxford studiert. Italienisch, Spanisch, Deutsch sprach er so fließend, dass er zum Ende seines Berufslebens als Übersetzer arbeitete. Und Pete sprach gerne, wenn es ihm passend erschien, auch etwas deftiger und mit einem Humor, der zart Besaitete irritieren konnte.

So stand er einmal für eine Dokumentation über den 40. Christopher-Street-Day-Umzug vor der Kamera und verabschiedete sich optimistisch: „Noch weitere 40 Jahre fröhliches Ficken!“ Überhaupt liebte er den Berliner CSD. Keinen ließ er aus. Zog sich die Glitzerjacke an, hängte sich den Glitzerschmuck um, lackierte die Fingernägel und ließ sich von einer Rikscha stundenlang durch den Tumult fahren. Immer wieder wollte sich einer der jungen Männer mit ihm zusammen fotografieren lassen. Aber gerne doch!

Pete Sibley in der Rikscha beim CSD 2016
Pete Sibley in der Rikscha beim CSD 2016Foto: privat

Wie Pete 2012 nach Berlin kam? Das hatte was mit seinem zweiten Schicksalsschlag zu tun. Er hatte er einen Schlaganfall, saß von jetzt auf gleich im Rollstuhl, konnte sich kaum noch bewegen. Wie sollte es weitergehen? Würde er aus dem Loch wieder herauskommen, so wie es ihm schon einmal gelungen war? Er wohnte in Hamburg und suchte im Internet nach einer Pflege-WG für schwule Alte. Und fand sie in Berlin, im eben eröffneten Mehrgenerationenhaus in Charlottenburg. Hier kämpfte er sich jahrelang durch die Physiotherapie, begab sich, wann immer es ging, in den Garten des Hauses und hielt sein Gesicht in die Sonne, ließ sich jeden Mittwoch auf den Wochenmarkt schieben, kaufte Blumen und flirtete links und rechts mit den jungen Männern.

Er fand Freunde, die ihn abholten und mit ihm ins „Schwuz“ gingen. Am Leben sein! Dabei sein! Oder er schaute Dichtern zu, die ihre Texte nackt in einer Bar vortrugen. Er verliebte sich sogar wieder, „die Liebe meines Lebens!“ Ein junger Pfleger, Manfred hieß er. Ob zwischen den beiden wirklich was lief, ist eigentlich nebensächlich. Pete vergötterte Manfred. Manfred mochte Pete, machte Ausflüge mit ihm, besuchte ihn auch ohne Pflegeauftrag. Eines Tages meldete sich Manfred nicht mehr. Er hatte sich das Leben genommen, was Pete tief erschütterte.

Sein erster Schicksalsschlag hatte ihn viel früher ereilt, 1984. Er war 42 Jahre alt, da stand sein HIV-Test auf positiv. Ein Todesurteil für die allermeisten damals. Viele seiner Freunde hatte es erwischt. Doch Pete rappelte sich auf, freute sich immer auf das, was gerade anstand, auf den nächsten Urlaub, auf die nächste Show. Schritt für Schritt hangelte er sich weiter – und er nahm regelmäßig seine Medikamente. „Wer das nicht tut, ist doch idiotisch, das sind Lebensretter“, sagte er einmal in eine Fernsehkamera. Pete überlebte die Infektion – mit einem Riesenglück natürlich; bei ihm war das Virus weniger aggressiv.

Dann also der Tag, an dem er beschloss, aus der Pflege-WG auszuziehen. Die Leute dort waren ihm nicht aktiv genug. Er schrieb ihnen Postkarten aus Marokko, da fuhr er gerne hin, doch sie bedankten sich nicht einmal. Er wollte was zusammen machen, doch die anderen wollten ihre Ruhe. Also wollte er lieber für sich selbst sorgen, doch da überschätzte er seine Kräfte. Er kaufte zwar groß ein, schaffte es aber nicht, selbst zu kochen. Das Essen verschimmelte. Stur, wie er war, wollte er sich da nicht reinreden lassen. Seinen Abbau verdrängte er. Schuhe ausziehen wurde ihm zu mühselig, also ging er mit Schuhen ins Bett.

Im letzten Herbst passierte es zum ersten Mal, dass er an einem Mittwochmorgen nicht fertig und hübschgemacht in seinem Rollstuhl saß, um sich von einem Freund rausfahren zu lassen. Er wollte nicht, war müde. Keine Lust. Im März ging er in ein Hospiz, am 4. April starb er. Zu seiner Beerdigung kamen 60, 70 Leute. Menschen, die er hier kennengelernt hatte, die von ihm beeindruckt waren, neue und alte Freunde, die Familie aus London. Es war ein würdiger Abschied von einem, der gern da war, wo das Leben war.

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