Kein Hertha-Stadion im Olympiapark : „Geisels Position ist nachvollziehbar“

Fußball, Stadien und die Stadt: Im Interview spricht Sportsoziologie Silvester Stahl über Berlins Sportlandschaft und die Rolle von Senator Geisel.

Das Olympiastadion trägt zur Einzigartigkeit des Sportstandorts Berlin bei.
Das Olympiastadion trägt zur Einzigartigkeit des Sportstandorts Berlin bei.Foto: Thilo Rückeis

Silvester Stahl (45) ist Professor an der Fachhochschule für Sport und Management in Potsdam.

Andreas Geisel hat Berlins größtem Fußballverein eine Absage erteilt. Der Sportsenator schließt eine Fußballarena neben dem Olympiastadion in Berlin-Charlottenburg kategorisch aus. Ist Hertha dem Sportsenator nicht wichtig genug?
Silvester Stahl: Nein, Geisels Position ist nachvollziehbar. Was den Kernbereich des Olympiaparks anbelangt – also das große Stadion und das Maifeld – hat er klar recht: Eingriffe in die Grundstruktur der Anlage kommen aus historischen Gründen nicht in Frage.

Das gilt so nicht für den Rand des Geländes, wie den von Hertha favorisierten Standort am U-Bahnhof. Aber auch hier hat der Senator gute Gründe für seine Blockade: Wegen des Lärmschutzes würde eine zweite Arena an diesem Ort dazu führen, dass nur noch wenige Veranstaltungen im Olympiastadion stattfinden dürften. Die Einnahmeausfälle hätte der Steuerzahler zu tragen. Außerdem ist der Bereich bewohnt.

Aber von vergleichsweise wenigen Berlinern. Ist keine Lösung in Sicht?
Unter anderen Umständen vielleicht. Aber die Verdrängung von Mietern ist im Moment das größte Reizthema in Berlin. Da wird sich Geisel auch aus parteipolitischen Gründen nicht die Finger verbrennen wollen. Hier sieht man exemplarisch, wie die Wohnungsfrage zunehmend andere Politikfelder blockiert – auch den Sport.

Hinzu kommt der Gegenvorschlag Tegel. Der fügt sich in die Strategie des Senats, verschiedenen Gruppen Versprechungen für das Gelände des jetzigen Flughafens zu machen – auch, damit dessen Schließung populärer wird.

Silvester Stahl (45) ist Professor an der Fachhochschule für Sport und Management in Potsdam.
Silvester Stahl (45) ist Professor an der Fachhochschule für Sport und Management in Potsdam.Foto: promo

Streit gibt’s auch um den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Im Bezirksamt Pankow und der Nachbarschaft um den Mauerpark sind viele dagegen, dass aus dem Stadion eine Event-Anlage wird. Es fehle ein Verkehrskonzept, die Vereinssportler kämen, so die Sorge, auch zu kurz. Braucht Prenzlauer Berg eine solche Anlage?
Mit seiner Lage und Größe ist der Jahnsportpark einzigartig in Berlin, die geplante Umwandlung zu einem Zentrum des Inklusionssports kann weit über die Stadt hinaus wegweisend werden. Deshalb sollte eine gründliche und umfassende Planung ohne zu großen Zeitdruck erfolgen, bei der alle Interessengruppen berücksichtigt werden. Dem wird der Senat bislang nicht gerecht. Er verfehlt damit auch seine eigenen Ansprüche auf verstärkte Bürgerbeteiligung und Basisdemokratie.

Das geheimnisvolle Olympiastadion in Bildern
Wer in der Westkurve im Oberring übrigens nach ganz oben stiefelt und sich in der letzten Reihe auf den Klappstuhl stellt, sieht einen wunderschönen Sonnenuntergang hinter Spandau. Wäre das Dach hier oben geschlossen, sähe man den nicht (und müsste stattdessen immer Hertha da unten guckt, was nicht immer ein Vergnügen ist, wie wir wissen).Weitere Bilder anzeigen
1 von 91Foto: Imago
22.06.2018 08:58Wer in der Westkurve im Oberring übrigens nach ganz oben stiefelt und sich in der letzten Reihe auf den Klappstuhl stellt, sieht...

Andreas Geisel hat sich als Innensenator profiliert – für wie gut halten ihn Sportwissenschaftler und Vereinsmitglieder denn als Sportsenator?
Natürlich wird Geisel zuallererst als Innensenator wahrgenommen, sein Profil als Sportsenator ist vergleichsweise blass. Das war bei seinen Vorgängern aber nicht anders.

Auf der Arbeitsebene spielt sowieso der zuständige Staatssekretär die wichtigere Rolle. Der aktuelle Amtsinhaber Aleksander Dzembritzki ist ein Mann des Sports und passt mit seinen Kontakten gut in unser korporatistisches Sportsystem, in dem unabhängige, aber staatlich geförderte Sportverbände arbeitsteilig zusammenarbeiten. Dzembritzki ist aber erst seit einem Jahr im Amt, hatte also noch nicht die Zeit, viele Akzente zu setzen.

Gilt Berlin überhaupt in Deutschland als Sportmetropole? Und sollte der Senat mehr für den Breiten- oder lieber doch den Spitzensport tun?
Die Sportlandschaft in Berlin ist tatsächlich einmalig und stellt einen wichtigen Standortfaktor dar. Und die Stadt wächst. Das ist gut für den Spitzensport, dessen Ressourcen sich erhöhen: mehr zahlende Zuschauer, mehr Sponsoren, mehr sportliche Talente.

Für den Breitensport stellt das Wachstum der Stadt hingegen eine große Herausforderung dar, denn er ist weitgehend auf öffentliche Sportinfrastruktur angewiesen. Deren Ausbau wird nur schwer mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten können, zumal es in vielen Bereichen schon jetzt großen Nachholbedarf gibt. Hier liegen die zentralen Aufgaben für Berlins Sportpolitik.

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