• Kein rasendes Problem: Nicht der E-Scooter ist pervers, sondern die Situation, in der er fährt

Kein rasendes Problem : Nicht der E-Scooter ist pervers, sondern die Situation, in der er fährt

Die Massenhysterie wegen ein paar Tausend E-Scooter in einer Millionenstadt ist vollkommen irrational. Dennoch tobt ein neuer Straßenkampf. Ein Kommentar.

Zehntausende Autos stehen ständig auf Gehwegen und Radwegen,, aber wir regen uns auf über ein paar Roller?
Zehntausende Autos stehen ständig auf Gehwegen und Radwegen,, aber wir regen uns auf über ein paar Roller?Foto: Christoph Soeder/dpa

„Überforderte Städte“, „Chaos auf den Straßen“, „Krisengipfel der Kommunen“ – mit Blick auf die Schlagzeilen stellen wir fest: Der gemeine Elektro-Tretroller ist trotz seiner bescheidenen Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h zu einem rasenden Problem gepimpt geworden, mit dem sich Gott, die Welt und der Verkehrsminister beschäftigt. Fußgänger rufen zu Großdemonstration gegen die StVO-Invasoren auf, Asphalt-Partisanen treiben die Rollerschwärme in die Spree, werfen sie auf Bäume oder fackeln sie ab.

Das Wort Straßenkampf bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Wer auch immer daran ein Interesse hat, ob ADAC, Taxi-Innung, Fahrradlobby, notorische Strukturkonservative, narzisstische Langeweiler, missgünstige Hüftkranke: Es gibt es zu jeder Lösung („Strengere Regeln!“ „Parkverbote!“ „Automatische Drosselung!“) ein neues, passendes Problem. Zur Not muss der Datenschutzbeauftragte ran. Oder die Vereinigung der Unfallchirurgen.

Angesichts der Mengenverhältnisse ist die Massenhysterie, die da plötzlich herrscht, eigentlich nur mit dem bewusstseinsverändernden Genuss von zu vielen Autoabgasen zu erklären – rational ist sie nicht. Gerade mal ein paar Tausend von den Dingern cruisen durch die Stadt oder stehen uns auch mal im Weg. Ein paar Tausend E-Scooter in einer Stadt von mehr als dreieinhalb Millionen Einwohnern. Logo, das ist ein Riesenproblem!

Die Stadt ist verstopft - aber nicht mit Tretrollern

Allerdings wird dieselbe Stadt seit Jahrzehnten verstopft von inzwischen fast 1,3 Millionen Blechhaufen auf vier Rädern, die so selbstverständlich überall herumstehen, dass sie den meisten Leuten gar nicht mehr auffallen. Und die sind auch im abgekühlten Aggregatzustand noch gefährlicher als die Scooterflotte.

Zehntausende Autos stehen ständig auf Gehwegen und Radwegen, in Einfahrten und vor abgesenkten Bordsteinen, Kitas und Schulen. Ihre Fahrer blockieren Kinderwagen und Rollstühle, sie zwingen Fußgänger und Radfahrer in den Fließverkehr, kreuzen und wenden ohne Rücksicht auf Verluste, rasen bei Rot über die Kreuzung und durch verkehrsberuhigte Zonen, gerne auch mal mit ein paar lebensgefährlichen Promille zu viel – lebensgefährlich für andere. Aber wir regen uns auf über ein paar Roller?

In Neukölln stehen mehr weggeworfen Kühlschränke, Sofas und kaputte Küchengeräte auf den Gehwegen herum als Scooter (gemessen in Masse), in Friedrichshain mehr Kneipentische (in qm) und in Reinickendorf mehr Rollatoren (sorry, ist so!). Aber bei dem einen gemeinsamen Feind ist sich die gesamte „Mir-doch-egal“-Gemeinde schnell einig: Der muss weg! Ihre drängendste Frage: „Wer stoppt das E-Scooter Chaos?“

Die Straßen sind schon voll genug?

Ja, ja, Elektro-Tretroller sind das Transportmittel der Wahl für Betrunkene, schon klar. Die Polizei ist da sehr auf Zack! Aber wie sind die Besoffskis denn früher nachhause gekommen? Schlingernd auf dem Fahrrad, pöbelnd in der S-Bahn, rasend mit dem Auto. Da sind die Roller doch relativ ungefährlich, vor allem für andere. Dass manche Hobbypiloten mit den Dingern nicht umgehen können – geschenkt. Aber daran ist ja nicht der Scooter schuld.

Die Straßen sind eh schon voll genug? Mag sein. Aber der Asphalt zwischen den Gehwegen gehört nun mal nicht dem Autofahrer zur Dauerpräsentation seiner platzverschwendenden Umweltsauerei. Apropos Umweltsauerei: Ja, auch Scooter sind nicht CO2-neutral unterwegs – es wäre klimaschonender, wenn alle Rollerfahrer selbst treten würden, ohne E-Motor. Dann müssten nachts auch nicht mehr die „Juicer“ mit stinkenden Dieseltransportern durch die Stadt gurken, um die Dinger zum Aufladen einzusammeln.

Aber sonst? Bleibt frei nach Rosa von Praunheim nur eine Erkenntnis: Nicht der E-Roller ist pervers, sondern die Situation, in der er fährt.

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