Kiezpatriotismus : "Raus aus der Komfortzone!"

Zu faul für lange Wege: Berliner halten sich für den Nabel der Welt, ihren Kiez sowieso. Bewegt euch mal raus – es gibt was zu lernen! Ein Kommentar.

Viel zu entdecken. Berlin ist groß, die Berliner vergessen das manchmal.
Viel zu entdecken. Berlin ist groß, die Berliner vergessen das manchmal.Foto: Inga Kjer/p-a/dpa

So ungefähr geht das, wenn man sich in Berlin verabredet:

„Wollen wir uns treffen?“

„Ja, gern, wo?“

„Kommst du zu mir in die Ecke?“

„Oder du zu mir?“

Und dann geht das Geschacher und Gezerre los – natürlich mit Argumenten getarnt: Hat bei dem einen etwas Neues aufgemacht, ist bei dem anderen das Altbekannte vielleicht doch viel besser, da wird so getan, als wie oder wenn. Dabei geht es klammheimlich um etwas anderes, jenseits von Geschmack und Gewohnheit: Es geht um Faulheit. Keiner will gern weit weg müssen, um den anderen zu treffen. Berlin, die mit weitem Abstand größte Stadt Deutschlands, produziert jede Menge Menschen, die keine Lust auf lange Wege haben. Oder gar keine Lust auf jedwede Wege.

Ein Feierabend-Bierchen? Im Nachbarhaus ist unten eine Kneipe, die reicht dafür völlig aus. Essen gehen? Irgendwo ums eine oder andere Eck findet nahezu jeder ein Lokal, das mühelos zum Lieblingsitaliener erklärt wird. Kino? Gibt doch Netflix. Und für alles Weitere, was man so brauchen könnte, reicht der Gang zum Späti: immer nah, immer auf.

Es entsteht das Gefühl, das eigene Leben sei repräsentativ

Die Theorie, dass Überfluss zu Trägheit führt, muss aus Berlin stammen. Die Stadt hat die lobenden Zuschreibungen der vergangenen Jahrzehnte absorbiert und zur Selbstbeschreibung werden lassen, sie hat, was dahingequatschtes Zeitgeistgelaber war, offenbar zu ernst genommen. Und nun meint sie – und mit ihr viele ihrer Millionen Einwohner –, so etwas wie der Nabel der Welt zu sein. Der wiederum wird immer enger gedacht. Nicht in Stadt-, eher in Bezirks-, noch eher in Kiezgrenzen.

So entsteht und verdichtet sich das Gefühl, das eigene Leben sei repräsentativ, und alle anderen lebten irgendwie genauso oder zumindest ähnlich.

Total falsch natürlich. Nein, jenseits der eigenen zwei, drei Straßen wird auch gemacht und getan. Und es könnte sich lohnen, sich das anzuschauen, es könnte inspirierend sein!

Reisen bildet, das gilt auch für Kiezfans

Das gilt für Berlin als Ganzes: Wieso hat Kopenhagen ein Fahrradkonzept und Berlin kaum einen grünen Radweg gemalt, Leipzig einen Tiptopflughafen, das Dorf Seeburg bei Halle W-Lan für alle auf den Straßen und Norwegen einen Plan für eine landesweite CO2-Neutralität?

Reisen bildet, das gilt auch für Kiezfans: Beim Überschreiten von Bezirksgrenzen könnte man merken, dass die Leute dort hinter schöneren oder hässlicheren Fassaden wohnen als man selbst. Dass sie in anderen Läden einkaufen. Anders aussehen, sich anders benehmen. Irgendetwas besser oder schlechter machen als die daheim.

Die menschliche Sehnsucht nach neuen Eindrücken, nach Fragen (wie ist es hier?) statt nach Antworten (so!) hat sich aufgelöst in den vielen kleinen Komfortzonen der Berliner Minikieze. Es gilt das satte Motto: Wenn es überall alles gibt, wozu dann so viel Energie aufbringen, um an andere Orte zu gelangen? Und dann noch im Dunklen! Und bei Regen! Oder Schnee!

„Also, wo treffen wir uns?“ – „Komm doch zu mir, ich koch für dich!“ Arrrgh!

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