Berlin : Kinder ja – aber später

Diskussion um die Zahl der Abtreibungen in Berlin: Vor allem Jugendliche machen sich keine Gedanken um Verhütung

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Egal, ob die Zahlen sinken oder steigen, bei den Abtreibungen liegt Berlin statistisch bundesweit immer an erster Stelle: Insgesamt 10 024 Berlinerinnen haben im Jahr 2006 abgetrieben. Und in keiner anderen Stadt ist die Gruppe der Jüngsten so hoch wie hier: 40 Abbrüche gab es bei den unter 15-Jährigen, 463 Abtreibungen bei den unter 18-Jährigen, 716 bei den unter 20-Jährigen. „Die Sorglosigkeit spielt in dieser Altersgruppe sicherlich eine große Rolle“, sagt Detlef Natusch von der Berliner Technikerkrankenkasse (TKK). So hätten Teenager oft keine Ahnung, dass ihnen die Pille und andere Verhütungsmittel, außer Kondome, bis zum 20. Lebensjahr gratis verschrieben werden und sie dies zu Hause sogar verheimlichen können. Studien haben zudem bestätigt, dass vor allem die jüngeren Jahrgänge zwischen 14 und 16 besonders in den Großstädten heute häufiger Sex haben als noch vor zehn Jahren. Immerhin scheinen die Kampagnen der vergangenen Jahre Wirkung zu zeigen: Gab es 2001 bei den unter 18-Jährigen noch 574 Abtreibungen, waren es 2003 insgesamt 561 und im vergangenen Jahr 503 Abbrüche.

Seit 1995 gilt die Fristenregelung, der zufolge ein Schwangerschaftsabbruch nicht rechtmäßig ist, aber straffrei bleibt, wenn sich die Schwangere vor dem Eingriff beraten lässt. In Berlin nimmt die Zahl der Abbrüche seit Jahren leicht, aber stetig ab: 11 605 Abtreibungen gab es 2001, 10 881 waren es 2003 und 10 637 im Jahr 2005. Im vergangenen Jahr wurden laut Statistischem Bundesamt in der Hauptstadt je 1000 Geburten 344 Schwangerschaftsabbrüche gezählt. Damit wurde noch immer rund jedes vierte ungeborene Kind abgetrieben.

Meldepflichtig sind nicht nur die Abbrüche, sondern beispielsweise auch Grund und Ort der Abtreibung sowie Alter und Familienstand der Schwangeren. Dass Berlin immer wieder auf Platz 1 landet, dürfte vor allem an den Lebensverhältnissen liegen; daran, dass Berlin als Stadt der Singles und Studenten, aber auch als Stadt der Arbeitslosigkeit gilt. Hier treiben die meisten Frauen ab, wenn sie zwischen 20 und 30 Jahre alt und damit rein biologisch im besten Gebäralter sind. „Da passt ein Kind nicht in die Lebensplanung“, sagt TKK-Sprecher Natusch. Weit über die Hälfte der betroffenen Frauen ist nicht verheiratet. Nur bei rund drei Prozent der Abbrüche liegt eine medizinische oder kriminologische Indikation vor. Rund 9500 Berlinerinnen ließen den Abbruch ambulant in einer gynäkologischen Praxis durchführen. In der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit will man es jetzt genau wissen. Hier wird an einer Analyse der neuesten Zahlen gearbeitet, um unter anderem Aufschlüsse zu den einzelnen Bezirken sowie zu Einkommen und Bildungsstand der betroffenen Frauen zu gewinnen. kf

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