Alles für die Gemeinschaft

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Kino-Macher in Berlin : Der Film meines Lebens
Gianluca Baccanico gründete die Boddinale.
Gianluca Baccanico gründete die Boddinale.Foto: Birte Fuchs

Beim ersten Mal war er schockiert. Beim zweiten Mal fing er ab der Mitte an zu heulen. Beim dritten Mal liefen ihm die Tränen schon nach dem Titel über die Wangen. Still und langsam, bis zum Ende. So erging es Gianluca Baccanico mit der Westbank-Dokumentation „Thank God it’s Friday“ von Jan Beddegenoodts und Niel Iwens.

Der Film gewann dann auch den Loophole-Preis. Das Loophole ist Baccanicos Bar in der Boddinstraße 60, mit Kunst und Konzerten. Hier gründete der 41-jährige Italiener vor vier Jahren die Boddinale, ein Filmfestival in den Hinterstuben von Neukölln, eine unabhängige Alternative zur Berlinale. Als Jan Beddegenoodts hier von seiner Arbeit sprach, drängte, wer im vorderen Raum ein Bier trank, ins Hinterzimmer. Jeder wollte ihn hören, viele weinten hemmungslos, weil der Film den Zuschauer nah und schonungslos in die Welt von Palästinensern und Israelis und ihren Konflikt mitnahm, sagt Baccanico. Beddegenoodts war mit zwei Jugendlichen beider Seiten befreundet. Er befragte sie über ihr Leben und zeigte das Ergebnis jeweils dem anderen. Die Reaktionen im Film waren das, was auch die Leute im Loophole zusammenrücken ließ.

Kino war im Iran verboten

Wenn Baccanico davon erzählt, rutscht er in seinem braunen Sessel nach vorn und erinnert sich an etwas, das er vergessen hatte. Seine Familie zog viel um: Iran, Italien, Istanbul. Kino war im Iran verboten, aber die italienische Community hatte einen Projektor, bekam Filmrollen aus Italien geschickt. Da saß man dann zu Hause vor der Leinwand, gespannt, was kommt. So etwas möchte Baccanico mit der Boddinale schaffen: Gemeinschaft. Austausch. Er will ein Netzwerk aufbauen, damit Filmemacher einander helfen können und ihre Werke sich verbreiten.

Er sucht Geschichten, die echt sind

Müde vom akademischen Leben, ging der studierte Philosoph 2007 nach Berlin. Hier gab es Raum für Kunst, sagt er, und hier waren alle Künstler. Baccanico probierte sich in verschiedenen Projekten aus, gründete ein Künstlerkollektiv. Immer suchte er Geschichten, die echt sind, direkt, persönlich. Auf der Berlinale laufen Filme, die Geld gekostet haben und Geld bringen müssen. Deshalb, sagt er, sind sie universell.

Die Boddinale zeigt zur selben Zeit Geschichten, die lokal und intim sind. Für eine Gemeinschaft, die diskutiert, sich austauscht, sich verbindet. Der Eintritt ist frei, in zwei Bars läuft der gleiche Film, so kann niemand etwas verpassen, anders als bei der Berlinale. Es gibt eine Jury, einen Publikumspreis und den Loophole-Preis. Und garantiert gute Geschichten von Filmemachern aus Berlin. Birte Fuchs

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