Kino-Macher in Berlin : Der Film meines Lebens

Hier die Multiplexe, da das Internet - wer heute davon lebt, Menschen Filme zu zeigen, muss seinen Job schon sehr lieben. Kurz vor der Berlinale haben wir Berliner Kinomacher gefragt, woher ihre Liebe kommt.

Daniel Wuschansky und Carla Molino Betreiber des „Il Kino“.
Daniel Wuschansky und Carla Molino Betreiber des „Il Kino“.Foto: Thilo Rückeis

Dreitausend? Viertausend? Bei der Frage, wie viele Filme sie in ihrem Leben schon gesehen hat, kann Carla Molino nur schätzen. „Ich gehe ins Kino, seit ich drei war“, sagt die 43-jährige Chefin des Kreuzköllner Il Kino. „Meine Eltern, beide Kino-Liebhaber, haben sich früh scheiden lassen. Viele Filme habe ich zweimal gesehen: einmal mit Mama, einmal mit Papa.“ Zum Beispiel „Es war einmal in Amerika“, den Gangster-Klassiker mit Robert de Niro. „Den kann ich immer wieder gucken, und der Soundtrack von Morricone ist toll.“ Da blitzen die großen dunklen Augen der gebürtigen Sizilianerin. Auch mit Daniel Wuschansky, sowohl ihr Geschäfts- als auch ihr Lebenspartner, hat die studierte Juristin den Film natürlich schon gesehen.

Statt wie geplant Richterin zu werden, arbeitete sie in verschiedenen Produktionsfirmen, drehte selbst Dokumentationen und betrieb in Rom einen Filmclub mit Kino und Bar, ehe sie vor sieben Jahren nach Berlin kam. Hier lernte sie Daniel kennen, der zwar auch Filmfan ist – aber „längst nicht so kinoverrückt wie Carla“, wie der ehemalige TV-Drehbuchautor sagt. Er ist der ruhige Pol. „Wir haben ganz schnell zwei Kinder und ein Kino gemacht“, sagt Carla in ihrem italienisch geprägten Deutsch, das sie gern mit ausschweifenden Gesten untermalt.

Nur Independent-Filme - in Originalsprache

Als sie vor drei Jahren mit Zwillingen schwanger war, kam sie an den leer stehenden Räumen in der Nansenstraße vorbei und sagte aus einer Laune heraus zu Daniel: „Wir machen hier ein Kino auf.“ Und das taten sie. Sie nutzten die Elternzeit, um die seit zwanzig Jahren leer stehenden Wohnräume und die Bäckerei nebenan in ein Kino mit Barbetrieb zu verwandeln. Dort, wo früher Brötchen gebacken wurden, befindet sich jetzt der Kinosaal mit 52 Plätzen. Die unverputzten Steinwände stammen noch aus der Backstube. Gezeigt werden hier nur Independent-Filme in Originalsprache. Die Auswahl treffen Carla, Daniel und Kristian Palshagen, Norweger und der dritte im Il-Kino-Team, gemeinsam. Überhaupt geht es hier ziemlich international zu.

Die Fahrradklingel: Das Zeichen zum Filmbeginn

„Wann fängt der Film an?“, fragt der Barmann, ein Australier, im Vorbeigehen. Eine junge Regisseurin, deren Filmreihe gerade gezeigt wird, fragt in französisch gefärbtem Englisch nach dem Schlüssel. An einem der Holztische sitzt eine Gruppe Briten, die bei ein paar Drinks auf die 20-Uhr-Vorstellung warten. Dann ertönt auch schon das Bimmeln einer Fahrradklingel – Zeichen für den Filmbeginn.

„Wir wollten einen gemütlichen Ort schaffen, an dem wir gute Filme zeigen – und wo es die Möglichkeit gibt, hinterher darüber zu reden“, sagt Carla. Oft komme man aus dem Kino und müsse erst mal überlegen, wo man noch etwas trinken könnte. „Wir haben den Ort dafür gleich hier.“ Oft sitzen Carla und Daniel selber mit in ihrem Kinosaal und diskutieren danach mit den Zuschauern über den Film. Trotzdem versuchen sie, etwa zweimal im Monat auch in andere Kinos zu gehen, etwa ins Neue Off, ins Babylon oder ins Rollberg.

Anfangs saßen nur vier Zuschauer im Saal

Dazu kommen noch die Filme, die die beiden spätabends gucken, um ihr Kinoprogramm auszuwählen. Tagsüber, wenn die Kinder in der Kita sind, kümmern sich Carla und ihre beiden Kollegen um Buchhaltung und Marketing. Gerade bei unbekannten Filmen, die keinen deutschen Verleih haben, saßen anfangs auch mal nur drei, vier Zuschauer im Saal. Aber spätestens seit „Ida“ kennen und schätzen die Berliner das Kino am Maybachufer: Der polnisch-dänische Außenseiter-Film war 2014 Überraschungs-Oscar-Gewinner – und das Il Kino das einzige in ganz Berlin, das den Film zeigte. Am nächsten Tag warteten hundert Leute vor der Tür.

Und wer einmal da war, kommt wieder: Wie die Frau, die eine ganze Woche lang jeden Tag „La Grande Belezza“ sah – jedes Mal mit einem anderen Mann. „Während der Vorstellung kamen die Männer immer raus, um ihr neue Gin Tonics zu bestellen.“ Carla schüttelt lachend den Kopf. Oder die Regisseure, die ihre Filme hier vorstellten und von denen einige auch zum privaten Kinobesuch auftauchen. Unter anderem haben sich Tom Tykwer, Wolfgang Becker und Edgar Reitz schon auf der „Wall of Fame“ verewigt. Leonie Langer

Christian Suhren, Kinomacher und Chef des fsk Kino.
Christian Suhren, Kinomacher und Chef des fsk Kino.Foto: Thilo Rückeis

Proppenvoll, ein Mordsgeschrei – so beschreibt Christian Suhren die Sonntagvormittage seiner Kindheit. Seine Eltern schickten ihn zusammen mit den Freunden in das Park-Kino am Stadtrand von Duisburg. Fast immer flimmerte sonntags das japanische Filmmonster Godzilla über die Leinwand, jede Woche ein anderer Teil. „Das waren Trash-Horror-Filme, die damals noch wirkten. Das Wichtigste war aber, mit den anderen zusammen zu gucken“, sagt Suhren.

Er sitzt in einem der mit blauem Samt bezogenen Kinosessel des fsk-Kinos am Oranienplatz in Kreuzberg, das er heute mitbetreibt. In der Ecke plätschert der berühmte bläulich beleuchtete Springbrunnen, gleich kommen die ersten Besucher. Es läuft „Anomalisa“, der neue Animationsfilm von Charlie Kaufmann. Suhren entdeckte seine Vorliebe für anspruchsvolle Filme mit zwölf. „Da landete ich aus Versehen mit einem Freund in einem Streifen ab 16.“ Es war François Truffauts „Der Mann, der die Frauen liebte“. „Eigentlich eine Enttäuschung. Der Film hielt nicht das, was der Titel vermuten ließ“, sagt Suhren.

Kinomachen - anfangs sogar illegal

Trotzdem: Diese Art von Filmen fand er gut. Früh fing er an, selbst Kino zu machen – anfangs sogar illegal. „Ich hatte im Kino ‚Außer Atem‘ von Godard angeschaut und wollte mehr von ihm sehen. Aber damals konnte man nicht einfach etwas in der Videothek ausleihen. Man musste warten, bis etwas im Kino oder im Fernsehen kam.“ Doch „Le Mepris“ mit Brigitte Bardot gab es nicht fürs Kino. Damit wollte sich Suhren nicht abfinden: „Irgendwo musste es doch eine reale Filmkopie geben.“ Schließlich besorgte ihm eine Bekannte, die in einem Filmverleih arbeitete, eine Kopie aus dem Kellerarchiv. „Für einige Freunde machte ich dann eine Privatvorführung.“ Da war er 20. Er schloss sich einer Filmgruppe im Duisburger Jugendzentrum an, die jede Woche Filme auf einem 16-Millimeter-Projektor zeigte, oft mit Pause, weil die Filmrolle nicht so lang war. „Die Sorgen waren natürlich damals schon die gleichen: Kommen genug Leute?“

Der Süßigkeiteneinkauf: Eine paradiesische Aufgabe

Erst viel später, 1988, zog Suhren nach Berlin. Seine Schwester Barbara war damals in dem Kollektiv, das das fsk-Kino zu dieser Zeit noch in der Wiener Straße betrieb. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt Suhren. Sechs Jahre später zog das Kino an den Oranienplatz. Seit 20 Jahren ist er hier Kartenabreißer, Süßigkeitenverkäufer, Filmvorführer, Filmauswähler und Kassierer. Das fsk ist auch ein Filmverleih für andere Kinos. „Viele Aufgaben haben wir uns paritätisch geteilt“, sagt Suhren. „Die Vielfalt finde ich reizvoll. Toll war auch, als ich früher noch den Süßigkeiteneinkauf bei Metro machte. Wenn ich den Einkaufswagen durch die Regale mit den großen Boxen voller Gummibären und Raider schob, dachte ich mir immer: wie paradiesisch!“

Während der Berlinale schauen sich Suhren und seine Kollegen so viele Filme wie möglich an. Aus Leidenschaft, aber auch, um einschätzen zu können, welche sie ins Programm oder in den Verleih aufnehmen. „Entscheiden zu dürfen, was im Kino läuft, das ist schon super“, sagt Suhren und grinst. Plötzlich kann man ihm den 20-Jährigen, der seinen Freunden illegal Filme zeigt, wieder ein wenig ansehen. Maria Fiedler

Kinomacher und Regisseur Patrick Banush im Bücherbogen am Savignyplatz
Kinomacher und Regisseur Patrick Banush im Bücherbogen am SavignyplatzFoto: Mike Wolff

Wüsste man es nicht besser, man könnte Patrick Banush für einen Kino-Muffel halten. Die Erinnerung an einen seiner ersten Kinobesuche in München ist jedenfalls reichlich düster. „Man hatte das Gefühl, man geht in eine Kirche. Dunkel und bedrückend war es da. Keiner sagte was. Es fühlte sich erwachsen an und sehr ernst.“ Da war Banush noch ein Kind, es lief „Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep. Heute, Jahrzehnte später, hat Banush kaum wärmere Worte für das Kino. „Normales Kino ist 08/15. Die spielen doch nur, was alle spielen“, sagt er. „Mir fehlt der Show-Aspekt. Wundert mich nicht, wenn junge Leute keine zehn Euro dafür bezahlen, dass da jemand auf einen Knopf drückt.“

Dabei drückt Banush selbst ganz gern auf den Knopf. Mehrere Kinoreihen hat er in Berlin schon veranstaltet. Beim Campingplatz-Kino zeigte er unter freiem Himmel die Filme junger Berliner Regisseure, die sonst kein anderes Freiluftkino bringen wollte. Später belebte er das alte Kino „Klick“ in Charlottenburg neu, mit der Reihe „Mädchenkino“. Auch im Prince Charles spielte er Filme. Und vorvergangene Woche brachte er seinen 2010 gedrehten Indie-Streifen „Die Liebe und Viktor“ in den Bücherbogen am Savignyplatz.

Notfalls auf der Straße

Aber wenn Banush Kino macht, dann ist das eben nicht nur Kino. Dann hat er Schauspieler im Schlepptau, stellt Quizfragen, um Plakate zu verlosen oder gibt Anekdoten vom Dreh zum Besten. Ein bisschen planlos wirkt er zwar ab und zu, wenn er wissen will, ob noch jemand eine Frage hat und keiner den Arm hebt. Aber dann redet er eben einfach weiter: „Gutes Kino ist, wenn einer was will, wenn er was zu sagen hat. Der beamt einen Film an die Wand, notfalls auf der Straße.“ Banush selbst tut das in Berlin aber nur noch in Charlottenburg. „Mit dem Rest Berlins habe ich abgeschlossen.“ Sagt er und lässt es so stehen.

Banush wirkt, als habe er es nicht nötig, irgendetwas wohlwollend zu betrachten. Eine positive Kinoerinnerung hat er dann aber trotzdem noch. An die Lupe in München. Heruntergekommen war dieses Kino, alle zugekifft, es lief „Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick. Herrlich. „Aber die Lupe gibt es nicht mehr. Da ist jetzt ein Biomarkt drin.“ Maria Fiedler

"Skalli" - Paulo Goncalves Da Senhora -betreibt das b-ware! Ladenkino in der Gärtnerstraße in Friedrichshain.
"Skalli" - Paulo Goncalves Da Senhora -betreibt das b-ware! Ladenkino in der Gärtnerstraße in Friedrichshain.Foto: Mike Wolff

Skalli und das Kino. Das ist eine Liebesgeschichte mit Höhen und Tiefen. Ein Film für sich. Und den muss man weit zurückspulen, denn die Liebe beginnt früh, noch bevor der Sohn portugiesischer, katholischer Einwanderer in die Schule geht. „Meine Eltern wollten nicht, dass ich draußen Mist baue, also setzten sie mich vor die Glotze.“ Einmal läuft „King Kong“, der von 1933. Eigentlich kein Stoff für kleine Kinder. Für Skalli aber schon. „Auf Monster und Fantastisches stand ich, da habe ich sofort feuchte Hände bekommen.“

Und wie es so ist mit Dingen, die man liebt: Man will mehr davon. Als 16-Jähriger fährt Skalli aus seiner ostfriesischen Heimat Emden nach Berlin, direkt zum Kreuzberger Hotspot für Filmverrückte, dem Videodrom. „Da stand ich als Junge aus der Kleinstadt, vor mir all diese Filme, von denen ich nur gehört hatte.“ Er packt einen Berg Tapes ein und veranstaltet in Emden Filmnächte im Luftschutzbunker. Sci-Fi-Trash bis zum Umfallen, vor allem Jim Muros „Street Trash“ von 1987. Darin geht es um einen Schrottplatz, auf dem sich bizarre Obdachlose eingenistet haben. Sie schütten alles in sich rein – auch „Viper“, eine Flüssigkeit, die Menschen schmelzen und explodieren lässt. Das Ergebnis ist ein irres Farbfeuerwerk. Skalli schaut sich den Film mehr als 50-mal an. „Nichts hat mich so angefixt und geprägt.“

"Ein ganz mieser Krieg"

Doch erst mal tingelt der junge Mann als Musiker durch Europa. Vor 15 Jahren landet er wieder in Berlin und geht endlich seiner wahren Leidenschaft nach. In der Friedrichshainer Corinthstraße eröffnet Skalli das Ladenkino B-ware!, um die Ecke betreibt ein Freund die Videothek Filmkunst. Nach jahrelangem Parallelbetrieb wollen sie gemeinsame Sache machen. Anfang 2009 kommt die Gelegenheit: 3000 Quadratmeter auf dem RAW-Gelände, wie gemacht für einen Kino-Wallfahrtsort. Mit der Hilfe vieler Unterstützer wird losgebaut, mehr als 250 000 Euro stecken irgendwann in dem Projekt. Doch früh gibt es Schwierigkeiten mit dem Eigentümer. „Ein ganz mieser Krieg – den wir 2013 verloren haben.“ Die Schäden sind immens: Schulden, verlorene Freundschaften, ein geplatzter Traum.

"Tribute von Panem: Spiele ich nicht"

Immerhin konnten die beiden schon 2010 auf Eckräume in der Gärtnerstraße nahe dem Boxhagener Platz ausweichen. „Dies ist kein Kino“, steht draußen über den Fenstern. Wie ein Kino sieht die Cinethek mit der kleinen Bar auch nicht aus. In den Räumen: 16 000 DVDs zum Ausleihen, dazu Skallis Sammlung von gut sechs Dutzend 35-Millimeter- und Schmalspurprojektoren aus den vergangenen 120 Jahren sowie ein Großteil seiner 3000 Filmrollen. Seit dem Ende des 35-Millimeter-Films vor zwei Jahren kommt die alte Technik kaum noch zum Einsatz. Jetzt läuft alles per Knopfdruck. Gezeigt wird Arthouse und Avantgardistisches, auch Horror oder Splatterfilme. Blockbuster sind selten im Programm. „Die ,Tribute von Panem‘? Egal, wie voll die Säle anderswo sind – spiele ich nicht“, sagt Skalli knapp.

Dabei ist die Ausstattung wie gemacht für Hollywood-Schinken. „Unsere 3-D-Technik gehört zum Besten, was es in Berlin gibt“, sagt Skalli und lacht. Das 10 000 Euro teure System hat er natürlich nicht selbst angeschafft. 2014 meldeten sich die Rocker von Rammstein bei ihm. Sie wollten den 3-D-Film „Wacken“ sehen, eine Ode an das legendäre Heavy-Metal-Festival. Das plüschig-kitschige Ladenkino schien perfekt für den privaten Filmabend, allein die Technik war nicht da. Torsten Brandt, Betreiber des Clubs Lido, kümmerte sich um das Problem. „Ist doch egal, hat er gesagt, wir wollen hier ordentlich feiern. Und dann hat er bezahlt“, erzählt Skalli, der nicht viel von 3-D hielt. Zu unscharf, zu viel Hype um nichts. Dann schaute er einen Trailer mit der neuen Anlage. „Das war voll auf die zwölf. Seitdem bin ich 3-D-Fan.“ Und die Liebe zum Kino ist wieder ein Stück gewachsen. Angie Pohlers

Gianluca Baccanico gründete die Boddinale.
Gianluca Baccanico gründete die Boddinale.Foto: Birte Fuchs

Beim ersten Mal war er schockiert. Beim zweiten Mal fing er ab der Mitte an zu heulen. Beim dritten Mal liefen ihm die Tränen schon nach dem Titel über die Wangen. Still und langsam, bis zum Ende. So erging es Gianluca Baccanico mit der Westbank-Dokumentation „Thank God it’s Friday“ von Jan Beddegenoodts und Niel Iwens.

Der Film gewann dann auch den Loophole-Preis. Das Loophole ist Baccanicos Bar in der Boddinstraße 60, mit Kunst und Konzerten. Hier gründete der 41-jährige Italiener vor vier Jahren die Boddinale, ein Filmfestival in den Hinterstuben von Neukölln, eine unabhängige Alternative zur Berlinale. Als Jan Beddegenoodts hier von seiner Arbeit sprach, drängte, wer im vorderen Raum ein Bier trank, ins Hinterzimmer. Jeder wollte ihn hören, viele weinten hemmungslos, weil der Film den Zuschauer nah und schonungslos in die Welt von Palästinensern und Israelis und ihren Konflikt mitnahm, sagt Baccanico. Beddegenoodts war mit zwei Jugendlichen beider Seiten befreundet. Er befragte sie über ihr Leben und zeigte das Ergebnis jeweils dem anderen. Die Reaktionen im Film waren das, was auch die Leute im Loophole zusammenrücken ließ.

Kino war im Iran verboten

Wenn Baccanico davon erzählt, rutscht er in seinem braunen Sessel nach vorn und erinnert sich an etwas, das er vergessen hatte. Seine Familie zog viel um: Iran, Italien, Istanbul. Kino war im Iran verboten, aber die italienische Community hatte einen Projektor, bekam Filmrollen aus Italien geschickt. Da saß man dann zu Hause vor der Leinwand, gespannt, was kommt. So etwas möchte Baccanico mit der Boddinale schaffen: Gemeinschaft. Austausch. Er will ein Netzwerk aufbauen, damit Filmemacher einander helfen können und ihre Werke sich verbreiten.

Er sucht Geschichten, die echt sind

Müde vom akademischen Leben, ging der studierte Philosoph 2007 nach Berlin. Hier gab es Raum für Kunst, sagt er, und hier waren alle Künstler. Baccanico probierte sich in verschiedenen Projekten aus, gründete ein Künstlerkollektiv. Immer suchte er Geschichten, die echt sind, direkt, persönlich. Auf der Berlinale laufen Filme, die Geld gekostet haben und Geld bringen müssen. Deshalb, sagt er, sind sie universell.

Die Boddinale zeigt zur selben Zeit Geschichten, die lokal und intim sind. Für eine Gemeinschaft, die diskutiert, sich austauscht, sich verbindet. Der Eintritt ist frei, in zwei Bars läuft der gleiche Film, so kann niemand etwas verpassen, anders als bei der Berlinale. Es gibt eine Jury, einen Publikumspreis und den Loophole-Preis. Und garantiert gute Geschichten von Filmemachern aus Berlin. Birte Fuchs

Verena von Stackelberg und Marcin Malaszczak.
Verena von Stackelberg und Marcin Malaszczak.Foto: Mike Wolff

Statt Kino- herrscht Baustellenbetrieb. Kabel schlängen sich über den nackten Betonboden, Leitern und Bretterstapel stehen mitten im Raum. Kaum vorstellbar, dass in dem Eckhaus an der Weserstraße in knapp drei Monaten drei Kinosäle, eine Bar und in den hinteren Räumen ein Produktionsstudio und Büros fertig sein sollen. „Je länger ich das hier mache, desto mehr merke ich, wie verrückt ich bin“, sagt Verena von Stackelberg, während sie mit der Taschenlampe in einen der künftigen Säle leuchtet. Aber dass sie in ihrem Leben nichts anderes als Kino machen würde, war eigentlich schon immer klar – spätestens aber seit „Irréversible“. Das brutale Vergewaltigungsdrama von Gaspard Noé aus dem Jahr 2002 lief in dem Londoner Kino, in dem Verena damals als Kartenabreißerin arbeitete.

„Obwohl es ein so umstrittener Film war, strömten die Leute massenweise rein.“ Und an immer derselben Stelle, nach der extrem langen Vergewaltigungsszene im Tunnel, seien viele wieder rausgekommen, völlig außer sich. „Vier Leute wollten ihr Geld zurück, einer ist auf mich losgegangen, einer wollte die Kinobetreiber verprügeln“, sagt die 39-Jährige und guckt in die Ferne, als sei sie gerade wieder in London. „Es hat mich zutiefst fasziniert, was Kino auslösen kann. Auch wenn es damals eine negative Reaktion war. Aber dass ein Film jemandem so unter die Haut gehen, ihn so verletzlich, so weich und offen für Emotionen machen kann, hat mich begeistert.“

"Es muss für die Nachbarschaft funktionieren"

Und weil ihr das Talent zur Regisseurin fehle, sei der Filmwissenschaftlerin klar gewesen, dass sie nicht Filme machen, sondern zeigen wolle. Erst als Kartenabreißerin, später als Programmgestalterin für verschiedene Kinos und die Berlinale – und ab Ende April als Chefin ihres eigenen Kinos. Hier will sie ein gemischtes Programm zeigen, Arthouse, unbekannte Filme ohne Verleih, aber auch Hollywood-Action. „Es muss für die Nachbarschaft funktionieren.“ Vor allem will sie den Austausch zwischen Publikum und Filmemachern stärken, auch mal unfertige Arbeiten zeigen. „Viele wissen gar nicht, wie ein Filmprogramm entsteht, welche Faktoren für den Erfolg wichtig sind, welche Rolle dabei auch die Kritiker spielen. Die Produzenten dagegen haben oft keine Ahnung, was sich in den Kinos abspielt.“

Die Freunde können es kaum erwarten

Diese Grenzen will sie aufweichen – auch dadurch, dass direkt neben dem Kino Produktionsstudio und Filmwerkstatt sind, die gemietet werden können. Filmemachen und Filmegucken so nah beieinander, das gibt es nicht oft. Diesen Teil des Projekts betreut Marcin Malaszczak. Der Regisseur ist nicht nur ein Freund Verena von Stackelbergs, sondern auch ihr Berater und erster Mitarbeiter. Dass der 30-Jährige mit der großen Hornbrille und dem Karoanzug von Anfang an dabei war, sei „keine bewusste Entscheidung“ gewesen, sagt er. „Ich bin mehr so reingerutscht.“ Für beide passt das gut, sie haben einen gemeinsamen Freundeskreis, fast alle Fans und Filmemacher. „Die meisten können es kaum erwarten, dass das Kino aufmacht“, sagt der in Berlin aufgewachsene Pole, dessen Film „Sieniawaka“ 2014 zahlreiche Preise einheimste. Und die Vorbeikommenden, die fragen, was hier entsteht, freuen sich, dass es nicht noch eine Bar ist, fügt von Stackelberg hinzu. Immerhin handelt es sich hier um die Ausgehstraße Neuköllns.

Warum eigentlich Wolf? „Ich habe einen Namen gesucht, der neugierig macht, auch was Mystisches hat“, sagt sie. „Außerdem gibt es schon ein paar Film-Tiere: den Bambi, den Berlinale-Bären.“ Dass der Protagonist ihres Lieblingsfilms, des poetisch-verwunschenen Kurzfilms „Tale of Tales“ des russischen Animationskünstlers Yuri Norstein, ein kleiner Wolf ist, sei Zufall. Den Film wolle sie auf jeden Fall zeigen. Ansonsten steht das Programm noch nicht fest. „Wir werden nicht mit einem Knall anfangen, sondern schauen, was beim Publikum ankommt, was hier entsteht.“ Das Wolf Kino soll ein Prozess sein, im Werden bleiben. Das Bild der Baustelle – es passt. Leonie Langer

Kinobesitzer Karl Heinz Opitz.
Kinobesitzer Karl Heinz Opitz.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Dunkel. Nur flimmernde Fussel tanzen im Strahl des Projektors. Das ist der Moment, in dem die Verträumten tiefer in ihre Sessel rutschen, weil gleich etwas kommt, auf das sie warten, ohne zu wissen, was es ist. Der Moment, bei dem Karlheinz Opitz’ blaue Augen größer werden, wenn er davon erzählt. So wie die des kleinen Totò in Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“, dem Film, der Opitz immer wieder darin bestätigt, das Richtige zu tun: Ein Kino zu führen. Und, als könnte dieser Mut vergehen, hat er das Plakat zum Film in sein Büro gehängt.

Wenn der Scheinwerfer angeht, starrt Totò in einem italienischen Dorfkino in den Rachen eines Löwenkopfes, in dem sich der Strahl zu einem blendenden Punkt zusammenzieht, und rennt aus dem Saal. Er läuft die Stufen hoch, sieht, wie der alte Alfredo den Film einlegt und beobachtet die Silhouetten der Gäste durch ein kleines Rechteck in der Wand.

"Dirty Dancing" hat er dreizehn Mal gesehen

Auch der heute 48-jährige Opitz ist in die Kabuffs vieler Kinos geklettert, hat Filme eingelegt und gekurbelt. Auch Opitz war ein Junge vom Dorf. Wie jeder Jugendliche ging er gerne ins Kino. „Dirty Dancing“ hat er dreizehn Mal gesehen, weil er selber tanzte – Goldstar, ein bisschen Turniertanz – und verknallt war in Jennifer Grey.

Berlin hatte Opitz auf einer Klassenfahrt in seinen Bann gezogen. In der Schule ein Spätzünder, beim Bund ausgemustert, ging der ausgebildete Handelsassistent zum Studieren in die Hauptstadt. Er brauchte einen Job, fragte Leute, die Flyer am Ku’damm verteilten, nach Arbeit. Die schickten ihn ins Kino. Im Gloria-Palast riss er Karten ab und wies den Gästen ihren Platz an. Er schmiss das Studium und lernte mit der Zeit, wie man Filmrollen wechselt, klebt und den Projektor zum Laufen bringt. Fasziniert und nie zufrieden, merkte sich Opitz das Beste von seinen Lehrern, lernte das „Handbuch für den Filmvorführer“ auswendig und wurde darin „1A“, wie er sagt.

"Die hab ich geliebt"

Opitz arbeitete in Off-Kinos, in denen der Name „Filmkunst“ noch Programm war. Mit einem Pass konnten Mitarbeiter die Vorstellungen von etwa vierzig Kinos umsonst besuchen. Opitz’ tiefe Stimme ist lebhaft, wenn er von damals spricht: „Diese Zeit, die Vorwendezeit, in der ich die Spätvorstellungen wahrgenommen habe ...“ – er blickt zum Eingang, als sehe er nicht die Tür, sondern eine Dia-Show von früher, und erzählt von den Gesprächen mit der Süßwarenfrau mit langen grauen Haaren, am Tresen im Filmkunst 66: „Die hab ich geliebt.“ So wie er es liebte, nachts um eins oder halb zwei aus dem Kino in die Dunkelheit zu kommen, den Nachtbus nach Hause zu nehmen. Das war für ihn Freiheit.

Seit zehn Jahren betreibt Karlheinz Opitz nun die Eva-Lichtspiele in Wilmersdorf. Ein Kindheitstraum war es nicht. Opitz macht Kino, weil es ihm Spaß macht und weil er seine eigenen Filme zeigen will. Er liebt die schönen, persönlichen Geschichten. Kleine Perlen. Die zeigte er früher im Freilichtkino auf dem Wagenplatz an der Lohmühle. Heute ist Opitz Realist, er kennt sein Publikum, das älter und belesen ist. Das Sahnehäubchen für einige Stammgäste: alte deutsche Filme, jeden Mittwoch. Echtfilm von der Rolle. Da trinken die, die das Kino noch fast von 1913 kennen, Kaffee und erinnern sich an ihre Jugend.

Aber Off-Kinos sind keine Szene mehr. Sie sind Schmuckstücke, die untereinander konkurrieren. Nur einen Saal zu haben, bedeutet, weniger Filme für kürzere Zeit zu spielen. Kassenschlager bekommt Opitz so nicht, die verlangen eine Mindestlaufzeit über mehrere Wochen. Opitz klagt trotzdem nicht. Seit fünf Jahren geht es bei ihm bergauf. Er hat auf Digital umgestellt, die Leinwand erneuert und freut sich an dem eigenen Kosmos seines Kiez-Kinos. Hier kann er seine Gäste „betüddeln“, wie er sagt. Für Kinder gibt es Gummiwürmer und rote Zuckererdbeeren für fünfzig oder dreißig Cent, im Saal läuft Swing, und wer die steile Eisentreppe zum türkisfarbenen Vorführraum erklimmt, der fühlt sich wie Totò. Birte Fuchs

Der Künstler und Filmmacher Vaginal Davis im Café "East London" am Mehringdamm.
Der Künstler und Filmmacher Vaginal Davis im Café "East London" am Mehringdamm.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Film, der sie bis heute bewegt, war damals eine unglaubliche Provokation. Eine wohlhabende Familie aus Mailand bekommt Besuch von einem Fremden. Seine jugendliche Schönheit und sein Charme bannen jeden – und so schläft das Dienstmädchen mit ihm, die Mutter, der Sohn, die Tochter und der Patriarch. Als der Fremde geht, müssen alle mit dem Verlust umgehen. Flüchten sich in Sex, Selbstkasteiung, Religion. Das ist der Plot von „Teorema“, gedreht 1968 von Pier Paolo Pasolini. Die römische Oberstaatsanwaltschaft verbot damals den Film, der Vatikan schrie: Blasphemie!

Vaginal Davis dagegen ruft: Lieblingsfilm! „Der junge Mann zerstückelt darin die ganze bürgerliche, spießige Ordnung“, sagt sie. „Ich bin danach mit tausend Fragen im Kopf nach Hause gegangen.“ Davis ist in Los Angeles geboren und aufgewachsen. „Schon als Kind lebte ich in meinem eigenen Kosmos“, erzählt sie beim Gespräch in einem Kreuzberger Café. Und lacht. Fast jeden Tag war sie im Kino, Schule interessierte sie kaum. „Dort glaubten sie, ich sei zurückgeblieben. Nur weil mich andere Dinge interessierten.“ Eine Lehrerin dachte zu ihrem Glück anders und schlug Davis vor, an einer Kinoklasse teilzunehmen. Einer ihrer Lehrer war der Drehbuchschreiber Oscar Saul. Damit fing alles an.

Stummfilmklassiker, begleitet von Livemusik

In Berlin lebt die intersexuelle Drag-Performerin und Filmkuratorin seit zehn Jahren. Sie begeistert sich für das frühe Kino und Queer Cinema. Bekannt ist sie hier für ihre Reihe „Rising Stars, Falling Stars“ im Arsenal, bei der sie Klassiker aus der Stummfilmzeit zeigt, begleitet von Livemusik.

Beim Frühstück im Café denkt sie über Filme nach, die sie noch gefesselt haben. Da war „Boom“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, da war „Reflections in a Golden Eye“ mit Marlon Brando. Auch in diesen Filmen geht es um sexuelle Identität – und um diesen seltsamen Eindringling, der infrage stellt, was die Protagonisten bis dahin über Sexualität dachten. „Gut ist ein Film ja nicht allein dadurch, dass dich interessiert, was du siehst“, sagt Davis. „Sondern dass er dich aufwühlt, dich reizt, dir unter die Haut geht.“ Sie mag die Rolle des Unangepassten, der aneckt. In Schauspiel- und Performance-Seminaren lehrt sie: Lass den Freak in dir zu – und dann lass ihn raus!

Vaginal Davis bevorzugt experimentelle Filme, keine Blockbuster. Bei der Berlinale sieht sie sich die Forums-Filme an, nicht den Wettbewerb. „Der neue „Star Wars“-Film zum Beispiel ist furchtbar, so langweilig“, findet sie. Ohne Magie. Was waren da noch die 20er bis 60er Jahre, die Goldene Ära, wie sie es nennt, die Musicals mit Gene Kelly und Judy Garland. Auch wenn ihr eigenes Leben so viel weniger mit Hollywood-Glamour zu tun hatte. Vaginal Davis wuchs in einer sehr armen Gegend auf, erzählt sie. Wo Kriminelle herumlungerten und Prostituierte. Wo viele ihrer damaligen Freunde heute im Knast sitzen. Das Kino, sagt sie, sei ihr Rettungsanker gewesen. Marie Rövekamp

Diese Texte erschienen zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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