Entscheiden, was läuft

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Kino-Macher in Berlin : Der Film meines Lebens
Christian Suhren, Kinomacher und Chef des fsk Kino.
Christian Suhren, Kinomacher und Chef des fsk Kino.Foto: Thilo Rückeis

Proppenvoll, ein Mordsgeschrei – so beschreibt Christian Suhren die Sonntagvormittage seiner Kindheit. Seine Eltern schickten ihn zusammen mit den Freunden in das Park-Kino am Stadtrand von Duisburg. Fast immer flimmerte sonntags das japanische Filmmonster Godzilla über die Leinwand, jede Woche ein anderer Teil. „Das waren Trash-Horror-Filme, die damals noch wirkten. Das Wichtigste war aber, mit den anderen zusammen zu gucken“, sagt Suhren.

Er sitzt in einem der mit blauem Samt bezogenen Kinosessel des fsk-Kinos am Oranienplatz in Kreuzberg, das er heute mitbetreibt. In der Ecke plätschert der berühmte bläulich beleuchtete Springbrunnen, gleich kommen die ersten Besucher. Es läuft „Anomalisa“, der neue Animationsfilm von Charlie Kaufmann. Suhren entdeckte seine Vorliebe für anspruchsvolle Filme mit zwölf. „Da landete ich aus Versehen mit einem Freund in einem Streifen ab 16.“ Es war François Truffauts „Der Mann, der die Frauen liebte“. „Eigentlich eine Enttäuschung. Der Film hielt nicht das, was der Titel vermuten ließ“, sagt Suhren.

Kinomachen - anfangs sogar illegal

Trotzdem: Diese Art von Filmen fand er gut. Früh fing er an, selbst Kino zu machen – anfangs sogar illegal. „Ich hatte im Kino ‚Außer Atem‘ von Godard angeschaut und wollte mehr von ihm sehen. Aber damals konnte man nicht einfach etwas in der Videothek ausleihen. Man musste warten, bis etwas im Kino oder im Fernsehen kam.“ Doch „Le Mepris“ mit Brigitte Bardot gab es nicht fürs Kino. Damit wollte sich Suhren nicht abfinden: „Irgendwo musste es doch eine reale Filmkopie geben.“ Schließlich besorgte ihm eine Bekannte, die in einem Filmverleih arbeitete, eine Kopie aus dem Kellerarchiv. „Für einige Freunde machte ich dann eine Privatvorführung.“ Da war er 20. Er schloss sich einer Filmgruppe im Duisburger Jugendzentrum an, die jede Woche Filme auf einem 16-Millimeter-Projektor zeigte, oft mit Pause, weil die Filmrolle nicht so lang war. „Die Sorgen waren natürlich damals schon die gleichen: Kommen genug Leute?“

Der Süßigkeiteneinkauf: Eine paradiesische Aufgabe

Erst viel später, 1988, zog Suhren nach Berlin. Seine Schwester Barbara war damals in dem Kollektiv, das das fsk-Kino zu dieser Zeit noch in der Wiener Straße betrieb. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt Suhren. Sechs Jahre später zog das Kino an den Oranienplatz. Seit 20 Jahren ist er hier Kartenabreißer, Süßigkeitenverkäufer, Filmvorführer, Filmauswähler und Kassierer. Das fsk ist auch ein Filmverleih für andere Kinos. „Viele Aufgaben haben wir uns paritätisch geteilt“, sagt Suhren. „Die Vielfalt finde ich reizvoll. Toll war auch, als ich früher noch den Süßigkeiteneinkauf bei Metro machte. Wenn ich den Einkaufswagen durch die Regale mit den großen Boxen voller Gummibären und Raider schob, dachte ich mir immer: wie paradiesisch!“

Während der Berlinale schauen sich Suhren und seine Kollegen so viele Filme wie möglich an. Aus Leidenschaft, aber auch, um einschätzen zu können, welche sie ins Programm oder in den Verleih aufnehmen. „Entscheiden zu dürfen, was im Kino läuft, das ist schon super“, sagt Suhren und grinst. Plötzlich kann man ihm den 20-Jährigen, der seinen Freunden illegal Filme zeigt, wieder ein wenig ansehen. Maria Fiedler

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