Kippa im Jüdischen Museum : "Die Juden werden ja wieder zur Zielscheibe"

Ein Angriff auf einen Israeli in Berlin entsetzte im April Menschen weltweit. Die Kippa, die das Opfer trug, ist mittlerweile im Jüdischen Museum ausgestellt. Ein Ortstermin.

Mehrere Juden, die die Kippa im Jüdischen Museum besichtigen, berichten von ihren Erfahrungen mit Antisemitismus.
Mehrere Juden, die die Kippa im Jüdischen Museum besichtigen, berichten von ihren Erfahrungen mit Antisemitismus.Foto: Thilo Rückeis

Die Sache mit dem Licht haben sie gut hinbekommen. Die Strahlen der Lampen fallen so in die Vitrine, dass das Himmelblau des Stoffes und das Pink des aufgestickten Gesichts mit dem Schnurrbart und der Brille einen intensiven Ton bekommen. Aber weil die Vitrine so groß ist, wirkt die Kippa unterm Glas noch kleiner, als sie ohnehin schon ist.

Und weil sie auf einem Sockel im Foyer des Jüdischen Museums steht, ist es die Kippa. Das Symbol für Solidarität mit jüdischen Mitmenschen. Mit dieser Kippa verbinden sich die Demonstrationen vom 25. April, als in Deutschland Menschen demonstrativ Kippa trugen, als Protest gegen Antisemitismus. Allein in Berlin gingen 2500 Menschen auf die Straße.

Diese Kippa mit dem himmelblauen Stoff und dem aufgestickten Gesicht trug der Israeli Adam A. am 17. April in Prenzlauer Berg, als ein 19-jähriger Flüchtling aus Syrien mit einem Gürtel auf ihn einschlug. „Yahudi, Yahudi“, brüllte er – „Jude, Jude“. A. nahm die Attacke mit seinem Handy auf, er stellte die Sequenz ins Internet, ein nationaler Aufschrei ertönte, weltweit berichteten Medien über die antisemitische Hass-Attacke.

Ausstellungsstück im Jüdischen Museum

Seit Ende Mai ist die Kippa Ausstellungstück. Léontine Meijer-van Mensch, Programmdirektorin des Jüdischen Museums, hat um die Leihgabe gebeten. Sie will jetzt schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren, dafür hat sie extra einen Platz für Exponate ausgesucht. Sechs Meter vom Eingang zum Libeskind-Bau entfernt und ein paar Schritte neben dem Ausgang, direkt an der Wand. Die Kippa ist das erste Exponat dieser Serie.

Da ist nur dieses kleine Problem: Der Platz ist schlecht gewählt.

Die Besucher schlendern, wenn sie ins Foyer kommen, geradeaus zur Treppe des Libeskind-Baus. Oder sie biegen ab, nach links in den Lichthof oder nach rechts zum Ausgang. Die Vitrine mit der Kippa, an der Wand platziert, registrieren nur wenige. Viele bemerken nicht, dass dort etwas ausgestellt ist.

Auch Neil Mindel und Kitty Goldsmith-Mindel sind schon fast vorbei, als sie stocken. Die 70-Jährige hat die Vitrine entdeckt, sie beugt sich über die Schautafel, auf der in Englisch und Deutsch die Geschichte dieser Kippa erzählt wird. Dann sagt sie: „Der Platz hier ist schlecht gewählt. Fast hätten wir dieses Stück übersehen.“ Ihre grauen Haare sind hochgesteckt, sie ist ein Jahr jünger und einen Kopf kleiner als ihr Mann.

„Ich habe viele meiner Familienangehörigen im Holocaust verloren“

Seit drei Tagen sind sie in Berlin, angereist aus Berkeley, Kalifornien. Neil Mindel hat von der Attacke auf Adam A. gelesen, in Zeitungen in den USA war das ein Thema, er hat dann seine Frau informiert. „In Berkeley gibt es eine große jüdische Gemeinde“, sagt er. Seine Frau und er sind Teil dieser Community. Und vor allem für Kitty Goldsmith-Mindel ist der Vorfall in Prenzlauer Berg mehr als bloß eine Meldung aus dem fernen Germany. Er ruft Bilder hervor. „Ich habe viele meiner Familienangehörigen im Holocaust verloren“, sagt sie. Ihre Eltern überlebten den Nazi-Terror, versteckt, in den Niederlanden. Als ihre Tochter sieben Jahre alt war, wanderten sie in die USA aus.

An der Wand, neben der Vitrine, hängt ein Plakat, das zur Demonstration gegen Antisemitismus aufruft. Für Kitty Goldsmith-Mindel und ihren Mann ist dieses Plakat ein Symbol der Hoffnung. Demonstrationen in Deutschland, 2500 Menschen allein in Berlin auf der Straße, das registriert Neil Mindel mit zufriedenem Kopfnicken. „Ich finde es gut. Die Juden werden ja wieder zur Zielscheibe. Sie gelten als Schuldige für vieles.“

In dem Satz schwingt jene Grundangst mit, die das Verhalten des Paars aus Berkeley in Berlin prägt. Das Gefühl von Verunsicherung können sie nicht unterdrücken. Beiden lehnen Donald Trump ab, sie bezeichnen sich als „liberal“, sie betonen, wie viele nicht-jüdische Freunde sie haben. Sie leben Toleranz, sagen sie damit. Neil Mindel hat einen grauen Vollbart, er trägt Shorts und ein weißes Hemd, er entspricht dem klassischen Bild eines netten, älteren Herrn, der niemanden stört. Aber dann fragt Kitty Goldsmith-Mindel ihren Mann: „Würdest du hier eine Kippa tragen?“ Und er antwortet leise: „Nein.“

Francesco Callipo steht vor der Vitrine und muss nachdenken. Er studiert die Schautafel, dann fällt es ihm wieder ein: „Ach ja, genau, dieser Vorfall, davon habe ich Internet gelesen.“ Auch in Italien war der Angriff ein Thema, allerdings, so sagt der 36-Jährige aus La Spezia, „kein großes. Wir haben gerade andere Probleme.“ Neben ihm steht seine Partnerin Viviana Fumagalli, ihr hat er von dem Vorfall erzählt. Auch für dieses Paar hat die Attacke eine größere, gesellschaftliche Bedeutung. Für den Kommunikationsberater gehört sie zu einer Gesamtentwicklung. Die Toleranz nehme ab, die Angst zu. „Das sind die Punkte, die zum Faschismus geführt haben. Und der begann in Italien.“ Mit Mussolini.

Als Jude könne man in Italien problemlos leben

Demonstrationen gegen Antisemitismus? Das wusste er nicht, diese Nachricht ist ihm entgangen. „Ich bin froh, dass es sie gegeben hat. Nicht bloß Betroffene sollen demonstrieren, andere auch.“ Viviana Fumagalli und er sind zwar Katholiken, „doch wir beten nicht, wir gehen auch nicht in die Kirche“. Aber sie respektierten jede Religion. Und als Jude könne man in Italien problemlos leben.
Für Flüchtlinge sowie Sinti und Roma gelte das freilich nicht. „Wir haben eine Regierung, die etwas rassistisch ist“, sagt Callipo. Dann nennt er den Namen des umstrittenen Innenministers Matteo Salvini und zeichnet ein Kreuz in die Luft, als wollte er einen Vampir abwehren.

Eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren geht zielgerichtet auf die Vitrine zu, sie gehört zu den Wenigen, die diese Kippa richtiggehend suchen. Elena Gusenko* hat das „Tagebuch der Anne Frank“ gelesen, seither ist sie sensibilisiert für jüdische Schicksale.

Die 18-jährige aus Gelsenkirchen, Mutter Ukrainerin, Vater Russe, hat sich intensiv mit jüdischer Geschichte befasst, natürlich hatte sie von der Attacke gehört. „Furchtbar“, sagt sie. „Das Judentum ist eine friedliche Religion.“ Dann wird ihr Ton noch eine Spur ernsthafter, die Stimme noch betonter: „Meine Mutter hat gesagt: Antisemitismus ist eine Sünde. Und das stimmt.“ Die 18-Jährige ist mit Marina Merbach* im Museum, einer Lehrerin aus Gelsenkirchen, die mit Sorge Veränderungen in ihrem Umfeld feststellt. „Der Antisemitismus nimmt zu, gerade in muslimischen Communities.“

Zehn Minuten später steht Mareike van der Saar* an der Vitrine. Eine 48-jährige Jüdin aus Rotterdam. Auch sie hat von der Attacke gehört. „In Berlin traue ich mich nicht, Kippa zu tragen“, sagt sie. Schlimm, so eine Aussage? Natürlich. Aber Mareike van der Saar beschreibt nur ihren Alltag, Berlin ist lediglich weiterer Teil ihrer beklemmenden Erfahrungen. Denn „in Rotterdam ist der Antisemitismus besonders schlimm“. Dort trägt sie auch keine Kippa.

Aber wenigstens zeigte sie in ihrer Heimatstadt einige Zeit ein anderes jüdisches Symbol. Mit dem Finger zeichnet die 48-Jährige einen Halbkreis um den Hals. „Ich trug eine Kette mit Davidstern.“ Inzwischen verzichtet sie auch auf diese Kette. „Ich habe zu viel Angst.“*Namen auf Wunsch der Gesprächspartner geändert

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