Der Auferstandene in Siegerpose

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Kirchenkunst in Berlin : Jeder nur ein Kreuz: Wo man Ostern besichtigen kann
Sein Fest der Auferstehung. Auf diesem Bild, zu sehen in der Kirche St. Canisius am Lietzensee, lungern Security-Leute um Jesus herum und verpassen das Unglaubliche. Ercole Ramazzani: Auferstehung Christi (1559 / 1570).
Sein Fest der Auferstehung. Auf diesem Bild, zu sehen in der Kirche St. Canisius am Lietzensee, lungern Security-Leute um Jesus...Foto: Frank Vetter / Erzbischöfliches Ordinariat Berlin

Aus der Feuersbrunst, die 1995 das erst vierzig Jahre alte Kirchengebäude St. Canisius am Lietzensee vollständig zerstört hatte, war ein  Eisenblech-Cruzifixus geborgen worden. Die verformte Skulptur fand 2002 auf einer Rückwand im Neubau von St. Canisius ihren Platz. Und seit 2006 gehört zu dem hellen Raum aus Holz, Glas und Beton, wo jedes Element stark zur Geltung kommt, auch ein Oster-Gemälde aus dem 16. Jahrhundert.

Das Zentrum dieses Bildes, Öl auf Holz, bildet der von unwirklich weißem Licht durchstrahlte Auferstandene in Siegerpose: vor einer schwarzen Grabesloch, einem Marmorsarkophag, einer italienischen Stadt am See. Hier berühren sich zwei Parallellwelten – fast. Vier  Security-Leute hocken vor der düsteren Höhle, um Zwischenfälle abzuwehren: Der Vorgang Jesus ist abgeschlossen. Ein  Gepanzerter döst, seine Kollegen merken irgendwie, dass etwas Seltsames vorgeht. Sie verrenken sich wie Betrunkene, stieren am Geschehen vorbei, wedeln mit den Waffen. Einer kauert zu Füßen des lebenden Hingerichteten mit der Schramme an der Brust, als suche er Blickkontakt zum Unvorstellbaren. Aber der Sarg ist zu. Das Umwälzende findet vor den offenen Augen routinierter Angestellter statt, die – „Keine besonderen Vorkommnisse“ – ihre Schicht absitzen, das Neue nicht wahrnehmen: dass ein Totgefolterter das letzte Wort erhält und die Ordnung der Welt sich, vielleicht, von Grund auf ändert.

Auf welche Weise diese spätmittelalterliche Reflexion zum Oster(un)glauben in Berliner Privatbesitz gelangte, ist unbekannt. Zugeschrieben wird das Kunstwerk Ercole Ramazzani (1530 - 1598). Beim Pfarrer von St. Sebastian im Wedding, Georg Auditor, prangte es im Esszimmer. Seinen Kaplan beeindruckte das Bild; als Pfarrer Auditor starb, erhielt er den Schatz zur Erinnerung. Inzwischen ist aus dem jungen Priester, Otto Riedel, ein emeritierter Domprobst geworden, der sein Erbstück dem Domkapitel von St. Hedwig vermacht hat: für ein künftiges Museum an der Kathedrale. Weil aber daran derzeit nicht zu denken ist, gelangte es als Leihgabe nach St. Canisius.

(Kath. Kirche St. Canisius, Witzlebenstr. 30: Ostermessen 4.4. um 21 Uhr, 5.4. um 11 Uhr / 18 Uhr; 6.4. um 11 Uhr.)

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