Ein expressionistischer Cruzifix

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Kirchenkunst in Berlin : Jeder nur ein Kreuz: Wo man Ostern besichtigen kann
Aufgehängt und abgehängt. Dieses expressionistische Kruzifix ist jetzt in Marzahn zu sehen. Skulptur: Hans Perathoner: Cruzifixus (1930).
Aufgehängt und abgehängt. Dieses expressionistische Kruzifix ist jetzt in Marzahn zu sehen. Skulptur: Hans Perathoner: Cruzifixus...Foto: Frank Vetter / Erzbischöfliches Ordinariat Berlin

Am Karfreitag steht für Christen die Kreuzigung ihres Rabbis Jesus im Mittelpunkt, dessen Festnahme und Sterben zur Zeit der Pessach-Feiern stattgefunden hat. Bilder von diesem schändlichen Galgentod, der Anderen schwer zu vermitteln war, sind aus der Frühzeit des Christentums nicht bekannt. Die erste erhaltene Abbildung dieser Art, eine Karikatur, zeigt um 125 n.Chr. über der Schrift „Alexamenos betet Gott an“ einen Mann vor einem Gekreuzigten mit Eselskopf. In späteren Jahrhunderten ist das Entsetzen vor dem barbarischen Akt der frommen Sehgewohnheit gewichen.

Als im Sommer 1930 für die neue katholische Kirche in Kaulsdorf ein expressionistischer Cruzifixus geschaffen wurde, hatte der Tiroler Bildhauer Hans Perathoner (1872 – 1946), Professor an der Charlottenburger Kunstgewerbeschule, keineswegs Provokation Sinn. Der vier Meter hohe, gekrümmte Korpus, den er an einem Backsteinkreuz fixierte, war mit dem Beil aus einem Eichenstamm gehauen und roh belassen worden. Befürworter erkannten in der monumentalen Figur eine Illustration des Klagepsalms 22 („Ich bin ein Wurm und kein Mensch“), einen Appell zum Mitleiden. Kritiker fühlten sich durch die „Missgestalt“ abgestoßen, assoziierten „Gotteslästerung“ und darwinistische Ansichten, die Abstammung des Menschen vom Affen. Der Bischof des neugegründeten Bistums Berlin, Christian Schreiber, setzte sich für eine Entfernung des Aufregers ein, was man nach 13 Monaten der Auseinandersetzung schließlich durchgeführt hat. Perathoners drastischer Christus wurde weggeräumt, von 1964 bis 1986 erhielt er Asyl in der Evangelischen Hoffnungskirche (Pankow). Seit dem Jahr 2000 hängt er als Leihgabe aus Kaulsdorf in einem katholischen Kirchbau der späten DDR: dem Gotteshaus „Von der Verklärung des Herrn“, am Rand Marzahner Wohnblöcke .

(Kath. Kirche „Von der Verklärung des Herrn“, Neufahrwasserweg 8: Ostermessen 5.4. um 5 Uhr / 10 Uhr; 6.4. um 18 Uhr.)

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