Kitademo in Berlin : Der Senat muss in der Kitakrise endlich aufwachen

Für die Mängel in der Kinderbetreuung gibt es viele Gründe: geringe Bezahlung, überbordende Bürokratie - und eine politisch angeheizte Nachfrage. Ein Kommentar.

Viel los: Kinder beim Zähneputzen in der Kita. (Symbolbild)
Viel los: Kinder beim Zähneputzen in der Kita. (Symbolbild)Foto: Patrick Pleul/dpa

Nein, es stand von Anfang an keine Partei dahinter, auch keine Gewerkschaft, nicht mal ein Verein: Die Demonstration, mit der an diesem Sonnabend in Berlin gegen den Kitamangel protestiert wird, ist von Müttern erdacht worden, die nicht mehr wussten, wohin mit ihrer Empörung und Not.

Wie sonst, wenn nicht als Not soll man den Zustand von – zumeist – Frauen bezeichnen, die um ihren vertraglich besiegelten Wiedereinstieg ins Berufsleben, um ein hart erarbeitetes Stipendium oder um ihren scheinbar sicheren Ausbildungsplatz bangen müssen, weil sie sich auf den Rechtsanspruch auf eine Betreuung verließen? Sie wissen, dass manche Chancen nicht wiederkommen.

Die Demonstration ist wichtig. Nicht nur, weil diese Mütter sich endlich Luft machen können. Nicht nur, weil sich die Gewerkschaften mit ihrer berechtigten Forderung nach besseren Erziehergehältern den Müttern angeschlossen haben und somit auch ein wichtiges Signal ins Bundesgebiet senden. Vielmehr liegt die eigentliche Bedeutung des Marsches zum Brandenburger Tor darin, dem Senat zu zeigen, welche Dimension das Problem inzwischen erreicht hat.

Auch "belüftete Garderoben" gehören zum Standard

Denn es gibt Grund zur Annahme, dass dieses Bewusstsein noch immer nicht da ist. Wie sonst wäre es möglich, dass die Jugendsenatorin angesichts der Presseberichte über die ersten Kitaklagen im März davon sprach, dass „eine Sau durchs Dorf getrieben“ werde? Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Kitaaufsicht in der Senatsverwaltung für Jugend Initiativen für Kitagründungen und -neubauten mit langen Bearbeitungszeiten und überzogenen Forderungen an die bauliche Ausstattung im Keim erstickt? Wie sonst könnte es sein, dass das Beharren auf „Gäste-WCs“ und „belüftete Garderoben“ Berlins Antwort ist auf den Mangel an Kitaplätzen?

Es ist keineswegs so, dass sich die sozialdemokratische Jugendsenatorin von ihrer Verantwortung für den Kitaplatzmangel reinwaschen könnte durch den Hinweis auf Zuzüge und höhere Geburtenraten. Der Mangel an Plätzen und an Erziehern hatte sich schon vor zehn Jahren angekündigt. Die Pensionierungswelle war bei den Erziehern ebenso absehbar wie bei den Lehrern. In beiden Fällen wurde nicht rechtzeitig gegengesteuert.

Kitagründer als Bittsteller

Vielmehr übertrug der Senat die Erzieherausbildung immer mehr auf freie Anbieter, die durch Schulgeldforderungen den Beruf finanziell noch unattraktiver machten, als er ohnehin schon war. Auch die Tatsache, dass Kitaträger bis heute wie Bittsteller behandelt werden, die es mit mehrseitigen Forderungen nach belüfteten Garderoben etc. zu quälen gilt, deutet nicht darauf hin, dass der Senat den Ernst der Lage erkannt hätte.

Anstatt angesichts des seit Jahren absehbaren Kitamangels entschlossen gegenzusteuern durch entschlackte Verordnungen und eine attraktive Bezahlung, gefielen sich die Sozialdemokraten darin, die Elternnachfrage noch weiter anzuheizen durch das Versprechen auf einen kostenlosen Kitaplatz. Angeblich sollte dadurch allen Familien geholfen werden – auch denen, die sich sonst keinen Kitaplatz leisten könnten, so warb die SPD dafür vor den Wahlen.

Nun hat sie das, was sie nicht wollte: Flüchtlinge oder bildungsferne Eltern, die nicht imstande sind, im großen Radius nach Kitaplätzen zu suchen, werden die Letzten sein, die jetzt einen Kitaplatz bekommen. Auch ihnen könnte der Marsch zum Brandenburger Tor helfen – ob sie mitgehen oder nicht.

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