Klaus Schultze (Geb. 1967) : Immer am Werkeln

Alles musste perfekt sein. Einfach mal so aus dem Bauch heraus, das gab es bei ihm nicht. Der Nachruf auf einen Anspruchsvollen.

Georgen-Parochial-Friedhof II an der Landsberger Allee in Berlin-Friedrichshain.
Georgen-Parochial-Friedhof II an der Landsberger Allee in Berlin-Friedrichshain.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Klaus ging nur in die besten Restaurants. Nicht, weil er etwas zur Schau stellen musste. Nein, Klaus hatte einen besonderen Feinsinn, und sein Gaumen ertrug nur das, was wirklich gut war. Langweiliges ließ er liegen, egal wie viel es gekostet hatte. Wollte man ihm eine Freude machen, überraschte man ihn mit einem Gericht, das er noch nicht kannte: Schweinebauch nach Sichuan-Art zum Beispiel.

Früher, als er noch Leute zu sich nach Hause einlud, als er noch mehr Freunde in sein Leben ließ, kochte er richtig große Essen. Festtafeln waren das, alles perfekt, alles ein Genuss. Deutsche und französische Küche, punktgenau gegart, perfekt gedünstet, niemals zu früh oder zu spät von den Herdplatten geholt, nie zu trocken oder zu matschig.

Auch die Musik musste Klaus genießen, Avantgarde-Rock und Neo-Punk, je abseitiger, desto besser. Dann saß er in seinem Sessel, in seiner Wohnung, die er seit dem Auszug seiner Frau vor zwei Jahrzehnten nicht umdekoriert hatte, trank einen seiner exzellenten Whiskys und lauschte sich in die brachialen Töne hinein. Klaus hatte nichts dagegen, einsam zu sein. Im Gegenteil, er suchte die Einsamkeit, er brauchte sie. Als diese Frau nach seinem Tod seine Wohnung ausräumte, fand sie 400 CDs und 200 Schallplatten.

Er machte Eindruck, von Anfang an

Es waren die späten 1980er Jahre, als Klaus nach Berlin mitgebracht wurde. Eine Schauspielerin aus West-Deutschland hatte den jungen Studenten als Produktionsassistenten auserkoren. Sie ging wieder, Klaus blieb einfach. Am Theater wollte er arbeiten, Regisseur wollte er werden. Er begann mit dem Studium der Theaterwissenschaft und startete als „Mädchen für alles“ im kleinen Theater „Stükke“ am Südstern.

Klaus machte Eindruck, von Anfang an. Da war seine Körpergröße: 1,90 Meter. Da war seine Verschlossenheit und Stille, die so immens war, dass sie auffiel. Da war sein Intellekt, der beeindruckte und eine Belesenheit, die selten war. War man erstmal mit ihm befreundet, hatte man den loyalsten Kerl an seiner Seite. Doch die Freundschaft musste man schon selber pflegen, denn von sich aus meldete Klaus sich nie.

Im Theater legte er einfach los: Die Technik, das Licht, der Ton, das lag ihm, hier war er mit seinem Sinn für Präzision richtig. Sie brauchten mal auf der Bühne sechs Fernsehbildschirme, die per Videokassette auf die Millisekunde genau angespielt werden mussten. Das bekam Klaus mühelos hin. Er war es, der auf den Hauscomputern mit 20 Megabyte Festplattenspeicher das erste elektronische Ticketsystem installierte. Auch als Regieassistent konnte er organisieren, im Hintergrund werkeln, alles wunderbar.

Doch als Klaus anfing, seinen Traum umzusetzen und eigene Stücke zu inszenieren, scheiterte er. Vor allem an seinem Perfektionismus: Klaus war zu verkopft. Einfach mal so aus dem Bauch heraus, das gab es bei ihm nicht. An seinen Studienarbeiten werkelte er wochenlang, dann las er sie zum letzten Mal durch, befand sie als ungenügend und warf sie in den Müll. Sein Anspruch an sich selbst war grenzenlos. Sein Anspruch an die Schauspieler auch. Dabei kannten sie ihn inzwischen seit Jahren, schätzten ihn, mochten ihn, zogen mit ihm um die Häuser, auch weil Klaus jeden so nahm, wie er war. Als Regisseur aber konnten sie, die mit dem Körper arbeiten, die Emotionen leben, ihn nicht annehmen. Er war viel zu ehrlich. Das kommt leider nicht immer gut an. Klaus machte dann Schluss mit dem Theater, der Stress, die Verantwortung, den Kampf hielt er nicht mehr aus.

Kompromisse gab es nicht

Irgendwann sagte seine Frau zu ihm: „Du, Klaus, entweder du fängst ein bisschen an, an dir zu arbeiten, oder ich kann nicht mehr.“ Klaus sagte: „Ich bin, wie ich bin. Ich kann mich nicht ändern.“ Später sagte sie ihm dann: „Entweder wir werden eine Familie, oder ich muss gehen, so gern ich dich auch habe.“ Für Klaus war das nichts. Die Frau ging.

Klaus schlug einen neuen Weg ein und fing in einer Kommunikationsagentur an. Organisierte Kongresse, kümmerte sich um alles, auch die Technik, die Bilder, das Licht. Hängte sich rein, schuftete. Und er war richtig gut, das Licht war perfekt, im Ablauf gab es keine Patzer, die Kunden mochten ihn. Er forderte von jedem die 150 Prozent, die er selbst erbrachte. Wenn jemand nur 95 geben konnte, war er regelrecht verzweifelt. Damit am Ende trotzdem das rauskam, was er sich vorstellte, zog er alle Aufgaben an sich und arbeitete noch mehr. Es musste so sein, Kompromisse gab es nicht.

Mehrmals im Jahr reiste er zu seinen Winzerfreunden an der Mosel. Hier hatte er einen eigenen Weinberg und zelebrierte mit einem Glas selbstgekelterten Rieslings seinen Sinn für Feines. Zu seiner Beerdigung waren sie ebenfalls alle da, seine Winzerkollegen, die den Klaus aus Berlin sehr schätzten. Dann waren da noch die Kanufreunde, mit denen es einmal im Jahr ins Wasser ging. Die Schauspielerfreunde, die Wegbegleiter aus der Agentur.

Sie alle sind gekommen, um sich zu verabschieden, von ihrem Klaus, der plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben war.

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