Klimafolgenforschung in Potsdam : "Am Anfang wurden wir belächelt"

Seit 26 Jahren klärt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung über die Konsequenzen der globalen Erwärmung auf. Nun geht der jahrelange Chef in Rente.

Mitsuo Martin Iwamoto
Gefunkt wurde vom Telegrafenberg in Potsdam schon 1830 bis ans andere Ende Preußens.
Gefunkt wurde vom Telegrafenberg in Potsdam schon 1830 bis ans andere Ende Preußens.Foto: Ben Kriemann/PIK

Der einstige Hoffnungsträger der modernen Kommunikation sieht nicht besonders eindrucksvoll aus. Ein Holzmast, daran seitlich befestigt sechs bewegliche Metallarme. Mithilfe dieses „Winktelegrafen“ auf dem Telegrafenberg in Potsdam wurden bereits 1830 wichtige Nachrichten von Berlin bis ans andere Ende Preußens übermittelt. Doch auch wenn diese Zeiten längst vorbei sind, gesendet wird vom Telegrafenberg immer noch. Denn heute arbeiten hier mit den Wissenschaftlern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) einige der wichtigsten Wissenschaftskommunikatoren in Deutschland. Ihr Ziel: Der Gesellschaft zuverlässige Informationen für die Entscheidungsfindung in Klimafragen zur Verfügung zu stellen. Die Frage, die sie umtreibt: Welche Folgen hat das sich wandelnde Klima für uns Menschen?

Gegründet 1992, hat sich das PIK mittlerweile an der Weltspitze der Klimaforschung etabliert. Doch der Aufstieg verlief nicht ohne Widerstände. „Insbesondere zu Beginn wurden wir belächelt“, erinnert sich Hans Joachim Schellnhuber, Vater des Zwei-Grad-Limits des Pariser Klimaschutzabkommens und Gründer und Direktor des Instituts. Im September geht er in den Ruhestand. „Der Klimawandel galt damals als Exotenthema: ein bisschen gruselig, aber ohne Bedeutung für unseren Alltag.“ Selbst fossile Energieunternehmen hätten ihn damals noch als Redner eingeladen. „Als klar wurde, dass das Thema richtig ernst ist, war das dann schnell vorbei.“ Die Unternehmen begannen, sich gegen die Forschung in Stellung zu bringen.

Im September verabschiedet sich Hans Joachim Schellnhuber nach 26 Jahren als Direktor in den Ruhestand.
Im September verabschiedet sich Hans Joachim Schellnhuber nach 26 Jahren als Direktor in den Ruhestand.Foto: Promo

Mehr als ein Klimainstitut

Dass das PIK trotzdem erfolgreich wurde, liegt auch an seinem Ansatz, immer die Relevanz der eigenen Forschung für die Gesellschaft mitzudenken. „Wir fragen uns immer, was sind die konkreten Folgen einer Veränderung im Klimasystem“, sagt Marlene Kretschmer, die den Einfluss des Klimawandels auf Extremwetterlagen untersucht. „Wenn sich bestimmte Höhenwinde abschwächen, beispielsweise durch die Erwärmung der Arktis, und sich dadurch Wetterlagen länger als üblich halten, wie in diesem Sommer in Europa, dann bedeutet das konkret: Dürre, Waldbrände und Ernteausfälle.“ Damit könne man mehr anfangen, als wenn sie nur von Veränderungen bei Atmosphärenwellen, dem Jetstream und Zirkulationsmustern rede – und nicht sage, was diese Veränderungen für Konsequenzen haben.

Doch das PIK ist mehr als nur ein exzellentes Klimainstitut. Neben Klimatologen arbeiten hier auch Sozialwissenschaftler, Ökonomen und Agrarexperten. Forscher, die sich mit den gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels beschäftigen – und nachhaltige Lösungen entwickeln. Elmar Kriegler zum Beispiel beschäftigt sich mit der Frage, welche Transformationen notwendig sind, um den Planeten auch weiterhin bewohnbar zu halten. „Wir haben nur ein begrenztes Budget an Emissionen“, sagt er.

Die Atmosphäre könne man sich vorstellen wie eine Badewanne – läuft sie mit Treibhausgasen voll, wird irgendwann die Zwei-Grad-Erwärmungsgrenze überschritten und die Menschheit unter wachsenden Klimaschäden leiden. „Die Badewanne ist bereits mehr als zur Hälfte gefüllt. Und sie füllt sich immer schneller. Es ist höchste Zeit, dass wir anfangen, den Hahn zuzudrehen und die Emissionen auf Null zu bringen.“ Besonders wichtig hierfür: die Transformation des Energiesektors: weg von fossilen Energieträgern wie Kohle und hin zu erneuerbarer Energie. Für die Kernenergie sieht er dabei keine wichtige Rolle. „Nicht aus ideologischen, sondern aus rein praktischen Gründen. Es ist schon heute schlicht günstiger, Strom aus erneuerbaren Energien zu gewinnen als aus der Kernenergie“, sagt Kriegler.

PIK-Forscher Elmar Kriegler.
PIK-Forscher Elmar Kriegler.Foto: Klemens Karkow

Gegenwind von Kritikern

Den Klimaschutz voranzutreiben, der Politik Lösungsvorschläge zu liefern und immer wieder die gesellschaftliche Debatte voranzubringen – auch das verstehen die Wissenschaftler des PIKs als ihre Aufgabe. Und haben auch auf diesem Gebiet Erfolg. So hob die renommierte University of Pennsylvania das PIK in seinem jüngsten Bericht auf Platz eins der weltweit führenden Klima-Denkfabriken.

Doch für diese Ausrichtung bekommen sie auch Gegenwind. Für Kritiker verlassen sie mit ihren Szenarien und Lösungsvorschlägen den Aufgabenbereich der Wissenschaft. Der Vorwurf: Alarmismus und eine Politisierung der Wissenschaft. „Ich halte diese Art von Kritik für unverantwortlich“, sagt Schellnhuber. „Da wird versucht, unter dem Deckmantel der 'Besonnenheit' das Gift des Zweifels in die öffentliche Debatte einfließen zu lassen.“ Dabei sei die Datenlage klar: die Welt wird wärmer, und das in direkter Relation zu der Menge an Kohlenstoff, die der Mensch emittiert. Im Vergleich zum Zeitraum 1880 bis 1920 ist die globale Mitteltemperatur bereits um 1,1 Grad angestiegen. Wenn dies in diesem Tempo so weitergehe, würden weite Teile des Planeten irgendwann unbewohnbar.

Doch der Zweifel zeigt Wirkung, auch in Deutschland: In einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2016 gaben 76 Prozent der Befragten an, dass sie den Klimawandel für wissenschaftlich umstritten halten. 16 Prozent antworteten, dass es ihres Wissens nach keinen Klimawandel gebe.

Die Frage, wie man mit Klimaleugnern umgeht, beschäftigt alle Wissenschaftler am PIK. „Wenn jetzt zum Beispiel Politikerinnen wie Beatrix von Storch den menschgemachten Klimawandel bestreiten, bringt mich das manchmal zur Verzweiflung“, sagt Marlene Kretschmer. Selbstverständlich gebe es auch unter Klimawissenschaftlern Dissens. Aber nicht über die Basisfakten. „Treibhauseffekt und Klimawandel grundsätzlich anzuzweifeln, das ist absurd.“ Mit ihnen verhalte es sich ähnlich wie mit dem Rauchen: auch wenn Wissenschaftler noch darüber streiten, wie viel Schaden es genau anrichtet – dass es dem Körper schadet, bezweifele niemand mehr.

Marlene Kretschmer untersucht den Einfluss des Klimawandels auf Extremwetterlagen.
Marlene Kretschmer untersucht den Einfluss des Klimawandels auf Extremwetterlagen.Foto: Promo

Politik und Gesellschaft müssen handeln

Die wichtigste Erkenntnis sei, dass es eigentlich noch nicht zu spät ist. „Wenn Leute resignieren und sagen, man kann sowieso nichts tun – diese Haltung lässt mich dann selbst manchmal fast resignieren“, sagt Marlene Kretschmer. Denn durch eine konsequente Klimaschutzpolitik und Dekarbonisierung der Wirtschaft ließe sich die Erwärmung durchaus noch auf ein kontrollierbares Maß reduzieren.

Dass es dahin trotz aller Anstrengungen noch ein weiter Weg ist, zeigen die Berechnungen von Elmar Kriegler. Sein Fazit: „Im Moment steuern wir – selbst, wenn alle Zusagen aus dem Pariser Klimaschutzabkommen eingehalten werden – auf drei Grad Erwärmung bis 2100 zu.“ Wolle man das Zwei-Grad-Limit einhalten, seien also stärkere Reduktionen des Ausstoßes von Treibhausgasen nötig. Seine Rolle als Wissenschaftler sieht er darin, die Folgen unterschiedlicher Klimapolitiken realistischer zu berechnen. „Wir können verschiedene Szenarien aufstellen, und zeigen, was passiert, wenn bestimmte Maßnahmen ergriffen werden – oder eben nicht.“

Aber letztendlich handeln müssten Politik und Gesellschaft. „Unsere Aufgabe ist es, die Gesellschaft über unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse zu informieren, vor den Risiken der Klimaerwärmung zu warnen und Wege zum Klimaschutz aufzuzeigen“, sagt Kriegler.

Im September verabschiedet sich Hans Joachim Schellnhuber nach 26 Jahren als Direktor in den Ruhestand. Übernehmen wird – ganz im Sinne des Instituts – eine Doppelspitze aus einem Ökonomen und einem Klimaforscher. Das PIK wird also auch weiterhin vom Telegrafenberg in die Gesellschaft hineinfunken. Wie es in einem Werbevideo des Instituts heißt: „Wir sagen, wie es ist.“

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