Berlin : Klinik unter Planen

Soldaten, Entwicklungshelfer, Einheimische: Ins Bundeswehrkrankenhaus in Nordafghanistan kommen monatlich 600 Patienten. Minenverletzung oder Migräne – hier gibt’s für alles Spezialisten. Das Porträt eines modernen Feldlazaretts

Christine-Felice Röhrs[Masar i Scharif Afgha]

Im Wartezimmer stehen vier Stühlchen mit Tarnbezug. Ein alter Afghane, in Schals gehüllt, hat sich quer darübergelegt, guckt an die Decke und wackelt mit den Füßen, die in schmutzigen Verbänden stecken. Wenn Zeit ist, dann sollen die deutschen Ärzte auch Einheimische behandeln. Und so geht der alte Afghane an diesem Tag zum deutschen Arzt.

Das Feldlazarett von Camp Marmal in Masar i Scharif, Nordafghanistan, ist in weitem Umkreis der einzige Ort, an dem Verletzungen umfassend behandelt werden können. Deutsche Ärzte kümmern sich hier zusammen mit Kollegen aus Norwegen um Soldaten aus 15 Nationen, aber auch um Zivilisten, zum Beispiel Angehörige der Hilfsorganisationen. Spätestens seit letzter Woche, als ein Deutscher getötet wurde, ist klar, dass selbst hier im Norden keiner völlig sicher ist, was der Frage nach der medizinischen Versorgung neue Dringlichkeit verleiht. Über 1300 Soldaten sind in Masar i Scharif stationiert, und ab April, wenn die deutschen Tornados kommen, werden es noch mehr. Alles potenzielle Patienten. Bis zu 600 kommen im Monat. Sie haben Bauchweh oder ein Schädelhirntrauma, sind in einen Nagel getreten oder auf eine Mine gefahren. Alles ist hier behandelbar, denn Feldlazarette sind längst keine Provisorien mehr. Es gibt Neurologen, Chirurgen, Psychiater, Dermatologen, Radiologen, Zahnärzte und Hals-, Nasen-, Ohrenärzte.

Dennoch: Im Vergleich zu all der Technik, die moderne Militäreinsätze begleitet, wirken Feldlazarette immer noch merkwürdig archaisch. Eine Flucht von Zelten, dämmrig wie Höhlen, die olivfarbenen Planen schlucken das Licht. Es riecht nach Gummi, Desinfektionsmittel und Staub, die Gänge winden sich labyrinthisch. Feldlazarette haben keine vorgeschriebene Architektur. Weil die Bodenbeschaffenheit von Kriegsgebieten das ordentliche Bauen oft nicht zulässt, wachsen Feldkliniken wie Kraut und Rüben. Hier ein Bettenzelt, dort ein Apothekenanbau, um die Ecke der Laborcontainer. Und zwischen ihnen sieht es aus wie beim Rockkonzert. Dutzende armdicker Abwasserschläuche und Stromkabel für Heizung, Klimaanlage oder Luftaufbereitung schlängeln sich durch Matsch und Kies.

35 Ärzte arbeiten in dieser Klinik, mit dabei auch ein Berliner: Stefan Schönfeld, 32, aus Pankow, seit dem 18. November in Afghanistan, für mehrere Monate, gerade wieder zu Hause eingetroffen. Normalerweise ist er in Potsdam Truppenarzt, eine Art Hausarzt für Soldaten, aber in Afghanistan haben sie ihn der sogenannten Medevac-Kompanie zugeordnet, den Notärzten, könnte man auch sagen, oder, auf Bundeswehrdeutsch, dem „beweglichen Arzttrupp“. Schönfeld fährt mit, wenn die Patrouillen ausrücken, um gleich da zu sein, wenn sie beschossen werden. Verschiedene Panzer wurden dafür zu Krankenwagen umgerüstet. „Der Fuchs ist mein Liebling“, sagt Schönfeld. „Er lässt sich gut fahren, ist gut geschützt, und man wird hinten nicht so sehr durchgeschaukelt, dass man den Patienten irgendwann auf den Bauch kotzt.“

Stefan Schönfeld sitzt an diesem Tag im „Planet Mazar“, einer von drei sogenannten „Betreuungseinrichtungen“. Er hat einen Apfelsaft vor sich und versucht, seiner Arbeit Gutes abzugewinnen. Sie ist anstrengend, auch, weil das Leben im abgeschotteten Camp schnell so öde wird. Aber: Es ist vergleichsweise friedlich hier, sagt er. Als er vor einigen Jahren in Kabul stationiert war, wurde ein Bus mit deutschen Soldaten in die Luft gesprengt; vier starben. Überall in der Klinik hängen auf kleinen Holzständern Splitterschutzwesten für den Notfall, obendrauf ein Helm.

Die modernen Lazarette gibt es noch nicht sehr lang. Das System, mit dem die Deutschen arbeiten, heißt „Transhospital“ und wurde erst Anfang der 90er von EADS Mobile Systems zusammen mit der Bundeswehr entwickelt. Der damalige Generalinspekteur hatte beschlossen, dass den Soldaten im Auslandseinsatz die gleiche Behandlung zuteil werden müsse wie zu Hause. Das Zauberwort lautet „deutscher Standard“. Weg von der reinen Militärmedizin, bei der ein schwer verletztes Bein unter Umständen einfach abgenommen wird, weil es schneller geht und auch, weil in der Nähe der Front die Ausrüstung oft fehlt. Die neuen Lazarettcontainer aber können mit Schiff, Flugzeug oder Hubschrauber überall so schnell abgesetzt und mit einander verbunden werden wie Legosteine. Sie sind schon bei Auslieferung fertig eingerichtet; sogar die Computertomografen wurden einsatztauglich abgewandelt. Steht so ein Container, muss er nur noch ans Stromkabel.

Mittlerweile hat der Sanitätsdienst der Bundeswehr laut EADS mehr als 250 dieser Klinikcontainer in 34 verschiedenen Ausführungen – und ordentlich Geld investiert: Bis zu 800 000 Euro kostet einer.

Dennoch wirft das Diktat vom „deutschen Standard“ ein Problem auf: Eigentlich hat die Bundeswehr zu wenig Ärzte dafür. „3176 Sanitätsoffiziere ist die politisch festgelegte Obergrenze, die ist mit 3050 nun fast erreicht – aber 1000 mehr wären nicht schlecht“, sagt Stefan Schönfelds Chef, Oberstarzt Ulrich Schwederski-Menke. Denn die deutschen Ärzte sind ja nicht nur in Afghanistan eingesetzt, sondern überall, wo Deutschland einem Auslandseinsatz zugestimmt hat. In Bosnien-Herzegowina, am Horn von Afrika, im Libanon, in Georgien oder im Kosovo. Es gibt Fachbereiche, da müssen immer wieder die Gleichen in den Einsatz: die, von denen es nicht so viele gibt. Chirurgen, Anästhesisten, Apotheker und die Tierärzte. In Masar gibt es zwei. Für die Lebensmittelkontrollen. In Kabul haben sie dem kranken Zoobären geholfen.

Der Dreck ist ein anderes Lazarettproblem, die unbenutzten Betten sind deshalb ständig mit blauen Plastiktüten abgedeckt. „Ein Sandsturm geht hier von vorne bis hinten durch“, sagt seufzend die Flotillenapothekerin, die alle zwei Tage ihre Mitarbeiter mit dem Mopp durch die Regale schickt. Auch deshalb wird ein größerer Teil der Klinikausrüstung in den dunkelgrünen Feldkisten gelagert, überall sind sie an den Zelt- und Containerwänden hochgestapelt.

Damit niemand vergisst, wo was verstaut ist, gibt es einen Kistenplan. Und um zu überprüfen, ob auch jeder den Plan im Kopf hat, gibt es Hermann. Der liegt in einem Winkel auf einem Feldbett: eine Gummipuppe in Soldatenstiefeln. Man kann Symptome an ihm simulieren, und dann müssen alle los und das Richtige aus den Kisten ziehen. Es ist alles da. Jede Woche kommen palettenweise Medikamente, von sterilen Kompressen für den OP über Lippenpflegestifte, Einmalbettwäsche bis zu Knochenplatten. Gerade haben die Ärzte einem Afghanen eine künstliche Hüfte eingesetzt.

Zwei bis drei größere Operationen machen sie pro Woche, an den Einheimischen behandeln sie Symptome, die es in Deutschland seit 50 Jahren nicht mehr gibt. Riesige Kröpfe, nie versorgte Kriegsverletzungen, archaisch geflickte Knochenbrüche. „Was ich hier an Indolenz erlebe, an stoisch ertragenem Schmerz, das ist gigantisch“, sagt der Oberstarzt.

Auch deshalb fährt er regelmäßig ins zivile Krankenhaus von Masar i Scharif, um zu helfen. Um ein Röntgengerät rüberzubringen. Oder um mitzuoperieren. Er findet, das gehört zum Auftrag. Zu schauen, wo die Isaf-Truppen, zu denen er gehört und die ja einen Hilfsauftrag haben und keinen Kampfauftrag, etwas tun können, oder auszukundschaften, wo die Hilfsorganisationen anpacken könnten. „Auch deshalb haben wir Deutschen es vergleichbar ruhig hier oben im Norden“, sagt er. „Jeder Afghane, dem wir helfen, ist ein Multiplikator von Sympathie.“

Übrigens ist es in Masar i Scharif mit der Höhlengemütlichkeit bald vorbei. Neben dem Zelt-Container-Komplex entsteht eins der größten Feldlazarette der Welt, die Hülle steht schon. Feldkisten werden da nicht mehr stehen, wenn es im April fertig wird. Weiße Wände, weiße Schränke – ganz deutscher Standard.

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