Kochkurse von und mit Geflüchteten : Wie ein Uni-Projekt zur Erfolgsgeschichte wurde

Die Schöneberger Initiative „Über den Tellerrand“ veranstaltet Kochkurse von und mit Geflüchteten. So entstanden drei Kochbücher und neue Angebote.

Gemeinsam Essen zubereiten, gemeinsam speisen – so werden bei „Über den Tellerrand“ Fremde zu Nachbarn.
Gemeinsam Essen zubereiten, gemeinsam speisen – so werden bei „Über den Tellerrand“ Fremde zu Nachbarn.Foto: Thilo Rückeis

Wenn Moder, Abo Hibar, Danya und Alaa zusammenkommen, um zu kochen, wird es laut, lustig und sehr genussreich. Die vier Syrer, allesamt vor einigen Jahren nach Berlin geflüchtet, leiten in der Hauptstadt syrische Kochkurse. Vor ihnen stehen an einem warmen Tag im August rund 40 junge Menschen, darunter viele Studenten aus San Diego, die in den kommenden Stunden Gerichte anfertigen werden, von denen sie vermutlich nie zuvor gehört haben: Okra zum Beispiel, ein Gericht aus Lammfleisch und kleinen grünen Schoten, oder Fattush, ein arabischer Salat mit Fladenbrotstücken und Granatapfelsaft, oder die Süßspeise Konafeh aus Käse und einem nudelartigen Gebäck, das auch als Engelshaar bekannt ist.

Geflüchtete stellten Rezepte aus ihrer Heimat bereit

Den Rahmen für die Kochkurse bietet der Verein „Über den Tellerrand“ in seinen Räumen in Schöneberg. Die Geschichte des Vereins ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einer simplen Idee etwas Großes entstehen kann. „Alles hat damit angefangen, dass vier Studenten aus Berlin 2013 ein Projekt für die Uni machen wollten, bei dem es darum ging, Geflüchtete und ihre Geschichten über das Essen kennenzulernen“, sagt Ina Peppersack, die im Vorstand des Vereins ist. Die vier Studenten gingen auf den Oranienplatz in Kreuzberg, damals Standort eines Flüchtlingscamps, und fragten die Geflüchteten nach Rezepten aus ihrer Heimat. Daraus entstand das erste von bisher drei Kochbüchern, und „schnell die Idee, Kochkurse von Geflüchteten zu veranstalten, um Begegnungen zu schaffen und Vorurteile abzubauen“, sagt Ina.

Dass es durch das Kochen sehr viel einfacher wird, Menschen über alle kulturellen und sprachlichen Differenzen hinweg zu vereinen, ist beim Kochkurs der vier Syrer gut mitzuerleben. Auf die Sprache kommt es nicht an. Denn beim Kochen werden andere Sinne angesprochen, Geschmäcker, Gerüche, Geräusche und Gesten. „Das Kochen überwindet Grenzen, man unterhält sich mit Händen und Füßen, teilt Erfahrungen, hat ein gemeinsames Projekt und am Ende ein gemeinsames Ergebnis, wenn das Essen auf dem Tisch steht. Das funktioniert verdammt gut“, sagt Christian, während er Hummus auf seinen Teller häuft.

„Über den Tellerrand“ steht heute nicht mehr allein für Kochbücher und Kochkurse von Geflüchteten. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Bücher und den Kursen hat der Verein ein breites Begegnungsangebot für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung geschaffen. „Durch die Kochkurse haben wir gemerkt, wie organisch Gemeinschaften beim Kochen entstehen können, diese Idee haben wir dann in viele weitere Bereiche getragen“, erklärt Ina.

Studenten von der UCLA aus Kalifornien/USA lernen beim Kochworkshop von Geflüchten.
Studenten von der UCLA aus Kalifornien/USA lernen beim Kochworkshop von Geflüchten.Foto: Foto: Thilo Rückeis

Ein sehr erfolgreiches Projekt des Vereins ist „Kitchen on the run“ – eine fahrende Küche im Schiffscontainer, mit dem der Verein durch ganz Europa tourt, um Menschen durch das Kochen zusammenzubringen und darüber hinaus Strukturen zu schaffen, mit denen vor Ort weiterhin Begegnungsveranstaltungen organisiert werden können. „Dafür haben wir eine Toolbox entwickelt, mit Leitfäden für Förderanträge oder wie man ein Event organisiert“, sagt Ina. „Außerdem bieten wir auch Beratungen an.“ Immer wieder komme es auch vor, dass Menschen, die bei einem Kochkurs in Berlin dabei waren, so begeistert seien, dass sie Ähnliches zu Hause machen wollten. In München gibt es sogar ein Café Über den Tellerrand, in dem Gäste speisen können, in dem aber auch Kochkurse und Sprachveranstaltungen stattfinden.

In ihren Kiez in Schöneberg, unweit des S-Bahnhofs Julius-Leber-Brücke, sind die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter bestens integriert. So hat man mit dem nahegelegenen Bio-Supermarkt eine Kooperation. Und im Cheruskerpark gleich um die Ecke hat der Verein einen urbanen Garten mit Kräutern und Gemüse angelegt. Das stilvoll eingerichtete „Kitchen-Hub“ ist, dank eigens von Studenten der TU Berlin angefertigten multifunktionalen Tischen, zugleich Büro, Küche und Veranstaltungsort. Zudem organisiert der Verein regelmäßig Begegnungen, ob „Stricken und Häkeln für Frauen“, Kleidertausch oder die „50 Plates of ...“-Kochveranstaltungen, bei denen es um die vielfältigen Zubereitungsvarianten einer einzelnen Zutat geht. Im Rahmen der „Gemeinsamen Sache“ will der Verein am 14. September ein solches Event veranstalten.

Unterstützung steht im Zentrum der Projekte

Bei all diesen beeindruckenden Aktionen bleiben die Geflüchteten die wichtigsten Akteure. Sie finden im Verein einen Ort, an dem sie neue Kontakte in einer fremden Stadt finden können und ihnen Wertschätzung entgegengebracht wird, weil es auf ihre Fähigkeiten und ihr Wissen ankommt. Ein Job-Buddy-Programm unterstützt sie auch beim Wiedereinstieg ins Berufsleben.

Moder berichtet von den Strapazen seiner Flucht aus Aleppo über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Berlin. Für ihn braucht es das Job-Buddy-Programm aber nicht mehr. „Ich war Arabischlehrer“, sagt der 34-Jährige. „Durch Über den Tellerrand habe ich nicht nur viele wunderbare Freunde kennengelernt, sondern auch einen neuen Beruf.“ Ihn hat es nach vier Jahren als Kochleiter in der Gastronomie gehalten. Im September eröffnet er seine eigene arabische Tapasbar in Kreuzberg. „Das habe ich auch Über den Tellerrand zu verdanken“, sagt er. Könnte Integration besser verlaufen?

Mehr Infos: ueberdentellerrand.org

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