Gekauft: Das Kriegertuch

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Koloniale Raubkunst : Berlins verfluchte Schätze
Kriegertuch aus dem Nordosten Indiens.
Kriegertuch aus dem Nordosten Indiens.Foto: Thilo Rückeis

Woher? Naga-Land im Nordosten Indiens

Wer waren die Vorbesitzer? Ao Naga, Volksgruppe im Nordosten von Naga-Land

Von wem erworben? Otto Ehrenfried Ehlers

Wann nach Berlin gekommen? 1896.

Wie viel für das Kriegertuch aus Naga-Land im Nordosten Indiens gezahlt wurde, ist nicht bekannt. Man darf aber annehmen: viel zu wenig. Auch von wem genau es stammt, lässt sich nicht mehr sagen. Die Eingangsbücher des Ethnologischen Museums verraten nur, dass es über den Forschungsreisenden Otto Ehrenfried Ehlers 1896 in die Berliner Sammlungen gelangte.

Vermutlich hat es der deutsche Forscher von dem britischen Teeplantagenbesitzer S. E. Peal übernommen, der gute Kontakte zum Bergvolk der Naga unterhalten haben soll, einer Minderheit, deren  Mitglieder in Dorfgemeinschaften zusammenlebten. Von dem Briten stammt noch so manch anderes Objekt in den Dahlemer Depots, Helme, Körbe, Ohrgehänge, die er im Auftrag der Museumsleute erwarb.

Trotzdem ist es merkwürdig, dass sich der ursprüngliche Besitzer von einem so prestigeträchtigen Zeremonialobjekt wie dem Kriegergewand getrennt haben soll. Schließlich erhielten dieses „Männertuch“, als das es heute eher neutral in der Online-Datenbank der Preußenstiftung geführt wird, nur erfolgreiche Kopfgeldjäger.

Zumindest aber muss man an einer solchen Jagd teilgenommen haben, glaubt der Ethnologe Roland Platz, der das 170 mal 145 Zentimeter große tiefblaue Baumwoll-Textil ins Zentrum seiner Präsentation über die Naga rücken will.

"Den kolonialen Hintergrund müssen wir mitdenken"

„Wir können ausschließen, dass es geraubt wurde“, sagt Platz, der Leiter der Sammlung Süd /Südostasien des Museums ist. „Den kolonialen Hintergrund aber müssen wir mitdenken.“ Als das Tuch den Naga Ende des 19. Jahrhunderts abgekauft wurde, lag die gewaltsame Unterwerfung durch die Briten zwar schon ein paar Jahrzehnte zurück, doch die Kolonialherrschaft endete erst 1947. Platz vermutet, dass das Tuch von einer christianisierten Familie stammt, die dem bei rituellen Tänzen getragenen Gewand keinen großen Wert mehr beimaß.

Über das aus Kaurischnecken gebildete Muster lässt sich ebenfalls nur spekulieren. Das Tuch wurde vermutlich so über die Schulter geschlagen, dass die Ecke mit der Darstellung einer kleinen menschlichen Figur vorne zu sehen war und die darunter befestigten Federn des heute fast ausgestorbenen Nashornvogels, der für die Naga besondere Bedeutung besaß, auf der Brust des Trägers lagen.

Das Berliner Kriegertuch der Naga ist ein Prachtstück seiner Art, in der Region gibt es heute keine mehr. Noch entwickelt Platz die Präsentation im Humboldt Forum – zusammen mit einer Fotokünstlerin und Wissenschaftlerin aus der Region als Co-Kuratorin.

Das Thema Kopfgeldjagd soll kleingehalten werden, den Berliner Ethnologen interessiert viel mehr, welche Bedeutung das Tuch aktuell für die Naga besitzt. Der ungebrochene Widerstandsgeist der Minderheit, die nunmehr gegen den indischen Staat opponiert, fasziniert ihn.

Als zwei Stammesvertreter ihn besuchten, war aber keine Rede davon, dass das Tuch zurückgegeben werden soll. Die beiden Naga freuten sich, das Stück in Berlin sicher zu wissen. Über die Art der Präsentation wollen sie jetzt allerdings mitreden.

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