Geplündert: Die Grabbeigabe

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Koloniale Raubkunst : Berlins verfluchte Schätze
Maske aus dem Südwesten Alaskas.
Maske aus dem Südwesten Alaskas.Foto: Thilo Rückeis

Woher? Chenega-Island im Südwesten Alaskas

Vorbesitzer? Chugach, Einwohner der Region Kenai-Halbinsel und Prince William Sund

Von wem erworben? Johan Adrian Jacobsen

Wann nach Berlin gekommen? 1884.

Johan Adrian Jacobsen war wahrlich kein Wissenschaftler. Eher selbst ernannter Kapitän, ein Abenteurer. Aber einer mit offiziellem Auftrag: Adolf Bastian, Gründungsdirektor des Königlichen Museums für Völkerkunde, schickte den gebürtigen Norweger zwischen 1882 und 1884 an die Nordwestküste Amerikas, um dort Objekte von indigenen Kulturen für Berlin einzusammeln.

Und Jacobsen nahm mit, was er kriegen konnte. Plünderte sogar. Denn die Indianer und ihre Kultur, dachte man damals noch, seien ja ohnehin dem Untergang geweiht. Zumindest ihre Artefakte sollten in den europäischen Museen überleben.

Monika Zessnik, Kuratorin der Nordamerika-Sammlung, hat seine Methode analysiert. „Jacobsen hat auf Masse gesammelt“, sagt sie. Unter seinem Namen werden in den Eingangsbüchern mehr als 7000 Nummern geführt.

Die meisten Objekte mag der Haudegen gekauft haben, vermittelt durch Missionare und Handelsvertreter. Doch in seinem 1884 auf Deutsch erschienenen Reisebericht steht auch anderes. Darin brüstet er sich damit, wie er sich Grabbeigaben von der Chenega-Insel und dem heute unbekannten Ort Sanrada aneignete: indem er die Gräber aufbrach und plünderte, darunter drei Masken, eine Kinderwiege und ein Holz-Idol.

Die Masken wirken, als wären sie Helmträger. Unter dem tief über die Nase gezogenen Schutz fallen die schrägen Münder auf. Das könnte Trauer bedeuten, vermutet Monika Zessnik und legt das in der Mitte gebrochene Stück vorsichtig zurück in den Karton.

Keine genehmigte archäologische Grabung

Der Fall liegt klar, die Grabbeigaben sind Diebesgut. Oder, wie es die Preußenstiftung in ihrer Mitteilung Ende 2017 etwas umständlicher formulierte: Sie stammen aus keiner genehmigten archäologischen Grabung.

Erstmals in der Geschichte der Stiftung erklärte sie sich bereit, auf Bitten von Nachfahren Objekte aus den Ethnologischen Sammlungen zu restituieren. Im Jahr 2000 wurde zwar das 15 Kilo schwere Fragment einer steinernen Vogelskulptur aus Simbabwe als Dauerleihgabe zurückgegeben, doch nicht weil es unrechtmäßig erworben wurde, sondern weil es ein Wappentier des Landes ist.

Damals war es eine freundliche Geste, heute ist es ein offizieller Akt. 2015 hatte eine Delegation der Chugach Alaska Corporation erstmals Kontakt mit dem Museum aufgenommen. Die Vertreter der Native People der Chugach-Region befanden sich auf Europareise zu den verschiedenen Museen, um eine 3-D-Ausstellung ihrer verloren gegangenen Kultgegenstände zu erarbeiten. Dabei stießen sie auf die Raubstücke von Johan Adrian Jacobsen.

Zwei Jahre später, im Frühjahr 2017, lag die formelle Anfrage vor, im Dezember stimmte der Stiftungsrat zu. Diese Woche haben per Skype erste Gespräche darüber begonnen, wie die Übergabe der insgesamt neun Objekte erfolgen soll.

„Die Restitution ist kein Schlussstrich, sondern der Beginn einer Kooperation“, sagt Monika Zessnik. Ab Frühsommer werden die 200 Chugach-Objekte für das virtuelle Museum in Alaska eingescannt. Die Kuratorin schlägt vor, dass die Chugach-Präsentation – nachdem sie auf der Wechselausstellungsfläche im Humboldt Forum zu sehen war – auch in Alaska gezeigt werden könnte.

Gut möglich, dass es nicht die letzten Kunstgegenstände sind, die sich der Stamm der Chugach zurückholt. Seit der Ölkatastrophe vor mehr als 25 Jahren an der Küste Alaskas, dem Untergang des Tankers „Exxon Valdez“, besitzt die Chugach Alaska Corporation genügend Geld aus Wiedergutmachungszahlungen, um sich auf die Suche nach Kulturobjekten in Europa zu machen und sie in ihrer Heimat wieder in Erinnerung zu rufen.

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