Geraubt: Die Amulettschale

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Koloniale Raubkunst : Berlins verfluchte Schätze
Amulettschale aus dem heutigen Tansania.
Amulettschale aus dem heutigen Tansania.Foto: Thilo Rückeis

Woher? Südlicher Teil des heutigen Tansania

Wer war der Vorbesitzer? Hassan bin Omari, Sklavenhändler und Warlord

Von wem erworben? Leutnant Hans Glauning

Wann nach Berlin gekommen? 1896.

Es war ihr dann doch etwas unheimlich, als die mysteriöse Inschrift endlich übersetzt war. Paola Ivanov ist die Kuratorin der Afrika-Sammlung des Ethnologischen Museums und als solche zuständig für eine Metallschale aus dem tansanischen Kilwa. Sie wusste, dass die Schale einst dem Sklaven- und Elfenbeinhändler Hassan bin Omari gehört hatte, der von deutschen Truppen 1895 gehängt wurde.

Was es damit auf sich hatte, wusste sie nicht. In der Eingangskarteikarte des Museums hatte noch gestanden „Gongartiges Musikinstrument aus Messing mit anscheinend sinnlosen Zauberformeln in arabischer Schrift“.

Nun fanden muslimische Gelehrte heraus, dass es sich bei der Inschrift um eine Koransure handelt. Sie lautet: „(Doch) die große Masse wird geschlagen werden, und sie werden den Rücken kehren (und fliehen). Die Stunde (des Gerichts) ist die Zeit, die ihnen gesetzt ist. Und die Stunde (des Gerichts) ist noch unheilvoller und bitterer.“

Mehr als 100 Jahre lag die Schale vergessen im Depot des Berliner Museums. Paola Ivanov hat sie zufällig entdeckt, weil sie auf der Suche nach Beispielen für internationale Handelsbeziehungen mit Ostafrika war. Genauer: nach importierten Waffen – und so auf das „Kriegsblech“ gestoßen war. Produziert wurde die Schale vermutlich in Indien.

"Rassistisches Stereotyp"

„Afrika war nie isoliert in Zeit und Raum. Das ist ein rassistisches Stereotyp“, sagt die Ethnologin. Zusammen mit anderen Beutestücken aus den Mavuji-Höhlen, wo sich der mächtige Händler bin Omari mit seinen Truppen zuletzt vergeblich zu verstecken suchte, war die Schale nach Berlin abtransportiert worden. Zuvor hatten die deutschen Truppen noch seine umliegenden Dörfer niedergebrannt.

Die einem Fluch ähnelnden Koranverse hatten bin Omari nicht schützen können. Doch nun sind sie wieder in der Welt.

Ivanovs Interesse jedenfalls war geweckt, und aus der Schale wurde ein hoch kompliziertes Stück Provenienzforschung. Die Fortschritte werden im Projekt „Tansania/Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?“ dokumentiert, an dem auch Wissenschaftler der Universität Daressalaam beteiligt sind.

Mit ihrer Kollegin Lili Reyels machte sich Ivanov dafür auf den Weg nach Tansania, um mit Forschern, Ortsbewohnern, sogar einer Ururururenkelin bin Omaris zu sprechen. In Kilwa stießen sie auf einen Ort namens „Mangobaum des Henkers“, genau dort, wo bin Omari gehängt worden war. Bin Omari hatte sich gegen den Vormarsch der Deutschen gewehrt, weil er um seine eigenen Karawanenrouten fürchtete. Dass er neben Elfenbein auch mit Sklaven handelte, diente Gouverneur Hermann von Wissmann als Vorwand für sein Todesurteil.

Heute steht dort ein Denkmal, das ihm und seinen Gefolgsleuten sowie den Opfern des Maji-Maji-Krieges gewidmet ist, der mit 300 000 Toten als einer größten Kolonialkriege auf dem Kontinent gilt. Zusammen mit tansanischen Künstlern und Mitarbeitern des Museum of Tanzania entwickelten Ivanov und Reyels vor Ort eine Ausstellung über die gemeinsame unheilvolle Geschichte. Im Humboldt Forum soll sie ihre Fortsetzung finden. Der Austausch fängt gerade erst an.

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