Geschenkt? Der Fächer des Oba

Seite 6 von 6
Koloniale Raubkunst : Berlins verfluchte Schätze
Fächer aus dem heutigen Nigeria.
Fächer aus dem heutigen Nigeria.Foto: Thilo Rückeis

Woher? Königreich Benin im heutigen Nigeria

Wer war der Vorbesitzer? Oba Ovonramwen, 1888 bis 1897 Herrscher im Königreich Benin

Von wem erworben? Max von Stefenelli

Wann nach Berlin gekommen? 1908.

Wofür genau der Fächer verwendet wurde, wissen sie noch nicht. Ob er nun ein Ritualobjekt war oder ein persönliches Requisit? Sicher ist aber, dass er Oba Ovonramwen gehörte, dem einstigen Herrscher des Königreichs Benin. Denn das Leopardenfell, mit dem der Wedel überzogen ist, galt als Zeichen des Oba, ihm allein war die Verwendung vorbehalten.

Jonathan Fine hofft bis zur Eröffnung des Humboldt Forums noch mehr über den Fächer herauszufinden, der dort in der Afrika-Abteilung zu sehen sein wird. Für den Kurator des Ethnologischen Museums ist das mit roten Filzmotiven – zwei sechszackige Sterne und zwei Tiersymbole – geschmückte Stück vor allem ein Beleg, dass die Geschichte Benins sehr viel komplexer ist als häufig dargestellt. Und keineswegs mit der brutalen Eroberung des Königreichs durch die Briten im Jahr 1897 endet.

Damals plünderten englische Kolonialsoldaten im Zuge einer „Strafexpedition“ das Königshaus und ermordeten Hunderte  Männer und Frauen. Als Kriegsbeute ließen sie Elfenbein, Messingplatten und -köpfe mitgehen, mehr als 2000 Stück. Von London aus gelangten sie in den internationalen Handel.

Allein Felix von Luschan, Direktor der Afrika-Abteilung des Berliner Völkerkundemuseums, ersteigerte auf einer Auktion in London rund 600 Objekte. Unter den Museen begann ein regelrechter Wettstreit insbesondere um die herrschaftlichen Gedenkköpfe, die einst im königlichen Palast von Benin auf Altaren gestanden hatten. Zur Erinnerung an einen verstorbenen König.

Zerstörung eines Königreichs

Die sogenannten Benin-Bronzen – wo auch immer sie heute in den Museen stehen – sind also meist Raubkunst. Sie repräsentieren nicht nur eine Hochkultur, sondern zugleich das Unrecht, das den Menschen damals widerfuhr, die Zerstörung eines jahrhundertealten Königreichs.

Doch Jonathan Fine möchte die Geschichte weitererzählen. Sie setzt sich auch nach der Kolonialisierung durch die Briten fort. Der Leopardenfächer und einige andere Objekte wurden vom abgesetzten Oba, der im Exil weiter Hof hielt, selbst veräußert, 1904 oder 1905 dem deutschen Sammler Max von Stefenelli womöglich geschenkt. Der lieferte sie drei Jahre später beim Berliner Ethnologischen Museum ab, mit dem er ohnehin Geschäfte machte. Mehr als 160 Objekte kaufte das Museum ihm laut Bestandskatalog ab.

Besonders ist der Fall des Fächers in Jonathan Fines Augen vor allem, weil sich später ein Austausch mit dem Oba entwickelte. Direktor von Luschan bat seinen Mittelsmann Stefenelli, ein Interview mit dem Herrscher zu führen, um Auskunft über einzelne Objekte zu erhalten.

Stefenelli schickte sogar einen Bericht zurück nach Berlin, doch im Museum ist der heute nicht mehr aufzufinden. Fine hofft nun, dass er eines Tages wieder auftaucht – wie so manches in den vergangenen Jahren.

„Der Fächer wirft ein anderes Licht auf die Geschichte“, sagt Fine. „Der Oba schien offensichtlich an der Interpretation der Objekte und deren Geschichte interessiert gewesen zu sein.“ Für ihn demonstriert der Fächer, wie der Herrscher versuchte, mit seinen ihm verbliebenen Schätzen weiterhin selbstbestimmt umzugehen.

Der Fächer jedenfalls bleibt in Berlin. Dass Fine deswegen kolonialistisches Denken vorgeworfen wird, kränkt ihn als Sprecher der Provenienzforschungsgruppe, zu der neun Kuratoren, Museologen, Restauratoren gehören. Die Debatte um eine Rückgabe sei eher eine innereuropäische Diskussion, meint er. Und dass die afrikanischen Partner mal wieder zu wenig einbezogen würden.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben