Getauscht: Der Jaguarschemel

Seite 5 von 6
Koloniale Raubkunst : Berlins verfluchte Schätze
Jaguarschemel aus Venezuela.
Jaguarschemel aus Venezuela.Foto: Thilo Rückeis

Woher? Mauakúnya, Venezuela

Vorbesitzer? Ye’kwana, indigener Volksstamm im Amazonsgebiet

Von wem erworben? Theodor Koch-Grünberg

Wann nach Berlin gekommen? 1914.

Der Jaguarschemel liegt schwer im Arm. Andrea Scholz nimmt ihn vorsichtig aus dem Regal der Südamerika-Abteilung im Dahlemer Depot. Gut zehn Kilogramm mögen es sein, die der gerade einmal 23 Zentimeter hohe und 66 Zentimeter breite Hocker aus dem besonders harten Tropenholz wiegt.

Wie zum Sprung bereit hat die Raubkatze ihre Vorder- und Hinterbeine gekrümmt, der Kopf ist nur grob abstrahiert dargestellt. Zu erkennen ist das Tier trotzdem. Einem Schamanen der Ye’kwana aus dem Amazonasgebiet im Süden Venezuelas hat er einstmals gehört. Der Sage nach konnte er sich in einen Jaguar verwandeln, wenn er darauf saß, und so die bösen Geister vertreiben, die die Dorfgemeinschaft bedrohten.

Der Schemel war ein Symbol der Macht des Schamanen. Ging dieses hohe Amt etwa aus Altersgründen auf den Nächsten im Stamm über, verlor auch das rituelle Möbel seine besondere Bedeutung. Jeder Geistheiler erhielt seinen eigenen hölzernen Sitz, der nur ihm gehörte und allein von ihm bei Ritualen benutzt werden durfte. Ein Tauschgeschäft Anfang des 20. Jahrhunderts brachte ihn nach Berlin.

Kein gewöhnliches Museumsstück

Der Berliner Jaguarschemel besitzt auch ein Jahrhundert später noch eine gewisse Macht. So unverstellt und gut sichtbar, wie ihn die Ethnologin Andrea Scholz in Händen hält und vorsichtig auf einem Tisch zwischen all den Schränken im Dahlemer Depot absetzt, wird er für die künftigen Besucher des Humboldt Forums nicht mehr zu sehen sein.

In Zusammenarbeit mit Vertretern der Ye’kwana hat die Wissenschaftlerin eine ungewöhnliche Präsentationsform erarbeitet, die den Schemel vor direkten Blicken schützen soll. Er wird nur noch vage hinter einer Folie zu erkennen sein, denn den Ye’kwana widerstrebt es, das frühere Kultobjekt wie ein gewöhnliches Museumsstück vorzuführen.

Im Gegenzug sprachen die Stammesvertreter erstaunlich offen darüber, wie sich aus ihrer Sicht der mystische Wandel des Schamanen in einen Jaguar erklären lässt und wollen dies dem Publikum nun näherbringen.

Der indigene Regisseur Saúl Kuyujani López wird dafür mit den Ye’kwana einen Film drehen, sogar Interviews führen mit einem direkten Nachfolger des Schamanen, von dem der Schemel stammt. Um den spirituellen Prozess anschaulich zu machen, werden sich die Genres mischen, soll ein Mix aus Dokumentations- und Animationsfilm entstehen.

"Beziehungsstiftendes Moment"

„Wir wollen Handlungsräume schaffen. Die Sammlung lässt sich nutzen als beziehungsstiftendes Moment“, sagt Andrea Scholz. Neben der Vitrine mit dem „verborgenen“ Schemel wird außerdem ein ausgestopfter Jaguar aus dem Naturkundemuseum aufgestellt, ein Tribut an die von Gründungsintendant Neil MacGregor gewünschte Einbeziehung der verschiedenen Sammlungen in der Stadt – auch wenn diese überdeutliche Anspielung der Kuratorin eigentlich nicht behagt.

Dass man heute noch den Vorbesitzer des Hockers kennt und deshalb mit seinem Nachfolger Kontakt aufnehmen kann, ist eine Ausnahme und dem Reisebericht von Theodor Koch-Grünberg zu verdanken. Er besuchte 1912 das Gebiet der Ye’kwana und hielt seine Erinnerungen fünf Jahre später unter dem Titel „Vom Roroima zum Orinoko“ fest.

Darin beschreibt er auch seinen Besuch im Dorf Mauakúnya, wo er sich länger aufhielt und „dem alten Zauberarzt“ begegnete. Und wie er an dessen Sitz kam: „Er macht mir seinen Abschiedsbesuch, verkauft mir für eine Schere seinen großen Jaguarschemel und für Schrot ein dickes Bündel Tabak und fährt mit seiner ganzen Familie unter Tuten auf einer Meerschnecke flußabwärts zu seiner Wohnung am oberen Ventuari.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben