Kolumne „Darüber reden“ : Sätze, die eine Magersüchtige nie mehr hören will

Worte können verletzen – oder helfen. Hier berichtet eine ehemals essgestörte Berlinerin, wie sie angesprochen werden möchte.

Grafik: Tsp

Lea Gericke, 31, war lange magersüchtig. In dieser Zeit hat sie viele Ratschläge und Kommentare zu hören bekommen - mit sehr unterschiedlicher Wirkung.

"Iss doch mal was!"
Ich war 14, als ich in die Magersucht reingerutscht bin. Ich habe mich in meinem Körper total unwohl gefühlt, gerade im Vergleich zu anderen Jugendlichen. Ich dachte: Wenn ich hübscher und schlanker bin, ist das alles anders. Ich habe angefangen abzunehmen, habe immer selektiver gegessen, immer weniger. Natürlich ist das meiner Familie aufgefallen, erreicht hat sie mich aber nicht. „Du musst halt essen. Warum isst du nichts?“ – das war die Prämisse meines Vaters. Oder meine Oma: „Du musst doch was essen, Kind!“ Das ist alles total kontraproduktiv.

"Hast du jemanden, der für dich mal was Leckeres kocht?"
So lautete ein lieb gemeintes Angebot von einem Erwachsenen. Dem war schon klar, dass es bei mir nicht um leckeres Essen geht. Aber er hat diese Worte gewählt, weil er mir eine Brücke bauen wollte. Aber das ist an mir abgeprallt. Bei Essstörungen ist man ganz schnell in seinem eigenen Film und denkt: „Die können mir alle gar nichts.“ Ich wollte nicht in mich hineinhorchen. Ich wusste ja selber nicht, was mit mir ist – wie sollte ich also darüber sprechen? Mit meinen Eltern war es immer ein Machtkampf: pushen, fördern, mit der Klinik drohen, Verständnis zeigen, Therapie organisieren.

"Wie geht es dir? Wie geht es dir wirklich?"
Zuallererst hilft Menschen das Angebot, einfach zuzuhören. Man kann niemanden zwingen, sich zu öffnen. Aber man kann immer wieder das Angebot machen, für sie da zu sein. Mir hat am Ende eine Hypnosetherapie geholfen, eine Verhaltenstherapie, ein 450-Euro-Job, ein Tanzkurs. Da ging es langsam bergauf. Du musst es selber wollen, du musst es selber tun. Kein Mensch kann für dich essen. Aber es ist ein Irrglaube, zu denken, dass man es alleine schafft. Je mehr positive, lebensbejahende Erfahrungen du machst, desto mehr bestärkt es dein gesundes Ich. Mit jedem Kilo kommt ein bisschen Leben zurück.

Lea Gericke leitet eine Selbsthilfegruppe für Magersüchtige und schreibt ein Buch über ihre Erfahrungen. Bei Instagram berichtet sie von diesen Projekten hier.

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