Kolumne: Fallstricke des Alltags : Darf man zu Verabredungen früh kommen?

Ein Freund empfindet es als unhöflich, wenn man zu früh zum gemeinsamen Skatabend erscheint. Ein anderer Freund empört sich darüber. Unsere Kolumnistin weiß Rat.

Unpünktlich ist nicht nur derjenige, der zu spät kommt, sondern natürlich auch der zu früh Kommende.
Unpünktlich ist nicht nur derjenige, der zu spät kommt, sondern natürlich auch der zu früh Kommende.Foto: Kai-Uwe Heinreich

"Seit vielen Jahrzehnten treffen wir uns alle sechs Wochen regelmäßig reihum bei jedem der Teilnehmer von 17 bis 22.20 Uhr zum Skat - einschließlich Beköstigung durch den jeweiligen Gastgeber. Von denen empfindet es einer als unhöflich, wenn man aufgrund der schwer kalkulierbaren Fahrtdauer im Berufsverkehr gelegentlich einige Minuten vor 17 Uhr bei ihm Einlass begehrt. Dieser Vorwurf wiederum empört einen meiner Mitspieler, der es für nicht zumutbar hält, in seinem Auto bis 17 Uhr vor der Tür warten zu müssen." - Martin, spielfreudig

Das Problem ist wohl vielschichtiger, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Zum einen lässt die Schlusszeit, 22.20 Uhr, darauf schließen, dass Ihnen allen ein festes zeitliches Korsett wichtig ist. Denn sonst würde man doch die Drinks in aller Ruhe leeren und sich rund um 22.30 Uhr allmählich auf den Weg begeben. Freunde verbringen ja auch deshalb gern Zeit miteinander, weil sie einander ähnlich sind im Temperament, in ihren Interessen und in Ihren Prioritäten.

Unpünktlich ist nicht nur der Verspätete

In Ihrem Kreis scheint zeitliche Exaktheit wichtig zu sein. Unpünktlich ist danach nicht nur derjenige, der zu spät kommt, sondern natürlich auch der zu früh Kommende. Wenn es tatsächlich darum geht, im Auto ein paar Minuten vor der Tür zu warten, halte ich das unter diesen Umständen für zumutbar. Vielleicht sind die Snacks erst in letzter Minute fertig, vielleicht möchte der Gastgeber nicht vor der Zeit bei Aufräumarbeiten gestört werden.

Wenn er von sich aus auf ein pünktliches Erscheinen Wert legt, dann sollte man das respektieren, wenn man an der Runde gern weiter teilnehmen möchte. Jedem steht es natürlich frei, das spießig zu finden und einfach wegzubleiben.

Die Kategorien „höflich“ oder „unhöflich“ würde ich in dem Zusammenhang gar nicht bemühen. Es geht ja schließlich nur um einen persönlichen Wunsch, der leicht erfüllt werden kann.

Kommt einer der Skatbrüder allerdings bei Wind und Wetter mit öffentlichen Verkehrsmitteln angereist und hat keine Wahl, als entweder vor der Zeit zu klingeln oder aber sich bis auf die Haut durchnässen zu lassen, sollte ein Gastgeber in sich gehen und prüfen, ob man dem Gefährten vielleicht zur Überbrückung der Zeit einen kleinen Hocker in der Ecke des Flures anbieten könnte. Der Freundschaft wäre das allemal zuträglich. Und es würde auch die Gefahr verringern, sich bei ihm später mit einer Erkältung anzustecken.

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