Kolumne "Fallstricke des Alltags" : Einen Gruß wert

Noch immer Grußkarten schreiben, auch wenn Sie gar nicht mehr gewünscht werden? Unsere Kolumnistin weiß Rat.

Weihnachtskarten schreiben? Nicht jedem bereitet man damit eine Freude.
Weihnachtskarten schreiben? Nicht jedem bereitet man damit eine Freude.Foto: dpa

Ich gehöre zu den Menschen, die alten Bekannten zu Weihnachten Grußkarten schreiben. Im letzten Jahr habe ich zwei merkwürdige Reaktionen darauf bekommen. Die eine von einem mir bekannten Unternehmer legte subtil nahe, ich schriebe nur, um ein Geschenk zu bekommen, die andere vom Ex-Trainingspartner, dass es keinen Sinn habe, nur Weihnachtsgrüße zu schreiben, wenn man sonst gar nicht mehr miteinander zu tun habe. Soll ich es ganz lassen? - fragt Maren

Es ist immer wieder erstaunlich zu hören, worüber sich die Menschen so aufregen können. Wer eine Weihnachtskarte im Briefkasten findet, könnte sich doch einfach nur freuen, dass ein anderer Mensch an ihn gedacht hat, dass aus einer Zeit, in dem man gemeinsame Projekte, Interessen oder Freizeitaktivitäten miteinander teilte, auch nach Jahren Erinnerungen übrig sind, die jemandem eine Briefmarke und eine Grußkarte wert sind. Das müssen doch positive Gefühle sein, die da im Spiel sind.

Dass der Unternehmer merkantil denkt und Ihnen ein offensichtlich nicht vorhandenes Haben-wollen-Motiv unterstellt, ist verständlich. Seinem Geschäftserfolg ist diese Art, die Welt zu betrachten sicher zuträglich. Man könnte sagen, dass er aber auch arm dran ist, wenn er den Leuten nicht zutraut, ihn ohne Hintergedanken zu mögen. Wenn Sie wirklich allen Verdacht abschütteln und trotzdem in Kontakt bleiben wollen, schreiben Sie einfach zum 1. Januar. Dann ist die Saison der Geschenke eh vorbei.

Was den zweiten Einwand zur Sinnhaftigkeit von Weihnachtgrüßen betrifft, sehe ich das ganz anders. Es gibt im Zusammenhang mit den Festtagen viele Rituale, die anstrengend und zeitaufwendig und manchmal auch nicht recht nachvollziehbar sind. Warum zum Beispiel stehen zu einer Zeit, in der ein Festessen das nächste jagt, überall auch noch bunte Teller mit schweren Süßigkeiten herum? Sehr unökonomisch! Im Februar hat man da vielleicht viel mehr Appetit drauf. Weihnachten ist tatsächlich ein schöner Anlass, Menschen zu sagen, dass man gute Erinnerungen mit ihnen verbindet. Gerade wenn man sich nicht mehr sieht, ist es doch ein schönes Gefühl zu wissen, dass die Lebenszeit, die man einem anderen Menschen gewidmet hat, nicht verloren ist.

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