Kolumne Sonntagsfragen : Wünscht man "Guten Appetit" bei Kaffee und Kuchen?

Wenn Baiser und Baumkuchen keine echte Mahlzeit sind, was sagt man dann? Unsere Kolumnistin weiß Rat.

Des Deutschen liebste Nicht-Mahlzeit: Kuchen.
Des Deutschen liebste Nicht-Mahlzeit: Kuchen.Foto: Mike Wolff

Menschen, die nachmittags bei Kaffee und Kuchen zusammensitzen, wünschen sich neuerdings öfter mal „Guten Appetit“, bevor ihre Kuchengabeln in die Torten dringen. Mir hingegen fällt in dieser Situation die Kuchengabel fast immer aus der Hand. Ich wünsche „Guten Appetit“ nur zu echten Mahlzeiten, aber nicht zum Baiser oder zum Baumkuchen. Habe ich die Zeichen der neuen Zeit nicht erkannt? Wäre es eine Alternative zu sagen: „So lasst euch den Kaffee und den Kuchen nun gut schmecken.“ - fragt Georg.

Gute Wünsche sind nie verkehrt. Aber wenn man sie in Floskeln verpackt, klingen sie leicht etwas abgestanden. Dann ist von den Empfängern auch das Ausmaß der Aufrichtigkeit, das drinstecken mag oder auch nicht, schwer abzuschätzen. Besser man überlegt sich individuelle Formulierungen, weil die von vornherein persönlicher und zielgerichteter wirken. Ihr Vorschlag klingt schon ganz gut, vielleicht noch etwas zu feierlich.

Früher galt ein kurzes „Mahlzeit“ als korrekter Mittagsgruß, etwa in der Kantine. Das ist schon länger vorbei, wirkt inzwischen altbacken bis geradezu uncool. Mal abgesehen davon, dass man sich den guten Wunsch in diesem Fall auch noch dazu denken muss. „Guten Appetit“ kann man immer noch unkompliziert bringen, und ich würde die Kaffeetafel davon nicht ausnehmen, selbst wenn Kuchen und Gebäck das Wasser ganz automatisch im Munde zusammenlaufen lassen.

"Genieß es!"

Von einer Fake-Mahlzeit kann man da doch auch nicht reden, im Gegenteil, hier können leicht mehr Kalorien konsumiert werden, als bei einem leichten Lunch. Das kurze amerikanische „Enjoy!“ als frische Alternative hat bereits einen kleinen Siegeszug angetreten in der deutschen Variante: „Genießt es!“ Das klingt fast noch plausibler als „Guten Appetit“ oder gar „Guten Hunger“.

Es lohnt sich immer mal wieder drüber nachzudenken, was alltägliche Floskeln eigentlich bedeuten – und sie dann zu variieren. So schafft man viel mehr Aufmerksamkeit und trägt insgesamt zu einer freundlicheren Atmosphäre bei. Schließlich zeigen Sie so, dass Sie Ihre Mitmenschen wirklich wahrnehmen und ernsthaft mit ihnen kommunizieren wollen.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an: meinefrage@tagesspiegel.de

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