Kommerz und steigende Mieten : Berlin-Botschafter muss seine Wohnung räumen

Tim Roeloffs feierte, arbeitete, lebte im Tacheles - und machte Berlin zum Kunstwerk. Jetzt muss er wohl ausgerechnet die Stadt verlassen, die ihn zu ihrem Botschafter gekürt hat.

Die Wohnung wurde gekündigt, der Vertrag fürs Atelier in Prenzlauer Berg nicht verlängert.
Die Wohnung wurde gekündigt, der Vertrag fürs Atelier in Prenzlauer Berg nicht verlängert.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Supermodels trugen seine Collagen, gedruckt auf kurze Kleider, in Mailand über den Catwalk. Donatella Versace war entzückt, und als Tim Roeloffs’ Hund mit Italien fremdelte, versorgte der Chauffeur das Tier in der Stretchlimo des Modeimperiums. Roeloffs ist einer von denen, die Berlins Ruf als Hauptstadt der sozialen und künstlerischen Experimente festigte.

Er feierte, arbeitete und lebte im Kunsthaus Tacheles in Mitte, und weil er den Glanz dieser Stadt nach außen trug, ernannte ihn der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit im Roten Rathaus zum Berlin-Botschafter. Neun Jahre ist das her. Aber nun muss Roeloffs raus – aus der Wohnung, womöglich aus der Stadt.

Glücklich, aber wohnungslos

„Ich kann es nicht glauben, dass ein Richter mir das ins Gesicht gesagt hat“, sagt Roeloffs. Der 50-Jährige sitzt auf einem Schemel in seiner düsteren, klammen Werkstatt im Hinterhof der Gleimstraße in Prenzlauer Berg. An den Wänden hängen Kollagen seiner Berlin-Panoramen: Graue Häuserzeilen der Gründerzeit und mittenmang Marlene Dietrich, Marx, Goethe, Bismarck und Hitchcock.

Berlin-Suchbilder sind das, die die Geschichte der Stadt und das Weltgeschehen verdichten: Deshalb taucht auch Kennedy auf oder auch Nietzsche. Hammer und Zirkel, die Symbole der DDR, sind aufgedruckt oder auch „Soljanka“ auf einer „Campbell’s“-Dose, dem weltberühmten Motiv Andy Warhols.

Tim Roeloffs muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen, trotz der aus der Zeit gefallenen Technohose, der abgetragenen Daunenweste unter dem abgewetzten Mantel und der fröstelnden Gesichtszüge. „Bin ich sozial schwach? Nein, ich bin nicht reich", sagt er auf die Frage, ob er seine Verdrängung aus der Stadt als Abstieg empfinde.

Der Speckgürtel ruft

Dabei hätte er allen Grund zu verzweifeln: Seine Werkstatt muss er räumen. Der Mietvertrag endet, und es gibt keinen neuen. Obendrein hat ihm der Vermieter die Wohnung gekündigt, nach einem undurchsichtigen Rechtsstreit um Mängel, Mieterhöhungen und nicht zugestellte Briefen.

Mit seiner japanischen Frau und vier Kindern steht er bald da, wohnungslos. Der Richter riet ihm: „Gehen Sie nach Brandenburg, da steht ganz viel frei.“ Das erinnert an jenen Zynismus, den ausgerechnet der, der ihn zum Berlin-Botschafter ernannte, salonfähig machte: Klaus Wowereit hatte einmal gesagt, dass es kein Recht gebe, in der Innenstadt zu wohnen.

Hat Roeloffs sein Stadtrecht verwirkt? „Ich bin ein Straßenhund, ich finde jedes Loch, aber es gibt keins mehr für mich in Berlin“ – alles zu teuer, überall.

Früher war es anders

Jetzt sitzt er auf gepackten Kartons voller Kunst, sauber beschriftet – nur: wohin damit? Vielleicht in eine Halle auf dem Großmarkt. Roeloffs hat dort einen pakistanischen Tuchhändler kennengelernt. Von einer „Kooperation“ erzählt er, gemeinsam wollen sie seine Motive auf T-Shirts drucken, mal nicht das Brandenburger Tor, sondern was wirklich Cooles für Berlin-Touristen.

Und dann ist da noch Toni, der beleibte britische Manager, der ihm eine Ausstellung in New York verschaffen soll. „Toni hat ein Netzwerk für mich aufgebaut“, sagt Roeloffs.

Früher war das Tacheles sein Netzwerk. „Ganz Mitte war ein besetztes Haus“, sagt er. „Alle machten irgendwas mit Kunst oder Literatur und alles war billig“. Die Mieten, die Kneipen. „Jetzt sind die Spätis meine Kneipen“, sagt Roeloffs.

Vorbei ist die kurze Zeit, als Kunst und Kommerz eine Symbiose eingingen, als sich herumgesprochen hatte, wie „sexy“ Berlin war, und die Touristen in die Oranienburger Straße strömten. Da verkaufte sich seine Kunst von selbst, im Vorbeigehen gleichsam, an die Besucher des Tacheles. Dort entdeckten ihn auch die Headhunter von Donatella Versace, und die italienische Presse feierte ihn als den „Hausbesetzer fürs Glamour“.

Aber da veränderte sich die Oranienburger Straße auch schon, die graue Maus wurde bunt und die unstillbare Lust der Künstler auf „Partys und Saufgelage“ machten einige zum Geschäft in ihren coolen Locations. Die Straße leuchtete hell und in Farbe und es schlug die Stunde der Spekulanten – mit Affengesicht hat er sie in die Collagen montiert. Business verdrängte die Kunst in Berlin; das Tacheles ist längst geräumt, auf dem Gelände wird neu gebaut.

Zu naiv für Berlin

1500 Euro Gerichtskosten muss Roeloffs jetzt zahlen für den Räumungsbeschluss gegen ihn. Damit hat er nicht gerechnet. „Naiv“ nennt er sich selbst, auch in seinen Auseinandersetzungen mit den Vermietern. Die Briefe, in denen er den Ausfall von Strom und Heizung beklagte und damit Mietminderungen begründete, schickte er nicht per Einschreiben. Die Vermieter bestreiten, sie erhalten zu haben. Beweisen lässt sich nichts – außer die aufgelaufenen „Mietschulden“.

Roeloffs wird vielleicht wieder das Weite suchen. So wie früher, als er den häuslichen Bauernhof im niederländischen Enschede verließ und auf Mallorca, in Ägypten und an der Algarve als Tennislehrer arbeitete. Oder: als der Blondschopf mit Trenchcoat und Wollschal an der Autobahn stand, ein Pappschild mit der Aufschrift „Berlin“ in der Hand – als er in die Stadt wollte, die im Aufbruch war, offen und frei, wo alles möglich schien und Platz war für jeden.

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