Kongress im Tagesspiegel : Ärzte auf Augenhöhe

Der Tagesspiegel-Ärztekreis brachte leitende Mediziner der meistempfohlenen Kliniken und niedergelassene Ärzte ins Gespräch. Sie konnten sich kennenlernen und austauschen. Ein Kongressbericht.

Leonard Hillmann Hauke Hohensee
Leitende Mediziner der meistempfohlenen Berliner Kliniken stellten erst ihre Therapieerfahrungen vor - und dann sich den Fragen ihrer niedergelassenen Kollegen.
Leitende Mediziner der meistempfohlenen Berliner Kliniken stellten erst ihre Therapieerfahrungen vor - und dann sich den Fragen...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Im Gesundheitswesen zu arbeiten, bedeutet, lebenslang zu lernen – dieses Credo kennen nicht nur Mediziner noch aus dem Studium. Auch im Berufsleben müssen sich Ärzte regelmäßig weiterbilden, um Patienten nach dem neuesten Stand der Forschung behandeln zu können. Gute Gelegenheit für eine solche Weiterbildung bietet der direkte Dialog auf Fachkongressen, auf denen die Ärzte ihren Kollegen persönlich begegnen.

Dabei ist insbesondere die Kommunikation zwischen Ärzten aus dem ambulanten und dem stationären Bereich wichtig, weil sie im Idealfall die reibungslose Behandlung der gemeinsamen Patienten ermöglicht: Kommt man etwa frisch von einer Operation aus der Klinik, soll der behandelnde Krankenhausarzt seinem ambulanten Kollegen genau beschreiben, was im Krankenhaus mit dem Patienten passiert ist und welche Empfehlungen er für die weitere Therapie gibt. Der niedergelassene Arzt wiederum soll darüber informiert sein, in welche Klinik er seine ihm oft gut bekannten Patienten überweisen kann und warum eine spezielle Behandlung bei seinen Krankenhauskollegen notwendig ist.

Genau dieser kommunikative Aspekt stand im Mittelpunkt, als am vergangenen Mittwoch der Tagesspiegel zum zweiten Mal Berliner Ärzte in seinem Verlagsgebäude am Anhalter Bahnhof beim Fachkongress „Ärztekreis" begrüßte. Mehr als 40 Chef- und Oberärzte der Berliner Kliniken, die in der Ärzteumfrage von Tagesspiegel und Gesundheitstadt Berlin am häufigsten empfohlen wurden, stellten in diesem Rahmen ihre Behandlungsmethoden für spezifische Krankheitsbilder vor. Sie präsentierten dabei auch neue Verfahren, etwa bei der chirurgischen Therapie einer Adipositas. Bereits bei seiner ersten Auflage im vergangenen Jahr hatte sich das Format des Tagesspiegels, das 2017 noch unter dem Titel „Die besten Chefärzte" stattfand, großer Beliebtheit erfreut und rund 200 Ärzte ins Tagesspiegel-Haus gelockt. Genau wie im vergangenen Jahr, bot sich den rund 260 Kongress-Teilnehmern auch dieses Mal wieder die Möglichkeit, im Anschluss an die Kurzvorträge in den persönlichen Kontakt mit den Referenten zu kommen, um sich kennenzulernen und auszutauschen.

Kommunikation auf Augenhöhe

Und diese Möglichkeit nutzten die Mediziner sichtlich gern. Falk Erzgräber, Leiter der „Medizinischen Netzwerke“ der Charité, sagte: „Der Tagesspiegel schafft mit der Veranstaltung eine Kommunikation zwischen niedergelassenen und Klinikärzten auf Augenhöhe.“ Ähnlich erfreut über diese Art des Dialoges zeigte sich auch Mario Müller vom Vivantes Klinikum Neukölln, der selbst als Experte über die operative Entfernung einer Gallenblase sprach. Netzwerke und Partnerschaften seien wichtig.

Neben der Möglichkeit, direkt mit den Klinikärzten in Kontakt zu treten, konnten sich die anwesenden Ärzte in den Vortragsreihen einen Überblick sowohl über die Berliner Kliniklandschaft als auch über die fachspezifische Behandlung von Krankheiten sämtlicher Fachgebiete verschaffen. Ralf-Harto Hübner, der als Oberarzt an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie der Charité tätig ist und selbst als Referent zum Thema COPD sprach, hatte während der Veranstaltung „das Gefühl, dass ich hier in nur sechs Stunden ein komplettes Medizinstudium wiederhole." Auch Christine Rühl, niedergelassene Ärztin in Berlin, zeigte sich von der Idee angetan: „Ich finde es richtig gut, dass man hier gucken kann, was es wo gibt.“ Wolfgang Hartmann, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe an den DRK-Kliniken Berlin-Westend, der in einem Vortrag über die stationäre Begleitung einer Geburt sprach, sah in der Zusammenkunft von ambulanten und stationären Medizinern „eine wunderbare Basis für den medizinischen Austausch“. Psychiatrie-Chefarzt Peter Neu vom Jüdischen Krankenhaus Berlin spricht von einer „guten Förderung von Interaktion und Interdisziplinarität". Er hatte zuvor über die stationäre Behandlung von Alkohol- und Opioidsucht gesprochen.

Mit besonderer Aufmerksamkeit folgten die Kongress-Teilnehmer auch dem Vortrag des SPD-Gesundheitsexperten und Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach. Der 55-Jährige, der von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller kürzlich zum Vorsitzenden der „Zukunftsmission Gesundheitsstadt Berlin 2030“ berufen wurde, richtete den Blick ganz im Sinne seiner neuen Funktion nach vorn und machte dabei auch auf sich abzeichnende Schieflagen in der Gesundheitsversorgung aufmerksam. „Was in den nächsten 15 Jahren in Berlin passieren wird, spiegelt die Situation in Deutschland, aber etwas zugespitzt“, sagte Lauterbach. Gemeint war die absehbare ärztliche Versorgungslücke, die durch den Berufsaustritt der Babyboomer-Generation und die gleichzeitig schrumpfende Zahl der Schulabgänger forciert werde. Mittelfristig müsse Deutschland nicht nur einen Mangel an Pflegefachkräften fertig werden, sondern auch mit einem Ärztemangel, „weil uns derzeit etwa 5000 Ärzte pro Jahr fehlen, die wir nicht ausbilden.“

Die Vernetzung soll vorangetrieben werden

Lauterbach forderte auf dem Kongress dazu auf, die Vernetzung weiter voranzutreiben. Die gesamte Art der Zusammenarbeit in der Medizin müsse neu strukturiert werden und fachübergreifend stattfinden, auch im Sinne der Spitzenforschung, in der Deutschland aufholen müsse. „Berlin ist einer der vier Standorte deutschlandweit, an dem diese Art Spitzenforschung möglich wäre“, sagte Lauterbach. Dafür benötige es eine Vernetzung der außeruniversitären Einrichtungen und der Spitzeneinrichtungen mit den umliegenden Kliniken. „Dafür muss eine gemeinsame Plattform für elektronische Patientenakten geschaffen werden, die die Beobachtung von Langfristverläufen zulässt“, sagte Lauterbach. Berlin könne bei diesem Prozess „für andere Standorte Vorbildcharakter“ haben.

Dass es im Zuge dieses Modernisierungsprozesses auch zur Schließung kleinerer Kliniken kommen könnte, wollte Lauterbach nicht ausschließen. Es werde schwer, alle Standorte zu erhalten, vor allem jene mit weniger als 200 Betten.

Ein weiteres Thema auf der Agenda des Kongresses: die Digitalisierung. Durchaus kontrovers diskutierten im Anschluss an Lauterbachs Rede Experten ausführlich über Nutzen und Risiken von Arztbewertungsportalen im Internet. Die Möglichkeit, sich im Internet über Ärzte zu informieren, begrüßten zwar alle Beteiligten grundsätzlich. Corinna Schaefer, stellvertretende Geschäftsstellenleiterin des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin, gab aber zu bedenken, dass häufig einseitige Bewertungen zu lesen seien. Wer ein Urteil über einen Arzt abgebe, habe eine klare gut-oder- schlecht-Ausrichtung. „Entweder fand ich ihn ganz toll oder ich fand ihn grottig. Sie werden selten lesen: Ach ja, ging so“, sagte Schaefer. Problematisch sei zudem, dass Anbieter Werbung und Inhalt verquicken würden, indem sie Premium-Profile verkauften. „Das auseinanderzuhalten ist für Nutzer extrem schwierig.“ Auch die Berlin-Brandenburger Landesvorsitzende der Vereinigung der niedergelassenen Ärzte (NAV-Virchowbund), Christiane Wessel, stellte die Nützlichkeit mancher Bewertungen auf den Portalen infrage: „Ich glaube, dass zu viele subjektive Dinge dort abgefragt werden, die dem oder der Nächsten überhaupt nicht weiterhelfen."

Jochen Niehaus, Chefredakteur des Magazins „Focus Gesundheit“ rief die Ärzte dazu auf, sich den neuen Entwicklungen nicht zu verschließen: „Es gibt diese Bewertungsportale und es wird sie immer geben. Sie gehen nicht mehr weg.“ Deshalb sei es sinnvoller, sich nicht gegen sie zu wehren, sondern stattdessen mitzumachen und lieber auf die Korrektheit der Daten im Netz zu achten.

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Fortbildung, Austausch, Zukunftsmission und Raum für kontroverse Debatte - der zweite „Ärztekreis“ des Tagesspiegels bot viel Stoff, sich mit den medizinischen und technologischen Herausforderungen der kommenden Jahre auseinanderzusetzen. Um denen gerecht zu werden, bedarf es nicht nur eines Experten, sondern vieler Spezialisten aus unterschiedlichen Bereichen. Dazu dürfte der „Ärztekreis“ beigetragen haben.

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