Konzerte in Berlin : Neues Fotobuch: West-Stars im alten Ost-Berlin

Soundtrack zur Wende: Ein Fotoband von Harald Hauswald dokumentiert die Auftritte der West-Stars im alten Ost-Berlin.

Joe Cocker, hier im Hotel „Stadt Berlin“, sang 1988 auf der Radrennbahn Weißensee.
Joe Cocker, hier im Hotel „Stadt Berlin“, sang 1988 auf der Radrennbahn Weißensee.Foto: Harald Hauswald

Auf dem Youtube-Video von damals ist von dem kleinen Vorfall nichts zu sehen: 19. Juli 1988, Radrennbahn Weißensee, vor der Bühne ein Menschenmeer. Bruce Springsteen hält nach einem passenden Mädel Ausschau, wie er das immer tut bei „Dancing in the Dark“. Und da, er hat sie gefunden, zeigt auf sie, lädt sie winkend ein, zu ihm auf die Bühne zu kommen – schon ist sie oben, vom „Boss“ gezogen, von kräftigen Männerarmen geschoben, die gleich darauf – aber das sieht man eben nicht – einen Jungen, der die Gunst der Stunde nutzend, hinterherklettern und mittanzen will, sanft und bestimmt zurückziehen. Christoph Dieckmann aber, heute Autor der „Zeit“, damals der DDR-Wochenzeitung „Sonntag“, hat es gesehen und den Konzertsplitter in seinem „Boss“-Bericht eingebaut – ein genauer Beobachter en gros und en détail.

Springsteen, das war „das Superlativ“, befindet Dieckmann heute: drei Stunden Rock nonstop, neun Zugaben, in denen der Star „ein riesiges Kollektiv“ geschaffen habe. Offiziell waren es 160 000 Fans, wahrscheinlich aber weitaus mehr. „Wer Springsteen hörte, fand sich nicht länger ab. Wir erfuhren, wie viele wir waren und wie wenig müde. Auch so begann die friedliche Revolution.“

Ein Wechselspiel von Kultur und Politik

Nein, der Rock hat die DDR nicht zum Einsturz gebracht, aber ein bisschen geholfen hat er dabei schon, als „Soundtrack zur Wende“, als „Glasnost-Glockenspiele“, deren Riesenerfolg den DDR-Oberen vorgaukelte, die Jugend stehe noch hinter ihnen. So wird in den Fotos und Texten des jetzt im Jaron-Verlag herausgekommenen Buches „Like a Rolling Stone. Dylan, Cocker, Springsteen – Weststars in der DDR“ nicht allein Musikgeschichte erzählt, sondern zugleich über das Wechselspiel von Kultur und Politik in der Schlussphase der DDR reflektiert.

Glory Days. Am 19. Juli 1988 rockte der Boss die Radrennbahn Weißensee.
Glory Days. Am 19. Juli 1988 rockte der Boss die Radrennbahn Weißensee.Foto: Harald Hauswald

Beides übrigens ausgesprochen unterhaltsam, eingeführt durch sehr persönliche Erinnerungen Dieckmanns an sein Leben als Rockfan und -autor – anfangs noch in einem rockfeindlichen Klima aufwachsend, das geprägt war von Walter Ulbrichts Verdikt gegen die „Monotonie des Jeh, Jeh, Jeh und wie das alles heißt“, ausgesprochen auf dem XI. Plenum des ZK der SED 1965. Später aber wurden sogar Honecker & Co. in Fragen West-Rock lockerer, versuchten gar, im Sommer 1988 gegen den Auftritt von Michael Jackson, Pink Floyd und West-Berliner Stars vor dem Reichstag durch eine Gegen-Konzertreihe in Weißensee aufzutrumpfen, mit Marillion, den Wailers, James Brown und den West-Berliner Rainbirds, die damals ebenfalls vor dem Reichstag, also auf beiden Seiten der Mauer spielten.

Die Liste der Rockheroen ist lang

Auch im weiteren Verlauf des Buches finden sich eingestreute Dieckmann Texte, Konzertberichte für den „Sonntag“, die textliche Ergänzung des besonders durch die Fotos von Harald Hauswald faszinierenden Bandes: Atmosphärisch dichte Aufnahmen von den Stars und ihren Fans, mit präzisem Blick auf die kleinen Geschichten am Rande. Die zwei FDJ-Ordner etwa, die mit versteinertem Blick vor den jubelnden Springsteen-Fans ausharren. Oder die zu „Born in the USA“ geschwenkten „Stars and Stripes“, ein in der DDR seltener Anblick. Ulbricht dürfte in seinem Grab rotiert haben.

In dem Bilderreigen mit Rockheroen wie Jethro Tull, Tina Turner, Bob Dylan, Tom Petty, Joe Cocker, den Toten Hosen, Rio Reiser oder den Stones taucht auch Bryan Adams auf, der bei seinem Weißenseer Auftritt 1988 noch nicht ahnen konnte, dass man 30 Jahre später in Oberschöneweide ein von ihm ins Leben gerufenes Atelierhaus eröffnen würde.

Simply the Best. Im Rahmen eines zweitägigen Open-Air-Festivals trat Tina Turner am 25. August 1990 in Weißensee auf.
Simply the Best. Im Rahmen eines zweitägigen Open-Air-Festivals trat Tina Turner am 25. August 1990 in Weißensee auf.Foto: Harald Hauswald

Und das Rock-Bilderbuch beschließt mit Aufnahmen vom 31. August 1990 ein Star, dessen Auftritt drei Jahre zuvor noch zum Einsatz der Volkspolizei geführt hatte: 1987 versetzte neben den Eurythmics und Genesis auch David Bowie vor dem Reichstag die Ost-Berliner Fans in helle Aufregung, deren Zustrom Richtung Mauer die Staatsorgane rabiat zu unterbinden suchten. Nun schloss der ehemalige West-Berliner die Reihe der großen Rockkonzerte in Weißensee ab, und die Heroes der friedlichen Revolution hörten begeistert zu.

Foto: Harald Hauswald

— Harald Hauswald (Fotos)/Christoph Dieckmann (Texte): Like a Rolling Stone. Dylan, Cocker, Springsteen – Weststars in der DDR. Jaron Verlag, Berlin. 104 Seiten, 72 Fotos, 20 Euro

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