Kopfschuss-Mord in Moabit : Spur des Killers führt zu Moskaus Militärgeheimdienst

Die Personalien des mutmaßlichen Mörders waren offenbar falsch. Allerdings erhärtet die Reisepassnummer nun den Verdacht, dass der Kreml involviert war.

Polizisten untersuchen den Tatort in Berlin-Moabit.
Polizisten untersuchen den Tatort in Berlin-Moabit.Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Im Fall des in Berlin getöteten Georgiers Zelimkhan Khangoschwili gerät Russland zunehmend unter Druck. Die Reisepassnummer des mutmaßlichen Attentäters führe zu einer Einheit im Moskauer Innenministerium, die schon früher Dokumente für den Militärgeheimdienst GRU ausgestellt habe, berichtete am Freitag der „Spiegel“. Der im Pass genannte Name des Mannes, Wadim Sokolov, ist offenkundig eine Tarnung. Sicherheitskreise reagierten wenig erstaunt. „Das Ganze ist eine Geheimdienstgeschichte“, hieß es. Die Polizei hatte den Mann kurz nach dem Attentat in Moabit festgenommen. Er soll am 23. August im Kleinen Tiergarten Zelimkhan Khangoschwili in Kopf und Schulter geschossen haben.

Die Spur zur GRU ist brisant, weil der Verdacht weiter wächst, nun gebe es auch in der Bundesrepublik einen Fall Skripal. Im März 2018 hatten Agenten der GRU versucht, den ehemaligen russischen Geheimdienst-Oberst Sergej Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury zu vergiften. Skripal war zum britischen Auslandsnachrichtendienst MI 6 übergelaufen. Der Anschlag führte zu einer schweren Krise im Verhältnis zwischen Großbritannien und Russland. Die USA und die EU verhängten Sanktionen, sie richteten sich unter anderem gegen führende Mitarbeiter der GRU.

Recherchen des „Spiegel“ und der Investigativnetzwerke Bellingcat und The Insider zum Berliner Fall ergaben, dass die Personalien des mutmaßlichen Täters im nationalen russischen Passregister nicht zu finden sind. Ende Juli hatte die französische Botschaft in Moskau ein für den Schengenraum geltendes Visum für „Sokolov“ ausgestellt. In dem Papier heißt der Mann Wadim Andreevich Sokolov, 49 Jahre alt, geboren im sibirischen Irkutsk. Als Wohnort ist St. Petersburg genannt.

Allerdings gibt es auch im russischen Führerscheinregister offenbar keinen Eintrag, der mit dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Geburtsort übereinstimmt. Außerdem ist die Adresse von „Sokolov“ in St. Petersburg fehlerhaft und unvollständig. Möglicherweise ist auch ein weiteres Detail eine Fälschung. Im Antrag auf das Visum ist von einem Hotel in Paris die Rede. Der Rezeptionist will den Mann aber nicht gesehen haben. Der mutmaßliche Attentäter war von Moskau nach Paris geflogen und kam dann nach Berlin. Nach der Festnahme fand die Polizei bei „Sokolov“ ein Rückflugticket, ausgestellt für den Tag nach der Tat.

Das hatte gegen Russland gekämpft

Schon bald nach den Schüssen vom 23. August in Moabit hatten deutsche Sicherheitskreise vermutet, ein russischer Geheimdienst oder der brutale Statthalter in der russischen Provinz Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, oder auch beide seien Auftraggeber. Das Opfer, ein tschetschenischer Georgier, hatte an der Seite tschetschenischer Rebellen gegen Russland gekämpft. Khangoschwili unterstützte zudem den georgischen Staatspräsidenten Michel Saakaschwili, der sich 2008 auf einen kurzen Krieg mit Russland einließ. Saakaschwili kondolierte am Dienstag der Familie von Zelimkhan Khangoschvili.

Der Verein „Deutsch-Kaukasische Gesellschaft“ will diesen Sonnabend in Berlin vor der russischen Botschaft gegen den „schändlichen Mord an Zelimkhan Khangoschwili“ protestieren. Gefordert wird auch, dass die Bundesanwaltschaft den Fall übernimmt. Der Vorsitzende des Vereins, Ekkehard Maaß, war ein Bekannter des Ermordeten.

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