Kriminalität in der Hauptstadt : Alle 17 Minuten wird in Berlin ein Fahrrad gestohlen

Mindestens 30.000 Fahrräder werden pro Jahr in Berlin gestohlen. Die Polizei kommt gegen Hehler und Banden nicht an. Manche wollen das nicht mehr hinnehmen.

Jedes Jahr werden in Berlin 30.000 Fahrraddiebstähle angezeigt. Die Dunkelziffer ist weit höher.
Jedes Jahr werden in Berlin 30.000 Fahrraddiebstähle angezeigt. Die Dunkelziffer ist weit höher.Foto: Getty Images/iStockphoto

Eine Mutter kommt auf die Polizeiwache, Abschnitt 51 der Direktion 5. Sie will zur Kriminalpolizeilichen Sachbearbeitung, Unterabteilung K22, zuständig für Hehlerei und Sachfahndung. Als sie das Büro betritt, sieht sie ihr Damenrad, das schon auf sie wartet, aus dem Keller geholt, da, wo die vielen anderen sichergestellten Räder stehen. Dieses hier ist ein einfaches Cityrad, sieben Gänge nur, nichts Besonderes, doch die Mutter bricht in Tränen aus, denn für sie hat es die Welt bedeutet.

Jetzt nestelt sie in ihrer Tasche, will den Beamten einen mitgebrachten Kuchen schenken. Doch die winken ab, dürfen sie gar nicht annehmen. Dann erzählt die Frau: Drei Kinder hat sie, arbeitet als Verkäuferin und dieses Fahrrad, 300 Euro wert, braucht sie. Sie fährt damit zur Arbeit, in die Kita, nach Hause. Machte alles damit. Bis es dann eines Tages weg war. Zum Glück haben es die Beamten wiedergefunden, bei einem Gebrauchthändler, unversehrt und in einem Stück.

„Diese Momente sind gut“, sagt Stefan Kliesch, einer von drei Beamten, die hier arbeiten. „Denn das sind Menschen, die auf ihre Fahrräder angewiesen sind. Für die sind 300 Euro nicht einfach so zu ersetzen. Die haben auch keine Versicherung“, sagt Kliesch.

Mein geliebtes Fahrrad wurde geklaut – nicht mal das Schloss war noch da.

Die Frage ist nicht, ob, sondern wann ein Rad gestohlen wird

Das ist ein Satz, der quasi zur Stadt gehört wie der Fernsehturm oder die marode S-Bahn. Trekkingräder, Cityräder, Rennräder, E-Räder, Lastenräder, mal sind sie 300 Euro, mal 8.000 Euro wert. Geklaut, gestohlen, entwendet. Bei Tag und in der Nacht. Im Winter und im Sommer. Ob am Bahnhof abgeschlossen, im Hinterhof abgestellt, im Keller verstaut oder in der Tiefgarage versteckt. Kein Ort, der sicher ist. Und alle scheinen sich damit abgefunden zu haben. Die Betroffenen, weil sie denken, dass sie eh nichts machen können. Die Aufklärungsquote der Polizei liegt bei 3,9 Prozent – niedriger als bei jedem anderen Delikt. 18,6 Millionen Euro, so viel waren die in Berlin geklauten Fahrräder im letzten Jahr wert.

Man könnte also meinen, dass, wer es wagt, sich hier ein Fahrrad anzuschaffen, damit rechnen muss, dass es bald wieder verschwindet. Ein Berliner Naturgesetz, gegen das man nichts tun kann. Es scheint gar nicht die Frage, ob dein Fahrrad eines Tages wegkommt. Die Frage ist, wie lange du darauf fahren können wirst, bis es gestohlen wird. Doch wer klaut da eigentlich und wohin verschwinden die vielen Räder? Was heißt es für eine Stadt und ihre Einwohner, wenn bestimmte Straftaten als unvermeidlich angesehen werden?

Stefan Kliesch hat den Kampf gegen die Diebe aufgenommen. 54 Jahre ist er alt und ein Schutzpolizist aus Überzeugung. Früher war er bei den Einsatzhundertschaften. Kreuzberg. 1. Mai. Immer da, wo es brennt. Nun ist er in den Zivilbereich gewechselt, operative Sachfahndung. Jetzt brennt’s nicht mehr, genug zu tun hat er trotzdem. Ihr Revier: Das sind die Bezirke Neukölln, Friedrichshain und Kreuzberg. Hier kennen sie jeden Händler, jeden Trödler. Jeden, der kauft, verkauft und es dabei mit den vorherigen Eigentumsverhältnissen nicht so genau nimmt. Es ist ein Revier mit 590.400 Menschen, das sind so viele wie in ganz Dortmund zusammen – eine eigene Großstadt in der großen Stadt.

Auch Käufern von Diebesgut droht Ärger

Ihr Job: Hehler schnappen, Ware sicherstellen, Ware zurückbringen, Anzeigen schreiben, vor Gericht aussagen. Ein Hehler ist, wer beispielsweise ein gestohlenes Fahrrad weiterverkauft. Je nach Schwere drohen einem eine Geld- oder auch eine Haftstrafe bis zu fünf Jahren. Ärger kriegt aber auch der Käufer, wenn er hat ahnen können, dass es sich um Diebesgut gehandelt hat. Wer also eines dieser Schnäppchen auf der Straße angeboten bekommt – nur 50 Euro vom netten Kerl gleich neben dem Wochenmarkt – und dann später kontrolliert wird, ist das Fahrrad los und hat eine Anzeige am Hals.

Kliesch ist ein schlanker, trainierter Mann mit einem freundlichen Wohlwollen im Gesicht. Einer, der auch zuhört und sich wirklich mit den Menschen ärgert, wenn ihnen ihr Lieblingsfahrrad geklaut wird. Er weiß, was es heißt, seine Fahrräder zu lieben. Er selbst besitzt fünf. Ein Rennrad. Ein Trekkingrad für lange Reisen. Zwei für den Alltag. Und eines, mit dem er in seiner Freizeit für den Ironman-Triathlon trainiert. 3,86 Kilometer Schwimmen, 42,195 Kilometer Laufen und 180 Kilometer Radfahren. Und so, wie er sich dafür monatelang trimmt, hartnäckig und voller Ehrgeiz, so ermittelt er den Fahrradhehlern hinterher, hartnäckig und voller Ehrgeiz – auch in seiner Freizeit, wenn es sein muss.

Für Kliesch also, diesen Mann, der sagt, dass Polizistsein seine Berufung ist, gehört Fahrraddiebstahl nicht zum anstrengenden, aufwendigen und deswegen ärgerlichen Klein-Klein. Für ihn ist es egal, ob es dabei um ein Fahrrad für 300 Euro oder für 8000 Euro geht. Ein Fahrrad ist ein Fahrrad und es hat jemandem gehört, der es vermisst und der es braucht. „Vielleicht bin ich noch vom alten Schlag“, sagt er. „Ich knie mich rein. Ich zieh das durch. Mich lässt das einfach nicht los. Auch nicht, wenn eigentlich schon Feierabend ist. Und: Ich liebe Fahrradfahren, diese tolle Mischung aus Freiheit und Geschwindigkeit“, sagt er.

Tagsüber kundschaften Banden die Hinterhöfe aus

Doch viel zu selten kann er Beklauten ihr Fahrrad zurückgeben, denn viel zu oft verschwinden vor allem die teuren Exemplare hinter der deutschen Grenze, oft in Osteuropa, sehr oft in Polen. „Das sind hochprofessionelle Diebesbanden, die Berlin ausnehmen wie einen Selbstbedienungsladen“, sagt Kliesch. „Die wissen, nach welchen Marken sie schauen müssen. Die wissen, welche Schlösser wie zu knacken sind.“

Tagsüber kundschaften sie die Hinterhöfe aus, nachts kommen sie vorgefahren, verschaffen sich Zutritt, flexen die Schlösser auf, mit einer Decke übergelegt, um den Lärm zu dämpfen. Das geht so schnell, bevor da jemand aufgewacht ist, sich gewundert und geguckt, vielleicht die Polizei gerufen hat, haben die Diebe die Räder schon auf die Ladefläche gepackt und sind weg.

Polizist Stefan Kliesch hat dem Fahrraddiebstahl den Kampf angesagt. In seiner Freizeit trainiert er für den Ironman.
Polizist Stefan Kliesch hat dem Fahrraddiebstahl den Kampf angesagt. In seiner Freizeit trainiert er für den Ironman.Foto: privat

Vor zwei Monaten erst entdeckte die Bundespolizei in Brandenburg einen weißrussischen Kleinlaster mit 17 gestohlenen Fahrrädern auf dem Weg zur Grenze, fünf davon kamen aus Berlin. Vor einer Woche erst erwischten Polizisten zwei Männer im Plänterwald, die zu später Stunde durch die Straßen gelaufen waren, auf der Suche nach teuren E-Bikes. Zwei davon knackten sie, doch Anwohner hatten sie dabei beobachtet. Die Polizisten fanden sie schließlich, flach auf dem Boden liegend unter einem Gebüsch versteckt. Nach Informationen der „Berliner Zeitung“ stammten die beiden Männer aus Rumänien. Allesamt kleine Fische in einem Schwarm von vielen.

Jetzt holt Kliesch eine Mappe raus. Darin hat er Fälle gesammelt, in denen er Fahrräder aus Berlin auf polnischen Webseiten wiedergefunden hat. Kliesch muss das nicht machen. Er könnte sich einfach weiter auf seine drei Bezirke konzentrieren, könnte in regelmäßigen Abständen die Händler besuchen und deren Bestand mit der Datenbank abgleichen. Denn rein rechnerisch hat er pro Woche nur circa zehn Stunden für die Jagd nach den Fahrradhehlern. Die andere Zeit geht für die Jagd nach Laptops, Kameras und Handys drauf, eben alles, was gerne gestohlen und wiederverkauft wird. Kliesch müsste auch nicht im Internet nach Bildern suchen, müsste nicht die darauf entdeckten Rahmennummern mit dem System abgleichen.

Er macht es trotzdem.

Keiner bekommt sein Rad zurück, wenn es die Grenze passiert hat

Diese Webseiten funktionieren wie bei uns Ebay, erklärt er: mit Bewertungen und Rezension, mit Sternchen und Kundenzufriedenheit. Alles so, als ob sich die Händler überhaupt keine Sorgen machen müssten, erwischt zu werden, sogar mit Adresse, E-Mail-Kontakt und Telefonnummer. Und dann? Übernimmt dann die polnische Polizei, fährt hinterher und nimmt alles hoch?

Tja. Nein. Achselzucken.

„Ich kann nichts weiter machen, als Hehlerei-Anzeigen zu schreiben, sie zur Staatsanwaltschaft zu senden und zu hoffen, dass was passiert“, sagt Kliesch. Erst vor drei Monaten hat er wieder einen Schwung Anzeigen gegen einen Onlinehändler in Polen abgesendet.

Wären die Fahrräder keine Fahrräder, sondern Autos, dann wären sie mit der Anzeige bei der Polizei automatisch europaweit zur Fahndung ausgeschrieben. Die polnische Polizei könnte und müsste sogar aktiv werden. Der Sprecher des Berliner ADFC, Nikolas Linck, sagt dazu: „Fahrräder werden einfach immer noch nicht ernst genommen und die Fälle bagatellisiert. Dabei ist es eine Frage von Ressourcen und politischem Willen, dem stärker nachzugehen.“

Bisher hat Kliesch keine einzige Rückmeldung von auch nur einem Staatsanwalt bekommen. Er weiß nicht, ob sie jemals in Polen um Amtshilfe gebeten haben, ob überhaupt irgendetwas mit seinen Ermittlungen passiert ist. Das Einzige, was er weiß: Keiner der Bestohlenen der letzten vier Jahre hat sein Fahrrad zurückbekommen, wenn es erst mal die Grenze passiert hatte.

Die Händler wiederum sind eine Weile online präsent, sammeln 100, 150, 200 positive Bewertungen: „Danke, alles bestens, Fahrrad gut angekommen, beste Qualität und perfekt in Schuss“, steht da auf Polnisch unter dem erfolgreichen Verkauf eines gebrauchten Rades der Marke „VSF Fahrradmanufaktur“ Modell T700, Neupreis 1.200 Euro. Und dann schließen sie die Seite wieder, um unter einem anderen Namen und unter einer anderen Adresse neu aufzumachen. Diese Händler, so vermutet Kliesch, könnten auch die Auftraggeber für die Banden sein.

Jedes Jahr zahlen Versicherungen bis zu 120 Millionen Euro

Der Mann am Telefon lacht auf. „Sie fragen nach Fahrraddiebstahl?“ Und in diesem Lachen steckt schon alles drin, was man wissen muss: Desinteresse gepaart mit Hilflosigkeit. Dann blafft er los: „Wissen Sie, was hier los ist? Mord, Totschlag, Banden. Ich wüsste jetzt nicht, wen ich fragen sollte. Es gibt keinen, der das gesondert bearbeitet oder verfolgt. Wie stellen Sie sich das denn vor?“

Der Mann ist nicht irgendwer, sondern einer der Pressesprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Und vielleicht hat er recht. Wen interessieren schon Fahrräder und der Umstand, dass in Berlin alle 17 Minuten eines davon geklaut wird? Es sind rund 30.000, die Jahr für Jahr bei der Polizei als gestohlen gemeldet werden. Da viele ihre Fahrräder aber gar nicht erst versichern und den Diebstahl dann auch nicht bei der Polizei melden, dürfte die Dunkelziffer um einiges höher liegen. Das vermutet auch der Berliner ADFC: „Viele glauben auch, dass die Polizei eh nichts machen kann“, sagt Sprecher Nikolas Linck. Insgesamt zahlen die deutschen Versicherungen jährlich zwischen 90 und 120 Millionen Euro für gestohlene Räder.

3,9 Prozent der Fälle werden aufgeklärt. Weniger als bei jedem anderen Delikt.
3,9 Prozent der Fälle werden aufgeklärt. Weniger als bei jedem anderen Delikt.Foto: Getty Images/iStockphoto

3,9 Prozent Berliner Aufklärungsquote – das heißt aber auch: In vier von 100 Fällen werden die Diebe geschnappt. 2017 waren das insgesamt 1086 ermittelte Verdächtige. 40 Prozent von ihnen sind unter 21 Jahre alt. 42,9 Prozent sind Nichtdeutsche, wobei der Anteil der sogenannten „reisenden Täter“ 19 Prozent betrug. Manche der Gefassten wurden sogar vor Gericht gestellt.

Piotr ist so einer. Ein junger Bursche aus Polen, 24 Jahre alt, heroinsüchtig. Einer der vielen, die nach Berlin kommen, auf der Suche nach dem großen Glück – und den diese Stadt dann verschluckt, einfach so. Die Taten, bei denen er sich hat erwischen lassen, lesen sich in der Gerichtsakte so:

Ein Rucksack voller Werkzeuge

Am 17. November 2015 war Piotr auf Tour in der Friedrichstraße. In seinem Rucksack hatte er „eine Akkubohrmaschine, auf deren Kopf der Angeklagte einen Bolzenschneider aufgesetzt hatte, um mit diesem elektrischen Schneidewerkzeug auch besonders starke Fahrradschlösser aufschneiden zu können. Weiterhin führte der Angeklagte in seinem Rucksack eine Schere, einen Sechskantschlüsselsatz und ein weiteres Werkzeug (,Multitool‘) bei sich. Mittels des Akkuschneidewerkzeugs durchtrennte der Angeklagte gegen 13:50 Uhr das Metallgliederschloss, mit dem der Eigentümer das Fahrrad angeschlossen hatte. Es handelte sich um ein Elektrofahrrad im Wert von etwa 2.500 Euro.“ Piotr war bereits zum zweiten Mal erwischt worden. Dieses Mal bekam er eine Freiheitsstrafe von sieben Monaten, die aber zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Mitunter können die Diebe auch richtig gefährlich sein, wie ein Polizist erst am Mittwochabend erleben musste. Der Beamte in Zivil war auf dem Heimweg, wollte am S-Bahnhof Schichauweg in Lichtenrade auf sein dort abgestelltes Fahrrad wechseln, als er sah, wie sich ein Dieb daran zu schaffen machte. Der Polizist gab sich zu erkennen, wollte den Verdächtigen festnehmen. Da zog der Mann ein Messer, stach zu und entkam. Das Opfer musste ins Krankenhaus, befindet sich aber nicht mehr in Lebensgefahr.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

193 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben