Kein Fall wie jeder andere: Fahrraddiebstähle in Berlin

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Kriminalität in der Hauptstadt : Alle 17 Minuten wird in Berlin ein Fahrrad gestohlen
Evan Vosberg kommt nicht ohne Fahrrad aus.
Evan Vosberg kommt nicht ohne Fahrrad aus.Foto: privat

Evan Vosberg, 34, Designer und Java-Script-Ingenieur

Ich bin auf mein Fahrrad angewiesen, so richtig angewiesen. Es ist meine Mobilitätshilfe Nummer 1. Mit ihm lege ich fast alle Strecken zurück, die ich bewältigen muss. Ich nehme es mit in den Zug, mit ins Flugzeug, ich nehme es überallhin mit. Denn: Würde ich laufen, ich würde mit meiner Beinprothese viel zu langsam sein.
90 Prozent meiner Tretkraft kommen aus einem Bein, deswegen brauche ich auch ein Fahrrad, das besser ist als viele andere. Es muss sehr leicht sein, aber auch robust. Es muss sich sehr gut und mit geringem Aufwand treten lassen. Ein halbes Jahr habe ich gesucht und getestet, bis ich 2014 endlich mein komplett selbst aufgebautes Fahrrad zusammenhatte, mit der guten Rohloffnabe und einer Extra-Kurbel für meine Prothese. 5000 Euro hat es mich gekostet.
Und dann, ein Jahr später, wollte ich damit in den Urlaub fahren. Eine Radtour nach Danzig, zusammen mit meiner Freundin. Alles war geplant, alles war fertig, nur den letzten Einkauf mussten wir noch machen. Ab zu Kaufland. Unsere beiden Fahrräder davor abgeschlossen. Mitten am Tag, mitten vor dem Eingang. Mit einem Faltschloss für 90 Euro. Sicherheitsstufe 10.
30 Minuten waren wir drin. Als wir wieder rauskamen, war das Schloss weg, mein Fahrrad auch weg, nur das meiner Freundin stand noch da. Das war ein Schock. Was war mit dem Urlaub? Was war mit meinem Rad?
Ich habe eine Online-Anzeige erstattet. Fotos dazu hochgeladen. Doch irgendwann kam der Brief, dass sie den Fall einstellen. Ich habe selber auch bei Ebay geschaut. All meinen Freunden Bescheid gesagt. Doch das Fahrrad ist nie wieder aufgetaucht, nicht einmal die einzelnen Teile.
Heute weiß ich, dass man sich für das Schloss, das ich damals hatte, im Internet eine Art Generalschlüssel bestellen kann, einen sogenannten Schlagschlüssel. Damit kriegt man das ganz schnell auf. Zum Glück hat die Versicherung bezahlt. Doch das ist nur ein halber Trost: Denn ich musste mich noch einmal auf die Suche nach den Teilen für mein neues Fahrrad machen, was noch einmal vier Monate gedauert hat. Ich glaube, die Diebe wissen gar nicht, was sie den Leuten alles antun.

Es war eines der persönlichsten Dinge, die ich hatte

Lucia, 25, Studentin

Ich studiere noch. Habe also nicht viel Geld. Doch vor einem Jahr war es so weit. Ich habe mir mein eigenes erstes Fahrrad gekauft. 799 Euro hat es gekostet, dazu noch einen Gepäckträger und das Abus-Sicherheitsschloss, Stufe 10. Jeden Tag bin ich mit dem Rad gefahren. Zur Uni, zur Arbeit, zum Feiern. Sogar nach Usedom hat es mich gebracht. Das war ein toller Urlaub.
Ich liebte mein Fahrrad. Ich habe es mir selber geleistet. Als ich das erste Mal auf dem Sattel saß, wusste ich gleich, dass wir zusammenpassen werden. Doch jetzt ist es weg und das tut weh. Neben dem Handy und dem Laptop ist es eines der persönlichsten Dinge, die ich hatte.

Lucia sparte lange für die kurze Freude.
Lucia sparte lange für die kurze Freude.Foto: privat


Es war am 27. September. Ich war zu Hause und krank. Das Fahrrad stand draußen, abgeschlossen, an einem grünen dicken Zaun. Als ich am nächsten Morgen runterkam, war es weg. Ich dachte erst, ich hätte etwas falsch gemacht, es vielleicht irgendwo anders abgestellt, aber hatte ich natürlich nicht.
Es war leider nicht versichert, eine Anzeige habe ich auch nicht erstattet, bringt ja nichts. Und das macht mich wütend. Ich kann einfach nichts tun.

Simone Rosenau, 55 Jahre, Chefin des Fahrradladens „Mogool-Bikes“

Ich liebe unser Lastenrad: die Einkäufe erledigen, die Enkelkinder einmal in der Woche abholen, in den Urlaub damit fahren. Campingausrüstung rein und ab nach Kopenhagen und zurück – 1500 Kilometer mit unserem „Schneeweißchen“, so haben wir unser Lastenrad getauft. Das war ein Lastenrad mit elektrischem Mittelmotor, Kostenpunkt 5000 Euro, nicht versichert. Warum nicht? Heute könnte ich mir dafür ins Bein beißen. Damals dachte ich, dass das sowieso keiner klaut, viel zu auffällig, viel zu einzigartig. So ein Rad wird ja auch nicht mehr produziert, nachkaufen wird also nicht klappen.
Ich kam abends nach Hause, war den ganzen Nachmittag mit meiner Enkelin unterwegs. Es war 21.30 Uhr. Ich habe das Rad in die Tiefgarage gefahren und mit zwei sehr guten Schlössern angeschlossen, einem Abus-Bügelschloss und einem Kryptonite. Die Tiefgarage hat eine Seitentür und ein elektrisches Tor. Am nächsten Morgen war es weg. Und ich hatte noch so ein Gefühl, es lieber in den Laden zu schieben, aber ich war so müde. Zum Glück hatte ich den Akku noch rausgenommen.

Simone Rosenau vertraute auf ihr Original.
Simone Rosenau vertraute auf ihr Original.Foto: privat


Auch unsere Kunden werden regelmäßig beklaut. Einer Familie im April erst das Hinterrad, da wo der teure Motor dran ist. Und jetzt vor ein paar Wochen das ganze Rad. Die kriegen ihr drittes Kind und haben keine Fortbewegungsmöglichkeit mehr. So eine Schweinerei. Wir haben ihnen jetzt ein Lastenrad aus unserem Laden geliehen.
Dieser Diebstahl ist ein Verbrechen und eines gegen die Allgemeinheit noch dazu. Ich werde paranoid, fange an, mich einzuschränken, frage mich die ganze Zeit: Kann ich mit meinem Rad dorthin fahren? Wo werde ich es abschließen können? Ist es sicher? Steht es noch da, wenn ich wiederkomme?

„Ich habe es nicht zurückbekommen. Es gehörte jetzt der Versicherung“

Sebastian Thiele, 32 Jahre, Wirtschaftsinformatiker

Ich habe mir extra kein teures Rad gekauft, denn ich weiß: Teuer wird nur geklaut. Und ich will, ohne mir Sorgen machen zu müssen, durch die Stadt fahren, zur Arbeit, zur Kita, einkaufen. Wir haben kein Auto. Das Fahrrad ist unser Hauptverkehrsmittel. Mein Citybike hat 480 Euro gekostet und stand auf dem Hinterhof. Das meiner Frau war mitangeschlossen. Wir hatten zwei Schlösser, ein dünnes und ein gutes. Freitagabend festgemacht. Samstagmorgen war es weg. Ich rief in der Wache an. Die empfahl mir, mir einen Kaffee zu holen und dann die Online-Anzeige zu erstatten. Gesagt, getan. Da gibt’s dann auch gleich das Aktenzeichen, das Protokoll, die Unterlagen für die Versicherung. Eine Woche später war dann auch schon das Geld da. Ging alles reibungslos.
Nun aber: Ein halbes Jahr später klingelte das Telefon. Mein Fahrrad wurde in Stralsund gefunden, im Beisein eines Mannes, der angibt, es auf einem Basar gekauft zu haben. Ich musste zur Polizei, alles genau erklären, alle Dokumente mitbringen, dass es auch wirklich mein Fahrrad war. Das alles zu protokollieren, einzutragen, dauerte natürlich und plötzlich rastete der Polizist aus und raunzte rum: „Dieser ganze Aufwand für ein einziges scheiß Fahrrad.“ Ich habe es nicht zurückbekommen, es gehörte ja jetzt der Versicherung.

Sebastian Thiele bekam sein Rad wieder.
Sebastian Thiele bekam sein Rad wieder.Foto: privat

Thomas Bettendorf, 52 Jahre, Altpapiersammler und Systembetreuer

Ich sammle mit meinem Fahrrad und dem Anhänger Altpapier und Alteisen. Fahre rum, hole es ab und bringe es in die Höfe. Das mache ich abends. Tagsüber bin ich noch Systembetreuer eines Unternehmens. Doch ich habe gekündigt, denn ich will oder wollte auf große Tour gehen – mit dem Fahrrad und dem Anhänger. Mehrere Monate dahin, wohin es mich zieht.
Doch seit dem 11. Oktober ist mein Fahrrad weg und ich weiß nicht, was werden soll. Ich hatte es auf der Straße in Moabit angeschlossen, eine Stunde später kam ich wieder, dann war es weg. Ich war richtig wütend, wenn ich den Dieb in diesem Moment gesehen hätte, ich weiß nicht, was ich gemacht hätte. 1000 Euro hat das gekostet, denn es musste ja gut genug sein, um mit dem Anhänger bis zu 140 Kilo zu transportieren. Nun ist es weg, eine Versicherung habe ich auch nicht, und ich weiß nicht, was mit meinen Plänen werden soll.

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