Nicht alle Fahrradläden sind seriös

Seite 2 von 3
Kriminalität in der Hauptstadt : Alle 17 Minuten wird in Berlin ein Fahrrad gestohlen
40 Prozent der Diebe sind unter 21 Jahre alt.
40 Prozent der Diebe sind unter 21 Jahre alt.Foto: imago/All Canada Photos

In einem anderen Fall geht es um Ricardo, ebenfalls jung, ebenfalls drogensüchtig, 13-mal vorbestraft. Er stahl ein fast neues Fahrrad im Wert von 1.200 Euro und verkaufte es einen Tag später in einem Fahrradladen. Dazu das Gericht: „Wirtschaftlich profitiert von der Tat hat im Übrigen nicht in erster Linie der Angeklagte, sondern vor allem das Fahrradgeschäft, welches das Fahrrad angekauft hat, obwohl sich für eine mit der Materie befasste Person angesichts des geradezu lächerlich niedrigen Ankaufspreises und des hochwertigen Rades die deliktische Herkunft des Rades förmlich aufdrängen musste. Bezeichnenderweise liegen lediglich Verträge über den Ankauf, nicht aber über den Verkauf vor, sodass die Diskrepanz zwischen Ankaufs- und späterem Verkaufspreis nicht ermittelt werden kann. Auch Ermittlungen zu dem Verbleib des Fahrrads werden so vereitelt.“ Ricardo kam für ein Jahr ins Gefängnis.

„Die allermeisten Fahrradläden sind seriös“, stellt Polizeibeamter Stefan Kliesch klar. Da gibt es Kaufverträge und Verkaufsverträge und die Händler können genau sagen, woher das Fahrrad kommt. „Schwarze Schafe gibt es aber immer. Die kaufen und verkaufen, ohne nachzufragen. Oder sie zerlegen das Rad und verkaufen die Einzelteile.“ Auch am Rande von Wochenmärkten sieht man immer wieder Straßenhändler, die versuchen, Fahrräder zu verkaufen: auf der Brücke Richtung Kottbusser Tor zum Beispiel und rund um den Sonntagsmarkt am S-Bahnhof Neukölln. Schaut man sich auf Ebay-Kleinanzeigen um, findet man auch eine Reihe von Angeboten, die einem komisch vorkommen. Mehrere Fahrräder vom selben privaten Anbieter, die er angeblich alle selber gefahren hat. Ruft man an, wird man an eine Straßenkreuzung bestellt. Vor zwei Wochen gab es die Polizeimeldung, dass ein Vater das gestohlene Fahrrad seines Sohnes auf Ebay wiederfand. Er arrangierte einen Scheinkauf, informierte aber die Polizei. Die zwei Verkäufer, 26 und 28 Jahre alt, konnten bei der fingierten Übergabe von Zivilpolizisten festgenommen werden. Sie bekamen eine Anzeige wegen Diebstahl und Hehlerei.

Zwei unterschiedliche Schlösser benutzen

Gibt es gar nichts, was man selber tun kann?

„Doch“, sagt Michael Lisowski vom Landeskriminalamt. Er ist bei der Polizei für die Aufklärung und für die Prävention zuständig. Sein Job ist es, einerseits Optimismus auszustrahlen und andererseits die Bürger zu mehr Vorsicht anzuhalten. Er rät: Zwei gute, aber unterschiedliche Schlösser benutzen. Mit ihnen schließt man das Fahrrad an einem festen und im Boden verankerten Gegenstand an. Möglichst kein Baum, denn auch der kann abgesägt werden, wie erst jüngst in Kassel geschehen. Eine Linde war’s und der Dieb hatte mitten in der Stadt den Baum geköpft, um ans 2.000 Euro teure Mountainbike zu kommen.

Die Schlösser sollten nicht nur den Rahmen, sondern auch noch das Vorder- und Hinterrad mitanschließen. Der Vorteil: Zwei Schlösser dauern einfach länger, oft sind die Diebe nur auf eine Schlossart spezialisiert.

Außerdem: „Lassen Sie Ihr Fahrrad bei der Polizei registrieren. Das Kennzeichen am Rahmen schreckt einen potenziellen Täter ab und hilft uns später, den Besitzer ausfindig zu machen. Dazu machen wir regelmäßige Registrierungsaktionen in der ganzen Stadt“, sagt der Polizist.

In Hamburg gab es im letzten Jahr einen großen Polizeieinsatz. Nach monatelanger Ermittlungsarbeit waren 180 Beamte und ein Gabelstapler nötig, um die 3.500 Fahrräder abzutransportieren, die in den Wohnungen einer organisierten Diebesbande gefunden worden waren. Später konnte aber nur ein Bruchteil der Räder ihren Besitzern zugeordnet werden, weil die wenigsten registriert waren.

Fahrradparkhäuser mit Videoüberwachung

In der Kriminalitätsstatistik 2017 steht: „Besonders häufig werden Fahrräder im Bereich großer Abstellplätze entwendet, zum Beispiel an Bahnhöfen, vor Schulen, Sport- und Freizeitstätten oder vor Einkaufszentren.“ Potsdam und Bernau haben reagiert und Fahrradparkhäuser mit integrierter Werkstatt und Videoüberwachung gebaut, inklusive Akku-Aufladestation für E-Bikes. Kostet einen Euro für 24 Stunden.

Und Berlin? Da steht noch nichts. Immerhin: Nach vier Jahren zäher Verhandlungen soll jetzt am S-Bahnhof Zehlendorf eines gebaut werden, vollautomatisch. Größenordnung: 122 Plätze. Anvisierter Baubeginn: 2020. Zusätzlich soll es noch Fahrradbügel und überdachte Doppelstockständer geben. Auch für die Bahnhöfe Pankow und Ostkreuz wird über solch einen Bau nachgedacht. Doch bevor es konkret wird, muss erst einmal eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. Ob dann gebaut wird: unklar.

Alles wie gehabt in Berlin? Die Politik hängt hinterher und gibt sich mit kleinen Lösungen zufrieden. Die Polizei kann nichts tun. Die Staatsanwaltschaft ist chronisch überlastet und der Bürger ärgert sich? Ja, alles wie gehabt.

Auch wenn die Polizei jetzt Lockfahrräder mit GPS-Sendern ausstattet. Wie viele es sind und wie oft sie zum Einsatz kommen, sagt sie nicht. Einen Dieb, 38 Jahre alt, aus Serbien und ohne festen Wohnsitz, hat sie dadurch überführen und schon fünf Tage später in einem Schnellverfahren verurteilen können. Das Urteil: sechs Monate Freiheitsstrafe – auf Bewährung ausgesetzt.

19 Prozent der Diebe sind reisende Täter. Sie gehören professionellen Banden an.
19 Prozent der Diebe sind reisende Täter. Sie gehören professionellen Banden an.Foto: imago/Stefan Zeitz

Und die Direktion 1, zuständig für Pankow und Reinickendorf, hat seit Mai 2018 eine eigene Ermittlungsgruppe „Velo“. Die Beamten sollen den organisierten Fahrraddiebstahl bekämpfen: Hintergründe ermitteln, Hintermänner aufspüren, Banden erfassen. Was „Velo“ nicht hat, ist ein eigener Staatsanwalt, der die Ermittlungen energisch ins Ausland ausweiten könnte. Nach neun Monaten soll die Arbeit erst mal ausgewertet werden.

„Man könnte ja meinen, dass so viele Fahrraddiebstähle gut für uns Fahrradläden sind“, sagt Annette Blum. „Ist es aber nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Wem einmal, zweimal ein gutes und teures Rad geklaut wurde, der kauft sich so schnell kein neues.“

Schlüsselrohlinge bei Amazon, Anleitungen auf Youtube

Annette Blum weiß, wovon sie spricht, denn sie ist eine der Geschäftsführerinnen von „Velophil“, einem Fahrradladen in Moabit. 54 Jahre ist sie alt und fährt selber am liebsten mit ihrem schweren Offroad-Rad durchs Gelände, wo niemand anderes hinfährt. Zu ihr ins Geschäft kommen Kunden und sagen: Ich will ein Fahrrad und bin bereit, 1.000, 2.000, 3.000 Euro auszugeben. Es sind Kunden, die das Auto ausgemustert haben und aufs Fahrrad umsteigen wollen. Es sind Kunden, die mit dem Rad eine ganz große Tour vorhaben, einmal um die Welt und zurück.

Annette Blum steht jetzt vor dem Regal mit den Schlössern. Zwischen 30 Euro und über 100 Euro kosten sie. „Es gibt keinen sicheren Ort, jederzeit und überall kann dir dein Rad geklaut werden. Dieses Gefühl haben die Menschen“, sagt Blum. Doch was macht dieses Gefühl? „Es schränkt die Leute massiv ein. Sie trauen sich nicht, mit ihrem Rad zur Arbeit zu fahren oder zum Einkaufen. Und wenn, dann nur noch mit einem klapprigen Rad, das nicht wirklich verkehrssicher ist“, sagt sie.

„So ein Schloss hilft gegen die Gelegenheitsdiebe. Wer das richtige Wissen und Equipment hat, kriegt alles auf“, sagt sie. Neben Bolzenschneider, Akkuflex, Dietrich und Hydraulikschere gibt es auch die besonders gemeinen Schlüssel-Rohlinge. Diese kann man sich passend für verschiedene Schlossarten völlig legal im Internet bestellen. Reingesteckt, ein kurzer Schlag und schon ist das Schloss für 100 Euro auf. Anleitungen gibt es auf Youtube. Auf der Händler-Webseite steht: „Sie möchten nicht, dass wir wissen, wer Sie sind? Sie möchten Ihre Bankdaten oder Ihre Adresse nicht durchs Internet schicken? Kein Problem: Wir versenden an jedes Postfach oder c/o Adresse, die Sie uns nennen. Bezahlen können Sie uns bequem mit handelsüblichen Amazon Gutscheinen, diese erhalten Sie in jedem Supermarkt, an jeder Tankstelle oder im Callshop. Rufen Sie uns an! Wir beraten Sie gerne.“

Viele Menschen denken, es bringt eh nichts, zur Polizei zu gehen.
Viele Menschen denken, es bringt eh nichts, zur Polizei zu gehen.Foto: imago/viennaslide

Blum erinnert sich an diese eine Kundin, die ein Spezialrad brauchte, weil sie an einer Muskelschwäche leidet: „Das war eine Spezialkonstruktion. Es musste extragroß sein, aber besonders leicht. Dazu brauchte es diese spezielle Nabe, die allein kostet 1000 und mehr Euro. Viele Male haben wir überlegt, hin und her probiert, welche Teile die besten sind. Am Ende hat das Ding mehrere Tausend Euro gekostet.“

Ein ganzes Leben durcheinander

Die Frau hatte bezahlt, wollte losfahren, ist für eine Minute noch einmal in den Laden gegangen, weil sie etwas vergessen hatte, kam wieder raus, weg war es. „Und es stand nicht auf der Straße, sondern im Hof“, sagt Blum. Es war noch nicht versichert – und ein neues kann sich die Frau nicht leisten. „Diese Diebstähle können eine Menge anrichten, ganze Leben durcheinanderbringen.“

Kurz schweigt sie, dann fällt ihr gleich der nächste Fall ein und der nächste. Kunden in Tränen aufgelöst. Kunden wütend. Kunden verzweifelt. Es sprudelt aus ihr heraus. Der eine Mann, der sich dreimal hintereinander das gleiche Fahrrad gekauft hat, dass ihm dreimal hintereinander geklaut wurde. Jetzt hat er aufgegeben. Die drei Damen, denen ihr Fahrrad am selben Tag am S-Bahnhof Bellevue wegkam. Der Mann, der auf große Welttour wollte, am Wegesrand kurz hinter Berlin anhielt, um rasch zu pinkeln, als er aus dem Busch wiederkam, war das Rad weg.

Ja, und ihr eigener Fahrradladen. Ein Mann kam herein, sah vertrauenswürdig aus, hatte einen Anzug an, interessierte sich für die guten Räder, für das teure Rennrad zum Beispiel, 8.000 Euro wert. Das soll für seinen Vater zum Geburtstag sein, sagt er. Eine Woche später kam er wieder, wollte es Probe fahren. Zur Sicherheit ließ er einen – wie sich später herausstellte: gefälschten – Führerschein da. Setzte sich rauf, winkte noch und fuhr los. Er kam nie wieder.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

194 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben